Mo., 13.02.12

Videotext-Nachfolger HbbTV mixt Internet und Fernsehen

Von news.de-Redakteurin Sophia Sieber

Artikel vom 10.08.2010

Das Bild ist hochauflösend, der Sound kommt aus dem 7.1-Lautsprechersystem - und der Videotext? Der kommt noch immer in pixeliger Space Invaders-Optik daher, als ob sich die Erde seit den 1980er Jahren nicht mehr drehen würde. Sein Nachfolger steht in den Startlöchern.

Nein, Sie haben sich nicht verlesen - hier steht nichts von HDTV. Hier geht es um HbbTV - eine neue Abkürzung zum Auswendiglernen und im Geschäft wiedererkennen. Dieses sperrige Kürzel sagt nichts über Bildqualität oder Empfangsweg aus: HbbTV steht für «Hybrid Broadcasting Broadband TV» – ein Mischmasch aus Rundfunk und Internet.

Neu ist es nicht, dass YouTube-Videos auf dem Fernseher angeschaut werden können. Für den ein oder anderen ist das bereits kalter Kaffee. Das eigentliche TV-Programm muss er dafür aber unterbrechen: «Die Medien Rundfunk und Internet sind nicht ausreichend kombiniert. Zwar gibt es Endgeräte, die es ermöglichen, Inhalte des jeweils anderen Medium darzustellen, jedoch existiert keine inhaltliche Verbindung», erklärt Alexander Erk vom Institut für Rundfunktechnik (IRT).

Der Videotext ist nicht mehr zeitgemäß

Diese Verbinung schafft nun HbbTV, das vom IRT maßgeblich mitentwickelt wurde. Die Grenzen zwischen dem klassischen Rundfunk und Internet verschwimmen so vollends: «Das heißt, Inhalte, die TV-Sender heute auf ihren Internetseiten anbieten, können in einer TV-gerechten Version und im Bezug auf das jeweilige Liveprogramm genutzt werden», so Erk weiter.

Erst im Juni ist HbbTV in seiner Spezifikation von der europäischen Standardisierungsbehörde ETSI als Standard verabschiedet worden. Perfektes Timing, boomen die internetfähigen Fernseher doch. Laut Bitkom ist mittlerweile jedes fünfte Gerät fit für das World Wide Web. Und sowieso: «Auf einem HDTV-Bildschirm ist die Darstellung des traditionellen Videotextes, übrigens eine Entwicklung aus den 1980er Jahren, heute nicht mehr zeitgemäß», ist Erk überzeugt.

Gerade einmal 25 Zeilen à 40 Zeichen stehen den Programmanbietern derzeit zur Verfügung, um nützliche Zusatzinfos zu ihren Sendungen zu liefern. Die Space Invaders-Optik ist wohl für jeden immer wieder ein kleiner Schock, der vom hochauflösenden Science-Fiction-Blockbuster zu den kleinen weißen, blauen, roten oder gelben Buchstaben vor schwarzem Hintergrund wechselt.

HbbTV nutzt etablierte Technologien

HbbTV macht die Zusatzinfos nun schick und multimedial. So können zum Beispiel zur aktuellen Kochsendung aufgearbeitete Webinhalte wie Rezepte, Videos oder hochaufgelöste Bilder angeschaut werden. Dabei erfinde HbbTV das Rad nicht neu, sondern greife auf bewährte Technologien zurück, die auch die sogenannten Web-2.0-Anwendungen (Facebook) ermöglichen, erklärt Erk - damit müssten keine Geräte und Dienste vollkommen neu entwickelt werden.

So setzt die ARD beispielsweise bei ihren HbbTV-Angeboten auf bestehende Inhalte, die bisher über das Internet transportiert werden. Diese werden TV-gerecht aufgearbeitet. Die Arbeitsgemeinschaft erprobt die Technologie seit längerer Zeit, erklärt Brigitte Busch von ARD Digital: «Bereits auf der Ifa 2008 wurden erste Prototypen von HbbTV-Anwendungen gezeigt, darunter eine TV-Edition der ARD Mediathek, ein digitaler ARD-Text und ein EPGElectronic Programm Guide: Der elektronische Programmführer bietet Informationen zu laufenden oder folgende Sendungen einschließlich Bildern. Anders als beim herkömmlichen Videotext kann das Programm gewechselt werden, während der EPG aktiv ist.

Auf der Ifa 2010 wird die ARD dann konkrete HbbTV-Applikationen präsentieren: «Dazu zählen Video-on-Demand-Angebote aus den ARD-Mediatheken. Filme und Serien, Magazine und Talksendungen, Dokumentationen, Ratgeber-Sendungen und - nicht zuletzt - die Tagesschau-Applikationen von ARD-aktuell können zeitsouverän abgerufen werden.» Außerdem lieferten die einzelnen Landesrundfunkanstalten Inhalte mit regionalem Schwerpunkt.

