Klausjürgen Wussow zum 80. Der ewige Chefarzt

Klausjürgen Wussow (Foto)
Die Rolle seines Lebens: Klausjürgen Wussow als Professor Brinkmann mit Filmfrau Gaby Dohm vor der Schwarzwaldklinik. Bild: dpa

Von news.de-Redakteur Florian Blaschke
Als Professor Brinkmann wird Klausjürgen Wussow zur Legende, doch seine Berühmtheit hat auch Schattenseiten. Erst lieben ihn die Gazetten, später nehmen sie sein Privatleben und fast auch sein Sterben auseinander. Unvergessen bleibt er dennoch. Ein Rückblick zum 80. Geburtstag.

Man sagt, die ersten und die letzten Worte im Leben eines Menschen hätten eine besondere Bedeutung. Was aber, wenn ein Mensch gleich mehrere Leben hat? Dutzende, Hunderte? Und doch wieder nur eines? Klausjürgen Wussow war so ein Mensch, geschlüpft in unzählige Rollen, auf der Bühne und vor der Kamera. Am Ende aber war er für die meisten doch nur Professor Brinkmann.

Die ersten Worte, die er 1985 in dieser Rolle spricht, sind zu Recht in Vergessenheit geraten. «Die Heimkehr, ein feierliches Gefühl, was?», sagt er zu seiner Haushälterin Käti. Schwülstig, wie die anfangs von Alfred Vohrer gedrehte Serie so oft war. Und doch ist es für Wussow, 1929 in Pommern geboren, weniger eine Heimkehr als ein Aufbruch, zu fünf Jahren Dreharbeiten, zu 73 Folgen und zu einer der erfolgreichsten Serien des deutschen Fernsehens mit Einschaltquoten von manchmal 60 Prozent. Bis zu 28 Millionen Zuschauer sitzen samstags um 19.30 Uhr vor dem Fernseher und lassen dafür sogar die Tagesschau Tagesschau sein.

Klausjürgen Wussow zum 80.
Der Doktor der Nation

Als Wussow zwanzig Jahre später erneut im Glottertal vor der Kamera steht, um ein Revival der Serie zu drehen, spricht er davon, ins seriöse Fach zurückzukehren. Was er zu diesem Zeitpunkt bitter nötig hätte, wirkt rückblickend dennoch wie eine Posse. Das seriöse Fach hat er Jahrzehnte zuvor bedient, in den 1950er Jahren am Theater am Schiffbauerdamm, später in Frankfurt, Düsseldorf, Köln, Zürich und München, seit 1964 am Wiener Burgtheater. 1985 hat er die großen Rollen längst hinter sich, war schon der Don Carlos und der Ferdinand in Kabale und Liebe, der Karl Moor in den Räubern, der Faust und Mephisto, Macbeth und Horatio in Hamlet. Und dann Professor Brinkmann.

Wie keine andere Figur wird der gütige Arzt mit den grauen Schläfen mit der Privatperson Klausjürgen Wussow vermischt. Wohl weniger, weil ihn die Zuschauer für so glaubwürdig halten, sondern eher, weil sie sich einen Arzt wünschen wie ihn. Und manchmal auch, weil Wussow den Brinkmann nicht nur spielt, sondern der Brinkmann ist. Wenn er seine sprachlichen Eigenheiten in die Rolle mitnimmt, vermischen sich die Charaktere. Auf sein «Ah ja?» oder das an die Sätze angehängte «nicht oder?» kann man sich ebenso verlassen wie auf die immer gleichen Kamerapositionen, von denen von einem Hügel über der Klinik in gefühlten drei Varianten an das Gebäude herangezoomt wird.

Überhaupt ist das mit dem seriösen Fach so eine Sache. Nach der Titelrolle der ZDF-Serie Kurier der Kaiserin steigt er 1973 aus Sergeant Berry nach zwölf Folgen vorzeitig aus. Wussow ist um sein Image als Klassik-Darsteller besorgt. Doch den Brinkmann, eine gut bezahlte Rolle, nimmt er, ohne zu zögern. Und das, nachdem Armin Müller-Stahl den Chefarztposten abgelehnt hat - aus Sorge um sein Image.

Nach der Schwarzwaldklinik geht Wussow erst einmal mit einer Komödie von Bernard Slades auf Tournee. Von den Arztserien aber kommt er nach der Rolle seines Lebens - Produzent Wolfgang Rademann sieht in ihm die «Idealbesetzung» - nicht mehr los, ob als Dottore della Groce in dem deutsch-italienischen Sechsteiler La Scalata (Auf des Messers Schneide) (1993), in der 23-teiligen ARD-Serie Klinik unter Palmen (1996-2003) oder in der MDR-Serie In aller Freundschaft (2004).

