Interaktive App Das Hörbuch der Zukunft

«Raumzeit - Der verbotene Sektor» (Foto)
Fit für iPhone und iPod Touch: Raumzeit - Der verbotene Sektor ist das erste echte interaktive Hörbuch. Bild: Audiogent

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Ob sie zur Revolution werden, muss sich zeigen: Interaktive Hörbücher stecken noch in den Kinderschuhen. Doch der Anfang ist frech, draufgängerisch und vielversprechend: die App Raumzeit - Der verbotene Sektor.

Wer interaktive Hörbücher sucht, findet vor allem Sprachlernkonzepte in Form von Hörgeschichten. Oft steckt hinter dem Konzept lediglich ein Paket aus CDs mit Hörtexten und einem Buch zum Mitlesen. Doch das Prinzip interaktiver Hörbücher ist ein anderes. Das junge Genre basiert technisch auf Computer- und Videospielen, bei denen der Spieler die Geschichte beinflussen und - wenn möglich - deren Ende bestimmen kann.

Das wohl erste echte, interaktive Hörbuch stammt vom jungen deutschen Unternehmen Audiogent. Raumzeit - Der verbotene Sektor heißt die Geschichte, die voller schwarzem Humor steckt und als App entwickelt wurde. In knapp einer Stunde Spiel- und Hörzeit versucht Captain Burke mit seinem Raumschiff, der «Game Over», in einen Sektor zu fliegen, in dem es «sehr ruhig» zugeht - und der Abenteurern jede Menge Action verspricht.

Interaktives Hörbuch
Mit «Raumzeit» in neue Hörwelten
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Arbeit für Bewegungssensoren

Dieses Ziel zu erreichen, ist ein hartes Stück Arbeit - und das hat nicht nur damit zu tun, dass dem Raumschiffchef ein passender Navigator fehlt. Die «Game Over» ist alles andere als verkehrssicher, hat eine eigenwillige Vorstellung davon, was in brenzligen Situationen zu tun ist, und der Kommandant ist ein kleinkrimineller Draufgänger, dem stets die intergalaktische Polizei im Nacken sitzt.

Abtauchen ins Abenteuer können Besitzer von iPhone und iPod Touch, denn Raumzeit - Der verbotene Sektor ist als App ausschließlich für diese Geräte verfügbar - ab Betriebssystem iOS 3.1. In beiden Geräten finden sich die technischen Voraussetzungen, die das Hörbuch in interaktives Fahrwasser bringen.

So werden die integrierten Bewegungssensoren zur Navigationskontrolle in Flugsituationen oder beim Knacken von Schlössern genutzt. Der Haken: Die Feinsteuerung zeigte sich im Test von news.de etwas hakelig. Es braucht ein paar Versuche, bis der hörende Spieler genug Feingefühl entwickelt hat, um Treffer zu landen. Bekommt er es nicht auf die Reihe, greift das Programm ein und erledigt das Problem selbst - vorausgesetzt die Interaktionszeit wurde in den Optionen nicht auf «unendlich» gestellt.

Die Freiheit der Entscheidung

Mitunter hält der Nutzer das Gerät aber einfach falsch. Sobald eine Aufgabe per Bewegung gelöst werden soll - also die Bewegungssensoren Input erhalten -, kann die Software das fehlinterpretieren. Im Prinzip ist das kein Fehler. Eine kleine Einweisung vorab hätte das Problem aber vermieden. Gelegentlich hängte sich die App im Test aber auch einfach für ein paar Sekunden auf.

Problemlos funktionieren Elemente mit Touchpad-Eingabe. Solche Situationen tauchen besonders in Räumen oder bei Gesprächen mit Figuren auf. Auf dem Display erscheint dann eine Menüauswahl mit verschiedenen Optionen. Einige davon lassen eine Mehrfachauswahl zu, andere erlauben nur eine Interaktion. Die Software passt den Fortschritt der Geschichte entsprechend an.

Komfortabel ist die Hörbuch-App in Sachen Spielerfreundlichkeit. Drei Schwierigkeitsstufen stehen zur Wahl. Zudem ist eine Standby-Funktion integriert, mit der sich die Science-Fiction-Geschichte jederzeit pausieren oder fortsetzen lässt. Und wer keine Lust mehr darauf hat, lässt die Geschichte weiterlaufen, ohne mitzuspielen.

