ZDF-Film «30 Tage Angst» Tagesausflug ins Trauma

Die Wüste bebt: Im ZDF-Drama «30 Tage Angst» gerät eine Hand voll deutscher Sahara-Touristen in die Hände vagabundierender Nomaden. Das Ergebnis: eine Gruppentherapie unter sengender Sonne, jede Menge Hauruck-Action und ein paar politische Denkanstöße als Betthupferl.

30 Tage Angst  (Foto)
Wie einst Lawrence von Arabien: Ex-Soldat Martin (Oliver Stokowski) und seine Mitgeiseln planen die Flucht. Bild: news.de

Und ewig lockt die Wüste. Wie ein Meer aus Sand erstreckt sich die Tanezrouft zwischen Mali und Algerien. Acht deutsche Touristen suchen in dieser faszinierenden Einöde sich selbst oder wenigstens ein paar hübsche Fotomotive, als am Horizont zwei Jeeps auftauchen. Der einheimische Busfahrer weiß, was die Stunde geschlagen hat. Bevor er fliehen kann, streckt ihn eine Maschinengewehrsalve nieder. Eine Gruppe Rebellen nimmt die deutschen Tagesausflügler als Geiseln, um Lösegeld für neue Waffen zu erpressen.

Aktuelle politische Themen sind in Fernsehfilmen des ZDF nicht gerade überrepräsentiert. Umso höher muss man es dem Sender und der Produktionsfirma Ufa anrechnen, endlich einmal ein Zeichen gesetzt zu haben. Immer wieder werden in Nordafrika Touristen entführt. Erst im Januar dieses Jahres gerieten eine deutsche Rentnerin aus Hessen, ein Schweizer Ehepaar und ein Brite in die Hände von Geiselnehmern, die einer nordafrikanischen Splittergruppe des Terrornetzwerks Al-Kaida zuzurechnen sind.

Allzu viel politisches Sendungsbewusstsein darf der Zuschauer von dem Film des erfahrenen Krimi-Regisseurs Thorsten Näter (Tatort, Bella Block) allerdings nicht erwarten. Gedreht wurde selbstverständlich nicht im viel zu gefährlichen Mali, sondern in Namibia. Den Unterschied werden aber wohl nicht einmal erfahrene Sahara-Urlauber bemerken.

Kaum haben die Filmnomaden ihre Geiseln in ein unzugängliches Felsmassiv verschleppt, gerät das Entführungsdrama zur Extrem-Therapiestunde für zivilisationskranke Biedermänner und –frauen. Während die gekidnappten Deutschen von der unbarmherzigen Wüstensonne gegrillt werden, lassen sie nacheinander die Masken fallen. Ex-Soldat Martin (Oliver Stokowski) und seine Frau Nina (Ann-Kathrin Kramer) stehen kurz vor der Scheidung und haben dies Tochter Svenja (Isolda Dychauk) bisher verheimlicht. Der herzkranke Schlachtermeister Gröbner (Wolfgang Stumph) und Gattin Magda (Ramona Kunze-Libnow) wollten sich nach Jahren der Plackerei endlich ihren Traumurlaub gönnen, während Drogeriefachkraft Yvonne (Stephanie Stumph) eigentlich gar nicht weiß, warum sie Sand schluckt statt am Swimming-Pool zu dösen.

Weil Gruppendynamik allein keinen 90-Minüter trägt, bemüht das Skript in der Folge noch eine bleihaltige Nebenhandlung. Bei einem dilettantischen Befreiungsversuch des Militärs töten die Geiselnehmer den Sohn des kommandierenden Generals. Für die Geiseln verheißt das nichts Gutes. Sie geraten zwischen die Fronten von Rebellen und Regierungsarmee. Schließlich nimmt der bis dahin entschlussschwache Martin doch noch das Heft in die Hand und heckt einen gewagten Fluchtplan aus.

Gewagt ist auch so mancher Story-Schlenker im Drehbuch. Schusswunden heilen über Nacht, und Mitgeisel Waltraud (Cordula Trantow) entpuppt sich als fließend arabisch sprechende Wunderwaffe, die problemlos die Lagerfeuergespräche der Geiselnehmer verdolmetscht. Indes erlebt Geisel-Küken Svenja am eigenen Leib, was es mit dem Stockholm-Syndrom auf sich hat, als sie sich Knall auf Fall in den jüngsten Geiselnehmer verguckt. Der büßt seinen Flirt im Wüstensand nach Landessitte mit der Knute. Zum Glück ist der Kidnapper-Romeo in Deutschland aufgewachsen und kann Svenja erklären, weshalb die Entführung von Europäern aus Sicht der Nomaden politisch völlig in Ordnung geht.

Ohne einen politischen Denkanstoß entlässt der Film seine Zuschauer nicht in die Nacht. In einer der letzten Szenen wird darüber spekuliert, ob die Medien wirklich immer ein vollständiges Bild der Realität in Nordafrika liefern oder Wichtiges unterschlagen. Für die Film-Touristen geht es schließlich wieder frisch geduscht und rasiert Richtung Heimat. Das Happy End in der Realität steht dagegen noch aus. Die im Januar im Mali gekidnappten Europäer befinden sich weiter in der Gewalt der Geiselnehmer.

30 Tage Angst, Montag, 6. April, 20.15 Uhr, ZDF.

kab

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