Anna Loos «Ich will kein Mitleid haben»

Schauspielerin, Sängerin bei der Ost-Band Silly, zweifache Mutter – Anna Loos hat viele Talente. Über ihre Flucht aus der DDR, Ostrock und ihren Mann Jan Josef Liefers spricht die 38 Jahre alte Berlinerin im news.de-Interview.

Liefers und Loos (Foto)
Jan Josef Liefers und Anna Loos sind seit 2004 verheiratet und haben zwei Töchter. Bild: dpa

Frau Loos, als Sie in England den ZDF-Zweiteiler Das Echo der Schuld (12. und 13. April) drehten, waren Sie gerade schwanger ...

Anna Loos: Ja, zu Beginn war ich schon im fünften Monat. Am Ende war es der siebte. Doch es ging sehr gut. Ich habe mich zusammengenommen, damit ich nicht gefuttert habe wie eine Wahnsinnige. Das englische Catering hat es mir aber auch erleichtert. Das ging gar nicht. Alles paniert bis zum Abwinken. Da hat es mich schon geschüttelt, wenn ich nur hinsah.

Trotzdem war der Film ein Risiko.

Loos: Ja, eine schwangere Schauspielerin ist nicht hundertprozentig versichert. Es kann ja sein, dass man ausfällt, weil es irgendwelche schweren Komplikationen gibt, die einen beispielsweise zum Liegen zwingen. Das kann einen Dreh extrem gefährden. Regina Ziegler, unsere Produzentin, wusste das natürlich. Ich konnte sie aber beruhigen. «Mensch Regina», habe ich gesagt, «ich habe schon einmal ein Kind bekommen. So schlimm wird es schon nicht werden.» Eine Schwangerschaft ist schließlich keine Krankheit.

In dem Film geht es um Kindesmissbrauch. Für sie als Mutter ein besonders heikles Thema?

Loos: Ich bin jedes Mal geschockt, wenn ich in den Nachrichten von solchen Fällen höre. Und weil ich selbst Kinder habe, berührt mich so etwas noch viel mehr. Kindesmissbrauch ist im Fernsehen immer noch ein Tabuthema, bei dem schwarz-weiß gemalt wird. Deshalb finde ich auch den Film Es geschah am helllichten Tag mit Gert Fröbe so gut. Dort gibt es Zwischentöne. Der Film zeigt, dass man es sich zu leicht macht, wenn man die Täter nur dämonisiert. Es ist allerdings wichtig, die Gefahr zu kennen und seine Kinder zu schützen.

Wie machen Sie das konkret?

Loos: Ich würde meine ältere Tochter zum Beispiel niemals allein auf den Spielplatz lassen. Entweder bin ich dabei oder mein Mann, die Oma oder eine andere Mutter. Ich kenne auch niemanden, der sein Kind unbeaufsichtigt draußen spielen lässt. In meiner Kindheit war das noch anders. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Wir wohnten am Stadtpark. Ich durfte dort allein hin. Meine Eltern haben sich überhaupt keine Sorgen gemacht. Ich musste erst wieder zu Hause sein, wenn es dunkel wurde. Das war aber auch eine andere Zeit. In der DDR wurde jede Form von Kriminalität totgeschwiegen. Nach offizieller Version lebten in der DDR ja nur lauter Gutmenschen. Trotzdem bin ich überzeugt, dass es damals mit Sicherheit auch Fälle von Kindesmissbrauch gab.

In Das Echo der Schuld spielen sie eine überängstliche Mutter. So schlimm wie diese Virginia sind Sie privat aber nicht, oder?

Loos: Nein, Virginia hat ja schon fast eine Psychose, die auf einem Schuldgefühl basiert. So wie sie bin ich nicht. Es ist aber schon so, dass mein Mann risikofreudiger ist als ich - was die Kinder angeht. Da herrscht bei uns die klassische Rollenverteilung. Er ist eher der Draufgänger, ich bin der Muttertyp.

Sind Sie vorsichtiger geworden, seit Sie Kinder haben?

Loos: Ja, die Geburt meiner Töchter spielte dabei eine wichtige Rolle. Davor war ich eher der totale Draufgänger und manchmal richtig kamikazemäßig unterwegs. Skifahren habe ich beispielsweise gelernt, indem ich die schwerste Piste Schuss runtergefahren bin. Frei nach dem Motto: «Wenn ich die schaffe, schaffe ich alle.» Ich mache auch immer noch gerne Motorradtouren, glaube aber, dass ich umsichtiger unterwegs bin als früher.

Vermissen Sie die wilden Zeiten?

Loos: Nein, überhaupt nicht. Ein Problem ist aber schon, dass man mit Kindern kaum noch Zeit für sich selbst hat. Mein Mann und ich nehmen uns deshalb kleine Auszeiten – ohne Kinder. Auf die passen dann die Großeltern auf. Es muss Momente geben, in denen man die Uhr zurückdreht. Das reicht aber auch. Ich habe so wild gelebt, dass ich das Familienleben wirklich genieße und mich wohlfühle, wenn ich mich um andere sorgen kann.

Wie haben Sie diesen Übergang erlebt?

Loos: Nach der Geburt von Lilly, meiner ersten Tochter, dachte ich noch: «Das wird ein Zigeunerkind, mit dem mache ich ganz wilde Sachen.» Nach ein paar Wochen war mir aber klar, dass es so nicht geht und ich Lilly ein strukturiertes Leben bieten muss. Kinder brauchen Ordnung um sich herum. Und die kann auch eine Schauspielerin schaffen. Alles nur eine Frage der richtigen Organisation.

