Von news.de-Mitarbeiter Sebastian Walther - 15.08.2009, 10.30 Uhr

Interview mit Horst Lichter: «Vor meinem Essen muss keiner niederknien»

Er ist lebenslustiger Schnurrbartträger und Verfechter von viel Sahne und Butter: Horst Lichter. Der Fernsehkoch wird für seine bodenständigen Rezepte und seine rheinische Schnauze geliebt. Mit news.de spricht er über saure Gurken und Küchenschlachten.

Fernsehkoch mit Schnauzer: Horst Lichter wird für seine lustige Art und bodenständige Hausmannskost geliebt. Bild: dpa

Was gibt es heute bei Horst Lichter eigentlich zum Mittagessen?

Lichter: Ich esse meist gar nichts mittags, zumindest wenn ich arbeite. Ich frühstücke lieber ausgedehnt deftig und süß, aber Mittagessen fällt dann immer weg. Und ich esse lieber abends nach Feierabend. Leider Gottes, denn für die Figur ist das nicht sehr zuträglich.

Und dann probiert man während des Kochens auch immer noch nebenher?

Lichter: Ja, wobei das bei uns nicht wirklich viel ist. Ein Hobbykoch, der aus Leidenschaft und Spaß zu Hause kocht, der probiert ein Sößchen auch fünf oder sechs Mal, und wenn es richtig lecker ist auch zehn Mal. Wir haben das mehr im Gefühl, da probiert man vielleicht nur einmal ganz kurz, um den Geschmack auf der Zunge zu haben und zu sehen, ob es jetzt so ist, wie man es haben wollte.

Man hat allerdings ohnehin den Eindruck, dass Sie sich äußerst selten gängigen Ernährungsdiktaten unterwerfen …

Lichter: Wollen wir ganz ehrlich sein, das ist völliger Schwachsinn. Es gibt für mich nur eine einzige, eine wahre Diät und die heißt: nicht Diät halten, sondern Maß halten. Man kann alles machen im Leben, man kann alles essen und trinken. Wenn du dabei das Maß hältst, wirst du weder explodieren noch wird es dich krank machen.

Wo bewahren Sie eigentlich die «Saure Gurke» auf, die Ihnen vor einigen Jahren für den frauenfeindlichsten Beitrag im Fernsehen verliehen wurde?

Lichter: (lacht) Leider Gottes ist das ein Wanderpokal, ich war wirklich traurig, als ich die Gurke wieder abgeben musste. Aber wenn ein Mensch wie ich, der Schokolade verherrlicht, der Nougat liebt und Marzipan vergöttert, wenn der zu einer jungen, sehr gut aussehenden Dame sagt, dass sie für mich wie ein nougatgefülltes Marzipanpralinchen ist, ist das eine Beleidigung?

Werden Sie denn ob Ihres saloppen Ausdrucks häufiger in dieser Art missverstanden?

Lichter: Ich habe das unfassbare Glück, dass ich so sein kann, wie ich wirklich bin. Es gibt immer mal wieder den Moment, in dem Menschen glauben, dass dem nicht so sei und ich nur etwas darstelle. Klar kann ich auch mal traurig sein oder ein ernstes Gespräch führen, aber glaubt mir, ich bin tatsächlich genau so, wie man mich immer und überall erlebt.

Liegt das in Ihrem Naturell begründet oder auch in den schweren gesundheitlichen Schicksalsschlägen in jungen Jahren?

Lichter: Der Rheinländer an und für sich ist ja nicht gerade ein sehr ernsthafter Mensch, es ist also sicher auch Teil meiner Persönlichkeit. Aber es liegt wohl auch an den schweren Zeiten, die ich durchgemacht habe. Da habe ich gelernt: einfach mal genießen, wie gut es einem geht. Ich kann mich über den ganzen Müll nicht mehr aufregen, gar nicht. Es gibt für alles Lösungen.

«Lafer! Lichter! Lecker!», «Lanz kocht» oder «Die Küchenschlacht»: Worum geht es, wenn Sie im Fernsehen kochen?

Lichter: Ich habe nur eine einzige Absicht, das ist immer noch dieselbe wie damals als Kind, da wollte ich bereits Koch werden: Gäste, die Spaß haben, die lachen, sich freuen und gut essen. Vor meinem Essen muss keiner niederknien, dafür gibt es andere. Deren Intention war es immer, aus Lebensmitteln Kunstwerke zu gestalten. Das war nie mein Ding. Die ganzen Sterneköche sind wie ein Orchester – sie spielen eine fantastische Sinfonie, die perfekt aufeinander abgestimmt ist – und ich bin eher derjenige, der in der Garage Gitarre spielt und ein paar Kumpels kommen vorbei. Bei mir sind vielleicht einige falsche Töne dabei, aber alle singen mit.

Unzählige TV-Sendungen zum Thema, Bücher, Rezeptsammlungen ohne Ende, aber trotzdem scheint es so, als würden sich die Menschen immer schlechter ernähren. Wie erklärt sich das?

