José Carreras im Interview «Ich habe für mein Überleben gekämpft»

Der spanische Tenor José Carreras hat auf allen großen Bühnen dieser Welt gesungen. Er hat den Krebs besiegt und engagiert sich im Kampf gegen Leukämie. Mit news.de spricht er über Höhe- und Tiefpunkte seiner Gesangskarriere und über ein ganz männliches Hobby.

José Carreras (Foto)
Der spanische Tenor Josè Carreras erkrankte 1987 an Leukämie und besiegte den Blutkrebs. Bild: dpa

News.de: Herr Carreras, Sie sind mit einer Österreicherin verheiratet und oft in Deutschland. Sagen Sie mal etwas auf Deutsch!

Carreras: Nein, ich kann kein Deutsch.

News.de: Nicht mal ein Wort?

Carreras: Ein, zwei Worte vielleicht. «Bitte», «Danke» - mehr aber nicht. Ich habe zwar eine Österreicherin geheiratet, aber Deutsch beherrsche ich nicht. Leider. Aber meine Frau spricht neben einigen anderen Sprachen Spanisch – und das richtig gut. Also sprechen wir zu Hause Spanisch. Aber ich kann Englisch, Französisch, Italienisch und sogar den Shanghai-Dialekt. Sie haben die Wahl (lacht).

News.de: Dann unterhalten wir uns auf Italienisch weiter. Sie traten vor 50 Jahren das erste Mal öffentlich auf – im weltberühmten Opernhaus Teatro Liceo in Ihrer Heimatstadt Barcelona. Welche Erinnerung haben Sie daran?

Carreras: Das war 1958, ich war elf Jahre alt – und sehr aufgeregt. Ich sang den Knaben El Trujaman in Meister Pedros Puppenspiel von dem spanischen Komponisten Manuel de Falla - eine schwierige Partie. Für mich war das ein sehr emotionaler Moment – ebenso emotional wie mein Debüt als ausgebildeter Opernsänger 1970 wieder im Teatro Liceo, diesmal als Ismael in Giuseppe Verdis Nabucco. Es gibt noch eine weitere schöne Erinnerung: Als Junge von acht, neun Jahren habe ich hin und wieder im Radio in Barcelona gesungen – immer wieder dasselbe Lied: La donna è mobile aus Rigoletto. Das Stück habe ich im Alter von fünf Jahren im Kino in dem Film Der große Caruso mit Mario Lanza gehört. Ich sah und hörte Lanza, wollte so sein wie er und quälte meine Familie mit La donna è mobile.

News.de: Eigentlich hatten Sie ganz andere berufliche Ziele: Sie wollten Fotograf werden ...

Carreras: Genau, ich habe sogar zwei oder drei Jahre in einem Fotostudio gearbeitet. Und dann habe ich Chemie studiert.

News.de: Und wie kamen Sie schließlich zur Musik?

Carreras: Gesungen habe ich schon von klein auf. Meine Familie hat mich gefördert, sie erkannte, dass ich Talent hatte, und schickte mich im Alter von sieben Jahren ins Konservatorium in Barcelona, wo ich Gesang studierte. Dann nahmen die Dinge ihren Lauf...

Lesen Sie auf Seite 2, welcher männlichen Leidenschaft Carreras nachgeht

News.de: Lassen Sie uns mal die vergangenen fast 40 Jahre Ihrer Bühnenkarriere Revue passieren: Welches war der schönste, welches der schlimmste Moment Ihrer gesanglichen Laufbahn?

Carreras: Schöne Momente gab es viele. Dazu zählen meine Debüts in den großen Opernhäusern dieser Welt: an der Mailänder Scala, an der Wiener Oper, am Covent Garden in London und an der Met in New York. Aber auch die großen Musikfestivals wie die Salzburger Festspiele und die Begegnungen mit großartigen Dirigenten wie Herbert von Karajan, Leonard Bernstein und Claudio Abbato gehören zu den schönen Erinnerungen. Natürlich gab es auch hässliche Momente, aber die vergisst man am besten ganz schnell.

News.de: Ich bohre zwar ungern in einer Wunde, aber es gab da einen Auftritt in Wien zu Beginn Ihrer Karriere...

Carreras: Erinnern Sie mich bitte nicht daran (lacht). Ich sang den Rigoletto, und an einer entscheidenden Stelle versagte meine Stimme. Ich hatte einen schlechten Tag, das passiert manchmal, leider.

News.de: Okay, reden wir nicht weiter darüber. Ein anderes Thema: Ihr aktuelles Album heißt «Mediterranean Passion» und enthält traditionelle Volkslieder aus dem Mittelmeerraum wie «Marenariello» oder «Solamente una vez». Folklore von einem Opernsänger – ist das nicht ungewöhnlich?

Carreras: Ganz und gar nicht. Solche Stücke sind schon immer von großen Tenören interpretiert worden – von Enrico Caruso, Mario Lanza, Beniamino Gigli und Giuseppe di Stefano. Ich liebe diese Lieder seit meiner Kindheit, sie sind voller mediterraner Leidenschaft, voller Leichtigkeit und Energie. Was mir am besten gefällt: Ich kann sie aus ganzer Seele singen.

News.de: Haben Sie neben der Musik und dem Gesang noch weitere Leidenschaften?

Carreras: Ja, die Malerei, die Literatur, die Kunst im Allgemeinen. Das hört sich ziemlich intellektuell an. Aber es gibt da noch eine starke, sehr männliche Leidenschaft: für den Fußball. Schon als Kind bin ich mit meinem Vater ins Stadion gegangen – zu den Spielen des FC Barcelona. Ich bin ein begeisterter Anhänger des FC und seit mehr als 30 Jahren Mitglied des Clubs.