Prinzip: Viel Luft nach oben

Während die Entwickler bei der Vertonung mit bekannten Stimmen aufwarten - darunter Dietmar Wunder, die deutsche Stimme von Adam Sandler und Andreas Fröhlich von Die drei ??? -, bleiben sie bei der optischen Unterstützung eher marginal. Es gibt einzelne Szenenbilder, die der mentalen Vorstellungskraft ein Seil zum geistigen Entlanghangeln bieten. Charakterbilder fehlen. Das ist zwar für ein Hörbuch nicht wichtig, wäre aber ein nettes Gimmick.

Technisch steht das Genre am Anfang - das zeigt auch die App. Minispiele und Navigationsmenüs, die entweder genutzt oder übersprungen werden können, bieten eine gute Ausgangsbasis, die noch viel Luft nach oben lässt. Nicht zuletzt, was die Nutzung von mobilen Technologien angeht.

So könnten etwa die zwei Kameras des iPhone 4 und des iPod Touch künftig eingebunden werden. Oder auch das GPSDas Global Positioning System (Globales Positionsbestimmungssystem) erlaubt die weltweite, satellitengestützte Navigation. Um mit dem Satelliten Kontakt aufzunehmen, braucht es ein geeignetes Sende- und Empfangsteil, das sogenannte GPS-Modul. des iPhone - zumindest für Geschichten, die weniger auf Science-Fiction, denn auf Realthemen abgestimmt sind. Beflügeln ließe sich das junge Genre durch Sprachbefehle - gerade weil die Hörgeschichten mehr Entscheidungsräume bieten als «richtig» oder «falsch». Und auch Augmented Reality könnte Eingang in interaktive Hörbücher finden.

Mit solchen Funktionen ließe sich die ImmersionEin Bewusstseinszustand, in der der Nutzer sich weniger in der realen, sondern stärker in der virtuellen Welt verortet. des Nutzers künftig steigern, meint auch Professor Maic Masuch, Leiter des Lehrstuhls für Medieninformatik mit Schwerpunkt Entertainment Computing an der Universität Duisburg-Essen. «Je mehr wir selber verändern können, desto mehr tauchen wir in die diese Welt ein», weil eigene Erfahrungen gemacht werden könnten.

Eine Schwäche des Genres, die auch Raumzeit - Der verbotene Sektor hat, bleibt auf lange Sicht wohl, dass der Nutzer den Ausgang der Geschichte bislang nicht gänzlich selbst bestimmen kann. Eine Lösung dafür hat auch die Gaming-Branche nicht parat. Mit einer Ausnahme: Die Lebenssimulation Die Sims 3 verzichtet im Wesentlichen auf eine Story, bietet dem Spieler dafür aber die Gelegenheit, über das Verhalten und Leben seiner AvatareGrafische Stellvertreter einer realen Person in einer virtuellen Welt. bis zu einem bestimmten Grad eigenmächtig zu entscheiden.

Autoren müssen umdenken

Doch Sinn bei interaktiven Hörbüchern sei es, innerhalb der Geschichte selbst zu entscheiden, «ob man in einem Wald nun nach links geht oder nach rechts, ohne zu wissen, was den Hörer dort erwartet», erklärt Masuch. Das Problem: Erzählstränge verzweigen sich dann unendlich - und endlos. Irgendwann verliert der Hörer den Überblick. Fügt man die Erzählstränge an bestimmten Punkten wieder zusammen, gebe es keine wirkliche erzählerische Alternative mehr. «Zwar kann man die Geschichte dann immer wieder auf unterschiedliche Weise hören. Doch man endet immer am selben Punkt», so Masuch.