Lichter: Da muss ich wirklich widersprechen. Zu den Zeiten, in denen ich groß wurde, haben die Mütter jeden Tag kochen müssen, das ist heute anders, heute muss keiner mehr kochen. Heute gibt es Kochkurse, Clubs, Kochen als Event und genau dieser Teil ist um ein Vielfaches angestiegen.

Das Magazin «Spiegel» attestierte Ihnen, hinter dem Herd die «Sehnsucht des Publikums nach dem Echten» zu befriedigen …

Lichter: Nicht nur dem Echten, vielmehr nach normaler Unterhaltung. In Zeiten wie heute sind auf einmal alte Werte wieder in: Familie und Freunde zum Beispiel. Dazu kommt: In einer Kochshow möchte ich nicht ununterbrochen belehrt werden und vorgeführt bekommen, was der andere so viel besser kann als ich. Ich suche vielmehr etwas, das mich amüsiert, eine saubere und schöne Unterhaltung, etwas zum Schmunzeln, wo ich vielleicht noch das eine oder andere Wissenswerte mitnehme.

Ihre bodenständige Art, so scheint es, manifestiert sich auch in Ihrer Küche?

Lichter: Ja, weil ich sie liebe. Ich bin allerdings sehr wohl in der Lage zu würdigen, was Sterneköche machen können, und mich davon auch begeistern zu lassen. Ich weiß, was für unfassbare Arbeit, Disziplin und Kreativität das verlangt. Ich mache das Bodenständige. Würden wir uns aber nicht weiterentwickeln, würden wir heute noch mit einer Keule hinter dem Mammut her rennen und die Frau an den Haaren in die Höhle ziehen.

In Ihrer Live-Show gipfelt diese Bodenständigkeit bereits im Titel der Show: «Sushi ist auch keine Lösung», stattdessen köcheln Sie dort ein eigenes Sushi aus Fischstäbchen und O-Saft?

Lichter: Warum haben wir vor tausenden von Jahren das Feuer erfunden, wenn wir es heute nicht mehr nutzen? Da sage ich dann auch: Muss ich jetzt, wo wir an der Spitze der Nahrungskette stehen, wirklich Free Willy das Essen wegmampfen? So ein gebratener Fisch ist doch geiler.

Um Butter und Sahne geht es doch sicher auch, schließlich sind Sie überzeugter Verfechter dieser zwei Kalorienbomben.

Lichter: Ich bitte Sie, ohne ginge nicht. Dazu stehe ich auch und ganz ehrlich: Sowohl Butter als auch Sahne machen nie im Leben fett, es sei denn, du ernährst dich ausschließlich davon. Aber schon Oma wusste, Fett ist ein Geschmacksträger. Mit Margarine bekommst du keine Soße lecker.

Sie gehen nun auf deutschlandweite Tour, haben aber – was eher unbekannt ist – schon früher in Landestheatern und Kulturhäusern gespielt.

Lichter: Da hatte ich immer auch einen Küchenherd dabei, aber ich habe vorwiegend Kabarett gemacht, aus meinem Leben erzählt, über die alltäglichen Dinge gesprochen, die uns alle beschäftigen. Eigentlich wurde damals am Herd noch weniger gemacht als heute. Und ursprünglich wollte ich sogar aufhören damit, denn es wurde alles etwas viel mit dem Fernsehen.

Haben Sie denn bereits damals Ihren markanten Bart getragen?

Lichter: Der wird mir heute als Markenzeichen nachgesagt, dabei trage ich den bereits seit 28 Jahren. Damals habe ich Bodybuilding gemacht, ich wollte auch mal so aussehen wie Arnold Schwarzenegger. Mein Idol waren die Gewichtheber vom Jahrmarkt, mit ihren geringelten Anzügen, schweren Eisenkugeln und genauso einem Schnurrbart. Den Bart habe ich zumindest geschafft. (lacht)

Sie haben bereits eine Biographie geschrieben und auch sonst wenig Berührungsängste mit der Öffentlichkeit. Ist die Bühne der perfekte Ort für Sie?

Lichter: Mit Bühne wird oft auch das Künstliche, das Darstellen verbunden. Meine Bühne ist tatsächlich mein wahres Leben. Ich turne dort genauso rum wie auf der Bühne. Und die Menschen empfangen mich so, als würde ich auf der Bühne stehen. Wenn ich am Bahnhof ankomme, egal wo, kommen die Menschen, lachen, drücken mich, erzählen mir Witze – und ich finde es wunderschön, weil ich Menschen so liebe.

Horst Lichter (47) war zunächst Fernsehkoch beim WDR. Seit Dezember 2006 kochte er gemeinsam mit Johann Lafer in der Kochsendung «Lafer! Lichter! Lecker!» im ZDF. Im Januar 2008 startete das ZDF die Reihe «Die Küchenschlacht», in der Horst Lichter als Moderator und Jurymitglied mitwirkt. Mit «Sushi ist auch keine Lösung» geht er nun wieder deutschlandweit auf ausgedehnte Live-Tour.

 

Weiterführende Links:

Interview mit Reiner Calmund: «Ich war ein Hungerhaken»


Aus dem Netz:

Horst Lichters Video-Blog auf «Bunte»

car/kat/news.de

Empfehlungen für den news.de-Leser