Lesen Sie auf Seite 3, in welcher Weise sich der Tenor im Kampf gegen Leukämie engagiert

News.de: Lassen Sie uns über Ihre Leukämie-Stiftung sprechen, die Sie 1995 in Deutschland gegründet haben. Was wurde bislang erreicht?

Carreras: Vor allem haben wir dank der Stiftung viel Aufklärungsarbeit leisten können darüber, was Leukämie ist, was es bedeutet, daran erkrankt zu sein und wie man diese schlimme Krebserkrankung bekämpfen kann. Dank der enormen Spendenbereitschaft der Deutschen konnten wir in den vergangenen 13 Jahren hunderte von Projekten finanzieren. Wir stellen das Geld der Forschung an Universitäten zur Verfügung, wo daran gearbeitet wird, die Behandlungsmethoden bei Leukämie zu verbessern. Wir fördern den Auf- und Ausbau von Transplantationseinheiten, damit die Wartelisten für Knochenmark- und Stammzellentransplantationen abgebaut werden können, und wir unterstützen Selbsthilfegruppen und andere Initiativen im Kampf gegen den Blutkrebs. Ich bin sehr stolz auf das, was bisher geleistet wurde. Aber ich weiß, dass wir dies alles nicht ohne die Unterstützung großzügiger Menschen erreicht hätten.

News.de: Ihr Ziel ist: Leukämie muss heilbar sein – immer und für jeden. Wie nahe ist die Forschung diesem Ziel gekommen?

Carreras: Ich bin kein Wissenschaftler und kein Mediziner, aber aus dem, was ich über Leukämie lese und höre, schließe ich, dass diese Krebserkrankung eines Tages heilbar sein wird. Wir haben ja schon enorme Fortschritte gemacht im Vergleich zu den 1960er und 1970er Jahren, als Leukämie als unheilbar galt. Inzwischen besiegen immer mehr Menschen den Blutkrebs.

News.de: Sie besuchen oft Leukämiekranke in Krankenhäusern. Was sagt man Menschen, die an dieser schweren Krankheit leiden und vielleicht sterben?

Carreras: Da ich selbst Leukämie hatte, die Krankheit überwunden habe, meinen Beruf wieder ausübe und ein ganz normales Leben führe, sehe ich mich als jemand, der den Kranken einen Funken Hoffnung geben kann. Wichtig ist, dass Betroffene sich niemals aufgeben, selbst wenn die Chance nur eins zu einer Million steht wieder zu gesunden. Glaube an deine Chance und nutze sie – das ist meine Botschaft an Leukämiekranke.

Lesen Sie auf Seite 4, wie Carreras den Blutkrebs besiegte

News.de: Sie erkrankten 1987. Können Sie sich an den Tag der Diagnose erinnern?

Carreras: Wie könnte ich diesen Tag vergessen! Es war der 13. Juli 1987, ich war in Paris bei Dreharbeiten zu dem Opernfilm La Bohème und fühlte mich seit Tagen schlecht. Also ging ich ins Krankenhaus, um mich durchchecken zu lassen. Dort erfuhr ich ein, zwei Tage später, dass ich Leukämie habe. Das war ein großer Schock für mich, aber davon habe ich mich schnell erholt. Ich wollte nur eines: für mein Überleben kämpfen.

News.de: Eine Knochenmarktransplantation rettete Ihr Leben ...

Carreras: Ja. Es war der 16. November 1987 – nur wenige Monate nach der schrecklichen Diagnose. Ich war in Seattle in den USA und sehe noch heute, wie die Knochenmarkinfusion in meine Vene geführt wurde. Ich fragte mich damals, wie es sein kann, dass diese winzige Menge Knochenmark mir helfen kann. Aber alles ging gut. Seitdem feiere ich zweimal Geburtstag im Jahr: meinen eigentlichen am 5. Dezember und meine zweite Geburt am 16. November.

News.de: Inwiefern hat sich seit Ihrer Erkrankung Ihre Einstellung zum Leben geändert?

Carreras: Ich glaube, ich bin immer noch derselbe Mensch wie früher, mit denselben Fehlern und Vorzügen. Dabei wollte ich ein besserer Mensch werden, das hatte ich mir während meiner Leukämie fest vorgenommen (lacht). Vielleicht bin ich durch die Leukämie schneller gealtert, und mir ist klar geworden, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Beruf und Karriere, nämlich die Familie – und die Arbeit für die Leukämie-Stiftung, die meinem Leben einen Sinn gibt.

News.de: Das hört sich fast so an, als wollten Sie sich im Alter von 62 Jahren von der Bühne zurückziehen.

Carreras: Das hört sich nur so an, denn ans Aufhören denke ich noch lange nicht. Dazu bin ich mit viel zu viel Leidenschaft Sänger. Und so lange diese Leidenschaft anhält, mache ich weiter.

José Carreras ruft morgen, Donnerstag, wieder zum Kampf gegen Leukämie auf. Gemeinsam mit Sänger, Schauspielern und Sportlern will er in einer Benefizgala Spenden sammeln, um die Forschung und Therapie gegen Blutkrebs voranzutreiben. Die Gala wird um 20.15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Gäste sind unter anderem Chris de Burgh, Anne-Sophie Mutter, Peter Maffay und André Rieu. Weitere Infos: www.carreras-stiftung.de.

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