Auch der private Veranstalter RTL will noch in diesem Jahr mit seinem Angebot starten. So konkret wie bei der ARD sind die Vorstellungen hier allerdings nicht. Neben Textinformationen wolle man hochaufgelöste Bilder und Videoclips integrieren, sagt Matthias Büchs von RTL. ProSiebenSat1 werde laut Sat+Kabel auf der diesjährigen Ifa ein Pilotprojekt starten.

Der Red Button soll's einfach machen

Ein Konzept, wie das praktisch funktionieren wird, gibt es bereits, wie Volker Blume von Philips erklärt: «Der Zuschauer wird die Nutzung durch die bekannte Fernbedienung erleben und so sehr intuitiv die neue Technologie auf seinem Fernsehgerät nutzen.» Der Druck auf den roten Knopf der Fernsehfernbedienung, den sogenannten Red Button, öffnet dabei das Tor zum HbbTV-Portal. Das Fernsehbild kann dabei in einem verkleinerten Fenster weiter angeschaut werden.

Da diese Navigation ein Teil der HbbTV-Spezifikation ist, haben es die Hersteller bereits umgesetzt. Dank Software-Update beherrschen bereits einige Philips-Fernseher aus dem Jahr 2009 das System: «Die 2010er Geräte können weitere Funktionen von HbbTV nutzen und erlauben zum Beispiel das Skalieren des laufenden Programms. 2011 wird HbbTV vollständig in die Geräte implementiert sein, die Net TVNet TV ist ein Philips-eigenes Portal für Internetangebote auf dem Fernseher. Nutzer können über Net TV beispielsweise direkt auf die Online-Videothek Videoload zugreifen. integriert haben», erläutert Blume.

Ab Herbst 2010 will Hersteller Loewe erste Geräte auf den Markt bringen. Derzeit befänden sich diese noch in der Entwicklung, sagt Thorsten Kürzinger, Produktmanager bei Loewe, und erklärt: «Für eine Integration in Produkte ist HbbTV allerdings erst seit kurzem richtig interessant, da es sich erst jetzt zum anerkannten Standard entwickelt hat.» Mittelfristig könnte sich das Unternehmen sogar vorstellen, eigene Inhalte für das HbbTV-Angebot zu liefern.

Andere Hersteller sind deutlich zurückhaltender, erklärte Martin Winkler von Sony Deutschland gegenüber news.de: «HbbTV ist ein interessanter Ansatz. Selbstverständlich beobachten wir die Entwicklung sehr genau.» Wann Sony allerdings mit entsprechenden Geräten aufwarten wird, steht noch in den Sternen.

Endstation interaktives Fernsehen?

Mögen sich noch nicht alle Hersteller am Markt beteiligen - die Experten sind sich einig, dass sich HbbTV durchsetzen wird. Die Voraussetzungen dazu seien gut: «Mit ARD, ZDF, ProSiebenSat1 und RTL haben sich alle großen deutschen Programmfamilien bereit erklärt, HbbTV mit ihren Inhalten zu unterstützen», so Erk. Auch für Kürzinger steht fest: «Nur wenn Inhalteanbieter die Chancen erkennen und für diese Plattform immer neue, spannende Lösungen entwickeln, kann HbbTV zum Erfolg werden.»

In Zukunft könnte die Technologie dafür sorgen, dass sich ein vielbeschworenes Format durchsetzt, wie ARD-Frau Busch meint: «HbbTV bietet aufgrund des breitbandigen Rückkanals beste Voraussetzungen für interaktives Fernsehen. Die Möglichkeit, dass die Zuschauer - zum Beispiel durch Abstimmungen - aktiv am laufenden Programm teilnehmen, ist dadurch gegeben.»

Eine langfristige Gefahr für den klassischen Rundfunk wird die Technologie aber nicht sein, ist sich Erk sicher: «Die Verbreitung von audiovisuellen Inhalten über ein Rundfunkmedium ist auch heute noch immer die effektivste Methode, ein Millionenpublikum zu erreichen. HbbTV wird für den Zuschauer zu Hause die Lücke zwischen dem Rundfunkempfang am TV-Gerät und dem individuellen Medienkonsum am PC oder Laptop schließen.»

ham/ivb/news.de
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Videotext-Nachfolger: HbbTV mixt Internet und Fernsehen » Technik » Nachrichten

URL : http://www.news.de/technik/855068524/hbbtv-verschmilzt-internet-und-fernsehen/1/
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Leserkommentare (1)
  • Kommentar: 1
  • 10.08.2010 13:58
von
cuvo

Brauchen wir senderseitig einen neuen Standard oder für Endgeräte? Sollen die Gebührenzahler das Experiment zwangs-finanzieren? Internetzugriffe kann man schon mit Fernsehen überblenden, auch interaktiv - Bild im Bild und "intelligente" Fernseher oder Computer mit Empfänger. Die Angebote müssen zusammen passen. Das ist die wirkliche Herausforderung! VT-Auflösung geht auch in Kleinst-TV. Text lesen und einer Handlung folgen kann man gleichzeitig. VT geht mit jeder Fernbedienung, kennt keine Viren und stürzt nicht ab. Das Zusammenspiel mit dem Programm ginge besser, wenn es genutzt würde.

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