Ein Dilemma, zu dem zwei weitere wichtige Faktoren erheblich beitragen. «Die meisten Drehbuchautoren sind auf lineare Entwicklungen getrimmt. Den wenigsten gelingt der Wechsel hin zu Open-World-Szenarien, in denen jeder Charakter ein absolut eigenständiges Leben hat», betont Masuch. Zum anderen stecke das junge Genre noch in den Anfängen, weil nicht immer klar ist, wo die interaktiven Hörbücher genutzt werden. «Wer Auto fährt, kann höchstens per Spracheingabe interagieren. Jemand, der am Computerdisplay sitzt, hat ganz andere Möglichkeiten», erklärt der Experte.

Audiogent hat sich hier auf die Interaktionsmöglichkeiten festgelegt, die mit iPhone und iPod Touch möglich sind. Das Ende der Fahnenstange ist damit aber längst nicht erreicht. Vielleicht gelingt es ja den Machern interaktiver Hörbücher, auf diesem Gebiet Pionierarbeit zu leisten und den Spagat zwischen Geschichte und Interaktivität zu bewältigen. Die technischen Raffinessen von SmartphonesStreng genommen handelt es sich um Mobiltelefone mit erweiterten Fähigkeiten - zum Beispiel für die Verwaltung von Kontakten, Terminen und Aufgaben (sogenannten PIM-Funktionen) - sowie multimedialen oder internetbasierten Anwendungen. Sie benutzen meist ein spezielles Betriebssystem, welches die Installation weiterer Programme erlaubt (Symbian OS, Windows-Mobile, Android). Der Begriff Smartphone wird oft synonym für Geräte anderer Gattungen verwendet, zum Beispiel Organizer oder PDAs mit Telefonfunktionen. und anderen mobilen Geräten könnten dafür eine gute Ausgangsbasis bilden.

Tatsächlich, so Masuch, könnte eines Tages die Grenze zwischen interaktivem Hörspiel, Videospiel und Realität verschwinden: Wenn es nicht mehr darauf ankommt zu wissen, wo das Angebot genutzt wird, das Problem zwischen Wahlfreiheit des Nutzers und Story-Verzweigungen überwunden ist, die Geschichte in die reale Umwelt eingebettet wird und die Software-Prototypen ihre bisherige Leistungsfähigkeit übersteigen. Werden dann noch künstliche Intellligenz und automatisierte Dialoge verwendet, dann fallen die Grenzen. «Bis dahin arbeitet man noch mit schönen Illusionen», sagt Professor Maic Masuch.

Fazit. Raumzeit - Der verbotene Sektor ist nicht nur ein neues Erlebnis, die App versprüht auch Pioniergeist. Vielleicht ist die Wahl der Story auch deshalb auf den Bereich Science Fiction gefallen. Langweilig wird das Abenteuer um Captain Burke dank seines schwarzen Humors und der frechen Schnauze jedenfalls nicht. Schade ist nur, dass es bislang keine zweite Folge der App gibt.

Ein bisschen dürfte das aber auch dem Dilemma geschuldet sein, das zwischen Technologie, Geschichtenerfindern und Nutzer zwangsläufig entsteht. Auf iPhone und iPod Touch zeigt sich aber: Das Genre hat noch viel Potenzial und bewegt sich bislang nur am Rande des technisch Machbaren. Umso spannender dürfte es für die Apple-, Technik- und Spielfans sein, die künftige Entwicklung genau im Auge zu behalten. Und zwar nicht nur in Sachen Unterhaltung. Interaktive Hörbücher dürften auch für Bildungszwecke eine stärkere Bedeutung bekommen. Vieles ist möglich, solange in den Bereichen Technologie und Story nicht die Ideen ausgehen.

Bestes Zitat: «Nur die Androiden sind nicht zufrieden.»

Titel: Raumzeit - Der verbotene Sektor
Genre: Science Fiction
Sprecher: Dietmar Wunder, Andreas Fröhlich, Hubertus Bengsch, Eberhard Prüter u.a.
PublisherAls Publisher wird ein Unternehmen bezeichnet, unter dessen Namen neu entwickelte Spiele veröffentlicht werden. Audiogent
Entwickler: Audiogent
Preis: 1,59 Euro
Sprache: Deutsch
Plattform: iPhone, iPod Touch
Veröffentlichungsdatum: 2010
Weiterspielen: Bisher gibt es keine Fortsetzung.

sis/rzf/news.de

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