So., 12.02.12

Barrierefreie Technik Der Touchscreen als Segen

Von news.de-Redakteur Karsten Busch

Artikel vom 21.02.2010

Behinderte haben es im Alltag mit vielen Barrieren zu tun. Moderne technische Geräte können schnell zum Hindernis werden. Im Idealfall werden sie aber zum optimalen Hilfsmittel - intelligent und bezahlbar.

Barrierefreiheit im Alltag, da fallen einem zuerst Schlagworte wie Rollstuhlrampen oder abgesenkte Bordsteine ein. Internetaffine werden wohl schon mal dem Begriff «Barrierefreies Internet» begegnet sein - also Webseiten, die sich auch für Behinderte leicht abrufen lassen. Doch gerade in technischer Hinsicht ist das Spektrum an Einschränkungen wie Erleichterungen für behinderte Mitmenschen längst viel größer, wie Susanne Böhmig erklärt.

Sie arbeitet für die Initiative «barriefrei kommunizieren»! und beschäftigt sich tagtäglich mit Einschränkungen beziehungsweise Erleichterungen für Behinderte:Die Mitarbeiter sammeln Informationen für Menschen mit Behinderungen und Einschränkungen und befüllen unter anderem eine Datenbank mit Informationen zu passenden Assistenz-Techniken. Persönlich wird es bei der Beratung vor Ort: Im Berliner Kommunikationszentrum können die Klienten Hilfsmittel auch mal direkt ausprobieren und sich über die für sie passenden beraten lassen. «Das Internet steht im Fokus des Themas und viele Menschen haben schon mal etwas von Screenreadern und Brailletastaturen gesehen oder gehört, mit denen blinde Menschen im Internet surfen können.»

Das Hindernis liegt im Detail

Doch schon beim Intranet, also unternehmensinternen Webseiten und Netzwerken gebe es schnell mal Probleme für Mitarbeiter, die auf reine Tastaturbedienung angewiesen sind. Wenn das Anmelden am System etwa nur über einen Mausklick funktioniert, müsse nachgebessert werden.

Ähnliches gilt für E-Learning-Projekte: «Die haben ja für Menschen mit eingeschränkter Mobilität grundsätzliche Vorteile. Sie können vom Schreibtisch aus lernen und arbeiten. Aber wenn sie dann zum Beispiel auf kopiergeschützte PDF-Dokumentezum Beispiel zum Schutz von Urheberrechtsinteressen von Verlagen treffen, kann ein Hilfsprogramm dieses nicht mehr vorlesen», erläutert Böhmig.

Wichtig ist für die Expertin, dass nicht nur Blinde, Gehörlose oder Rollstuhlfahrer als Betroffene wahrgenommen werden. Schließlich gebe es eine Vielfalt an körperlichen und geistigen Einschränkungen, die nicht einmal eine schwere Behinderung darstellen müssen. «Auch auf Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche muss Rücksicht genommen werden oder auf jene, die Probleme mit der Erkennung von Farben oder Kontrasten haben.»

Bei pädagogisch wertvollen Lernspielen für Kinder etwa müsse sich diese Sichtweise noch mehr durchsetzen, wenn sie für alle Kinder einer Altersgruppe geeignet sein will: «Nicht jedes Kind kommt zum Beispiel mit gesetzten Zeitlimits klar. Für Sehschwache kann der Bildschirminhalt oft auch nicht vergrößert werden», nennt Böhmig zwei Beispiele.

Mehr Technik, mehr Lösungen

Angesichts dieser Einwände müssten die Stolperfallen mit der rasanten Technisierung des Alltags und der Kommunikation ebenso rasant zunehmen, könnte man denken und Behinderte müssten somit noch häufiger auf der Strecke bleiben. Dem ist aber nicht so, kann Susanne Böhmig beruhigen: «Viele neue Technologien erleichtern den Alltag Behinderter oder machen spezielle Lösungen für verschiedene Behinderungen einfacher.»

So sind moderne Handys immer häufiger mit Sprachsteuerung und Sprachführung ausgestattet und werden noch dazu erschwinglicher. Und Geräte mit Touchscreen und Gestenbedienung könnten Personen mit Spastiken oder mit zitternden Händen durch das Parkinson-Syndrom die Bedienung vereinfachen. Statt einen Finger zur Taste zu krümmen reicht eine sanfte Berührung, eine Wischgeste erspart mühsame Tastenkombinationen.

Auf teure Spezialtechnik kann so heute öfter verzichtet werden als noch vor einigen Jahren. Zugute dürfte das auch all jenen Menschen kommen, die erst im Laufe des Lebens behindert werden, Einschränkungen durch Erkrankungen hinnehmen müssen oder durch die Genesungszeit nach einem Unfall zeitweise in ihren Fähigkeiten eingeschränkt sind.

Massenphänomene schließen ein, statt auszugrenzen

Auch die Standardisierung von Schnittstellen, Prozessen und System hilft. So sind zum Beispiel Blinde auch auf komplexeren Webseiten oder solchen ohne barrierefreie Programmierung nicht automatisch verloren. Die Vorleseprogramme lesen mittlerweile auch komplexer programmierte Webseiten aus.

Zu guter Letzt gibt es noch den guten alten Lernprozess: Ist eine Technologie oder eine neue Kommunikationsform länger am Markt, sind ihre Defizite im Bereich Barrierefreiheit auch bald bekannt. Und dank billiger Massenproduktion von Geräten oder einfach zu ändernder Anwendungen und Webseiten können Nachbesserungen heute auch schneller vorgenommen werden - wenn Hersteller und Betreiber denn auch wollen.

Beispiele für alltägliche Barrieren und pfiffige Gegenmittel finden Sie in der Bilderstrecke zum Thema.

reu/news.de
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Barrierefreie Technik: Der Touchscreen als Segen » Technik » Nachrichten

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