Wie kommt Ihre Tochter mit Ihrem Beruf zurecht?

Loos: Lilly wächst da langsam rein. Sie war schon oft bei Dreharbeiten, im Theater und auf Konzerten mit dabei. Am Wochenende oder in den Ferien hole ich sie oft dazu. Sie kennt meine Arbeit und weiß, wie viel Kraft und Disziplin dahintersteckt. Für sie ist die Schauspielerei fast alltäglich. Sie hat auch nicht einmal ansatzweise das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, nur weil ihre Eltern Schauspieler sind. Es ist einfach der Beruf, mit dem Mama und Papa glücklich sind und Geld verdienen.

Vielleicht tritt sie später in Ihre Fußstapfen.

Loos: Ihr gefällt diese Welt. Sie ist Feuer und Flamme für das Theater und außerdem sehr musikalisch. Trotzdem würde ich ihr von der Schauspielerei erst einmal abraten.

Weshalb?

Loos: Aus demselben Grund, den meine Eltern mir genannt haben. Sie waren mit meiner Entscheidung, Schauspielerin zu werden, total unglücklich. Ihnen hätte es besser gefallen, wenn ich Ärztin oder Rechtsanwältin geworden wäre. Und es ist schon richtig: Talent zu haben, genügt oft nicht. Die Unsicherheit in einem künstlerischen Beruf ist groß. Ganz wichtig ist Disziplin. Nur wer sehr diszipliniert ist, hat eine reale Chance, es zu schaffen, von dem Glück, das man braucht, mal ganz abgesehen.

Lesen Sie auf Seite 2, warum die Wessis so wenig über den Osten wissen

Sie sind mit 17 aus der DDR in die Bundesrepublik geflüchtet. ...

Loos: Darüber spreche ich nicht so gerne.

Warum nicht? Ist doch inzwischen über 20 Jahre her.

Loos: Um diese Geschichte komplett zu erzählen, müsste ich mir viel Zeit nehmen. Außerdem sind doch vor der Wende Tausende Menschen in den Westen geflohen – und viele können wahrscheinlich eine noch spannendere Geschichte erzählen. Ich komme mir noch immer so vor, als müsste man mir ein Bonbon schenken, nur weil ich damals «rübergemacht» habe. Im privaten Kreis habe ich von der Flucht schon oft erzählt, und ich finde es immer komisch, wenn ich als Reaktion höre: «Mensch, das war aber auch wirklich schlimm damals in der DDR.» Das lehne ich ab. Ich will kein Mitleid haben. Meine Kindheit und Jugend in der DDR waren wunderschön.

Wie blicken Sie heute auf Ihr Leben in der DDR zurück?

Loos: Ich sehe mich jedenfalls nicht als Opfer des DDR-Regimes. Ich habe vom Osten auch profitiert, bin in einem starken Gefüge aufgewachsen. Als ich mit 17 flüchtete, fiel es mir leicht, mich im Westen zu assimilieren. Eigentlich bin ich eine Ost-West-Mischung. Ich habe mir von beiden Seiten das genommen, was am besten für mich war. Wenn mein Leben eine Einbahnstraße wäre, würde ich dieselbe Entscheidung heute wieder so treffen.

Glauben Sie, dass die «Wessis» zu wenig über den Osten wissen?

Loos: Auf jeden Fall. 70 Prozent der Menschen im Westen meinen doch, dass der Osten keinen Soli-Beitrag zahlt. Natürlich können sie sich gar nicht vorstellen, wie der Osten war, wie die Menschen dort gelebt haben. Ihnen fehlt das Gefühl dafür, was es heißt, eingesperrt zu sein. Oder die Angst, wenn man im Café sitzt und befürchten muss, belauscht zu werden. Das kann man durch Erzählungen gar nicht vermitteln, sondern muss es selbst erlebt haben. Ich weiß zum Beispiel noch genau, wie der Osten roch oder wie die Westpakete rochen, wenn sie meine Mutter aufgemacht hat. Als ich nach meiner Flucht auf der anderen Seite lebte, hat sich dieser Geruch potenziert. Das war eine Mischung aus allen Leckereien, aus Bohnenkaffee, Nutella und Lux-Seife.

Sind die Deutschen in Ost und West 20 Jahre nach dem Mauerfall zusammengewachsen?

Loos: Nehmen Sie den Münsteraner Tatort meines Mannes. So wie Axel Prahl in seiner Rolle auftritt, denkt jeder: «Der Prahl, das muss ein Ossi sein.» Und tatsächlich wird er oft gefragt: «Herr Prahl, wo im Osten sind Sie denn aufgewachsen?» Jan Josef Liefers, der in Dresden geboren wurde, halten dagegen viele für einen Wessi, weil er im Film schicke Klamotten trägt und ein schnelles Auto fährt. Das zeigt doch anschaulich, wie sehr wir Deutsche noch in Schubladen denken.

Sie sind Sängerin bei der früheren DDR-Kapelle Silly. Ist das Ihre persönliche Form von Ostalgie?

Loos: Ich mag den Begriff «Ostalgie» nicht. Mit der DDR verbinde ich aber gerade kulturell viel Schönes und Spannendes. Der Osten bedeutete für mich immer auch Wärme. Leider ist die Rockkultur der DDR nach der Maueröffnung geradezu gestorben. Es gibt keine neuen Entwicklungen mehr. Ein genialer Texter wie Werner Karma, der im Osten Riesenerfolge feierte, hat nach der Wende kaum noch ein Bein auf den Boden gebracht. Dabei liegt in der Rockmusik der DDR eine große Kraft. Es wäre schade, wenn all das vergessen würde.

car

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