Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Ins 3D-Zeitalter hat Segas rasanter blauer Igel längst Einzug gehalten. Doch Fans, die mit der 2D-Variante aufgewachsen sind, sind davon wenig begeistert. Sie lieben den alten Sonic. Die Sonic Classic Collection weckt deshalb Erinnerungen - und Enttäuschung.
Ein bisschen Retro muss manchmal einfach sein - vor allem unter Videospielern. Das waren noch Zeiten als Segas großes Aushängeschild Sonic wie eine Bowlingkugel durch die Level rollte und beim Einsammeln der Ringe klingelnde Ohren hinterließ, wenn der Mono-Fernseher nur laut genug aufgedreht war.
Gut gepflegt, funktioniert die damalige Konsole, das Master System II, noch prima, wenn auch die Bildwiedergabe sehr gelitten hat. So ist das eben im Alter. Doch um den Fans der guten alten 2D-Welt noch einmal die Kindheit zurückzugeben, hat sich Publisher Sega ein Herz gefasst und Sonic im alten Format wieder ins Rennen geschickt.
Gleich vier Spiele bietet die Sonic Classic Collection, um die Gunst der Handheld-Gamer zu gewinnen. Und bei Sonic The Hedgehog, Sonic The Hedgehog 2, Sonic The Hedgehog 3 und Sonic & Knuckles kann so mancher inzwischen gewordene Papa seinem Nachwuchs zeigen, dass er selbst mal im Videospielefieber gesteckt hat.
Portierung ohne große Mühe
Alt muss sich deshalb aber niemand fühlen. Alt ist nur, was das Display zeigt. So alt, dass mancher wohl meinen mag, er sitze tatsächlich noch vor einer der alten Sega-Konsolen.
Doch weit gefehlt: Segas Entwickler haben sich nur nicht die Mühe gemacht, dem rasenden Igel und seinen Freunden einen zeitgemäßigen 2D-Schliff und eine brauchbare Auflösung zu verpassen. Stattdessen wirkt der Igel extrem pixelig, was bei der geliebten Jump'n'run-Welt in ihrer teils knallbunten Optik auf dem kleinen Bildschirm äußerst unangenehm für die Augen ist.
Die Portierung beschränkt sich auf das Nötigste. Keine Schnörkel. Nur ein paar Illustrationen, die sich digital durchblättern lassen, sonst aber nichts zu bieten haben. Einen Mehrspielermodus gibt es nicht und die auf dem unteren Bildschirm angedeuten Funktionen zum Laden und Speichern sind nicht mehr als eine Farce. Denn wirklich nutzen kann der Spieler das nicht. Also muss jeder zwangsläufig wieder von vorn beginnen, der den DS einmal augeschaltet hat.
Trotz der ollen Kamellen hat die Sonic Classic Collection Neues zu bieten - oder besser: Ungewohntes. Und das merkt spätestens, wer in Sonic The Hedgehog die drei Teile der «Green Hill Zone» geschafft hat. Das sieht doch anders aus! Definitiv. Denn wer beim Ladebildschirm nicht hingeschaut hat - was gar nicht ungewöhnlich ist - hat den entscheidenden Hinweis verpasst: Das, was Sega da als Classic Collection ausgibt, ist zumindest hierzulande nicht ganz so klassich. Es handelt sich nämlich um die Versionen, die in den USA veröffentlicht wurden.
Wer nicht will, der hat
Das trifft letztlich auch den Oberfießling, dem sich Sonic und seine rasanten Kumpanen stellen müssen, um all die Tiere zu befreien, die der fiese Dr. Eggman in Roboter verwandeln will. Doktor wer? Nun, die deutschen Fans kennen den Bösewicht unter dem Namen Dr. Robotnik. Ja, jetzt klingelts.
Ansonsten konzentriert sich das Spiele-Vierer-Pakt auf das absolut Wesentliche. Hier wird gespielt, was auf den Tisch kommt. Und das heißt eben auch, damit leben zu müssen, dass die Schriften bisweilen kaum zu lesen sind und von Schärfe schon ansatzweise kaum noch etwas wahrzunehmen ist.
Also konzentrieren sich Fans wie Neulinge darauf, möglichst viele Ringe zu sammeln, um sich Punkte zu sichern, und schnell das Ziel zu erreichen. Denn das ist geblieben: Der Ehrgeiz, auch auf dem Handheld die vorhandenen Bonuslevel zu knacken.
Letztlich aber reicht es nicht, ein Paket «4 in 1» zu verkaufen, aber nur mit ein paar schnell durchgeblätterten Illustrationen, einer Spielbarkeit in fünf Sprachen, den bekannten Klängen und leichter Steuerung daher zu kommen. Sonic-Unbedarfte werden von vornherein von der Grafik abgeschreckt und Fans von der Lieblosigkeit, mit der das kultige Jump'n'run-Spiel für Nintendos Handheld portiert wurde.
Regelrecht enttäuschend ist die Pseudo-Speicherfunktion. Hier wird nicht abgespeichert, was aktuell auf dem Bildschirm zu sehen ist, sondern oft nur das jeweilige Level, etwas seltener nur die entsprechende Spielwelt. Doch wer die Konsole einmal ganz ausschaltet, fängt wieder bei Null an. Diese altbackene Methode hat der 2D-Sonic bei aller Liebe nicht verdient.
Fazit: Allein schon die Chance, in der ganz privaten Videospielgeschichte zurückreisen zu können, macht Sonic Classic Collection zu einem reizvollen Kaufobjekt. Und wer tatsächlich nichts weiter erwartet, als rasant durch eine bunte Welt zu stürmen, der kann sich damit zufrieden geben.
Wer aber mit Anspruch spielt, der erwartet zumindest ein kleines Facelifting. Das heißt schließlich nicht, den Charakter des rennenden Sega-Maskottchens zu verändern. So bleibt dem einst strahlenden Helden nur ein abgenutzter Mantel und ein weinendes Auge.
Titel: Sonic Classic Collection
Genre: Jump'n'run-Spielesammlung
Publisher: Sega
Entwickler: Sega
Preis: zirka 28 Euro
Sprache: Deutsch
USK: freigegeben ab 6 Jahren
Altersempfehlung der Redaktion: ab 8 Jahren
Plattform: Nintendo DS
Veröffentlichungsdatum: März 2010
Weiterspielen: Sonic Chronicles: Die dunkle Bruderschaft (DS), Sonic The Hedgehog (PS3)
voc/news.de