Auch privat hat es Wussow, der nach dem Abitur eigentlich Arzt werden wollte, die Medizin angetan. Mit seiner Stiftung sammelt er 52 Millionen Mark und baut eine Klinik für krebs-, herz- und mukoviszidosekranke Kinder, ganz nach dem Vorbild der Schwarzwaldklinik, familienorientiert. Und im Schwarzwald. Doch das Leben vor der Kamera ist gar nicht so weit weg von seinem Traum, wie er sagt: «Denn jeder Schauspieler ist im weitesten Sinne eine Mischung aus Arzt, Priester und Clown.»

Lesen Sie auf Seite 2, warum sich die Boulevardpresse in den 1990er Jahren auf das Privatleben von Klausjürgen Wussow stürzt

Mit seinen späteren Rollen aber macht er kaum noch Schlagzeilen, mit dem, was bei Wussows zu Hause passiert, sehr wohl. Was in der Schwarzwaldklinik oft nur angerissen wird, Ehebruch und Scheidung, bricht Wussow privat fast das Genick. Viermal ist der Schauspieler verheiratet, zu zweien seiner Kinder hat er jahrelang keinen Kontakt mehr, er trinkt, soll pleite sein, die Scheidung von Frau Yvonne wird zur öffentlichen Schlammschlacht. 1993, da ist Wussow bereits 64, wird sein viertes Kind geboren, Benjamin, doch der wird später sagen, eine enge Bindung habe es da nicht gegeben. Die Gazetten stürzen sich auf Klausjürgen Wussow, nach einem halben Jahrzehnt, in dem sie ihm den Hof gemacht haben, nehmen sie nun jeden Zipfel seines Privatlebens auseinander.

160 Rollen habe er in seinem Leben gespielt, sagt Wussow einmal, vielleicht auch mehr. Lediglich zwei hat er sich nicht mehr erfüllen können: König Lear und Nathan den Weisen. Viele seiner Fernsehauftritte sind heute fast vergessen. 1995 spielt er im Tatort, 2000 ersetzt den alkoholkranken Harald Juhnke in Zwei unter einem Dach. Nur, dass er 2005 einen Auftritt bei Big Brother hinlegen will, nehmen ihm sogar eingefleischte Fans übel. Am Ende macht er einen Rückzieher.

Die Schwarzwaldklinik lockt noch heute ganze Busladungen ins Glottertal. Nicht umsonst dreht das ZDF 2004 und 2005 noch einmal zwei Filme, in denen sich viele der alten Protagonisten wiedertreffen. Samt Nachwuchs versteht sich, denn Brinkmanns Filmsohn Benjamin, gespielt von Alexander Wussow, ist natürlich auch Arzt geworden. Die Schwarzwaldklinik war schon immer eine Familienserie.

Da aber ist Wussow schon nicht mehr der Brinkmann, den seine Fans kennen. So, wie die Schwarzwaldklinik zusehends verfällt - seit einigen Jahren steht der Bau leer und soll verkauft werden -, verblasst auch Wussows Glanz, den unter anderem ein Bambi und der Verdienstorden der Bundesrepublik ausmachen. Als er vor zwei Jahren im Sterben liegt, da ist Wussow schon länger dement und nur noch ein Schatten seiner selbst, muss sich sogar sein Sohn Alexander an die Presse wenden. «Es ist keine Sensation, gehen zu müssen», schreibt er.

Die Zeit notiert zu seinem Tod: «Den wenigsten Schauspielern gelingt es, sich in dem kollektiven Fernsehgedächtnis einen Ehrenplatz zu sichern - Wussow hat ihn, daran können auch die letzten Jahre nichts ändern, in denen er von der Boulevardpresse wie ein müdes Zirkuspferd vorgeführt wurde.» Zu seiner Beerdigung in Berlin kommen Hunderte, nur einige Kollegen aus der Schwarzwaldklinik, darunter Gaby Dohm und Sascha Hehn, erscheinen nicht. Bei Dohm, die Brinkmanns Frau Christa spielte, sind es Dreharbeiten, Hehn alias Udo Brinkmann schweigt über die Gründe. Wussows Kinder Barbara und Alexander rufen ihm am Ende ein «Gute Nacht, Papi» hinterher.

Man sagt, die ersten und die letzten Worte im Leben eines Menschen hätten eine besondere Bedeutung. Die letzten Worte von Professor Brinkmann, gerichtet an sein Publikum, sind zu Recht nicht in Vergessenheit geraten: «Und jetzt kommt der Abschied. Der Abschied von Glück und Leid, von Hoffnung und Enttäuschung, und von der Liebe in der Schwarzwaldklinik. Abschied von dem Gefühl des Helfenkönnens, des Helfendürfens, und Abschied auch von der Verantwortung für die Mitmenschen. Die Schwarzwaldklinik wird weiterleben, als ein Ort, wo Menschen für Menschen da sind. Behalten Sie uns in guter Erinnerung.» Worauf Sie sich verlassen können, Herr Professor.

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Dede
  • Kommentar 1
  • 10.03.2013 10:56

Danke, ein schöner Artikel!

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