«Man darf nicht paranoid sein»
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Von news.de-Redakteur Frank Meinzenbach
Artikel vom 01.05.2009Was speichert Google von mir? Was kann man gegen Peinliches im Netz unternehmen? Datenschutzexperte Rainer Böhme von der Technischen Universität Dresden rät im Interview mit news.de trotz aller Gefahren zur Besonnenheit.
Herr Böhme, Sie machen sich im Internet rar. So haben Sie weder bei MySpace noch bei Xing, Facebook oder StudiVZ ein Profil angelegt. Gehören Sie zu den Datenschutzfanatikern?
Böhme: Nein, ganz und gar nicht. Ich habe kein Problem damit, dass Persönliches über mich im Netz auffindbar ist. Allerdings teile ich in Sachen StudiVZ und Co. einige der Bedenken. Kritisch finde ich es, dass alle Daten in einer Hand liegen, nämlich bei den Betreibern der Seiten. Und nicht nur das: Die Informationen sind bereits vom Nutzer in passende Kategorien geordnet. Viele geben ihren Namen, das Geburtsdatum, E-Mail-Adressen, Beziehungsstatus, Interessen usw. preis. Andererseits gehöre ich aber auch nicht zu der Generation, die mit diesen Portalen aufwächst.
Was speichern Facebook, Xing oder StudiVZ?
Böhme: Alles, was wir dort eingeben - und das scheint bislang noch nicht jedem klar zu sein. Mir geht es hier aber nicht so um die Inhalte, denn vieles davon müsste immer noch manuell ausgewertet werden und dafür ist der Aufwand zu hoch. Die Gefahr sehe ich bei allen Daten, die sich automatisch auswerten lassen. Das betrifft die technische Seite des Internets. Aus den Verkehrsdaten lässt sich einiges ableiten, zum Beispiel mit wem ein Nutzer in Beziehungen steht, zu welchen Gruppen er gehört, welche Termine er wo wahrnimmt.
Nutzen die Betreiber von Xing, Facebook oder StudiVZ diese Daten?
Böhme: Schwer zu sagen, aber die Daten sind einmal da. Und es gibt einen florierenden Handel mit Adress- und Kontodaten, die auch irgendwo herkommen müssen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Portale noch Verluste schreiben und unter einem hohen Wachstumsdruck stehen. Ich persönlich möchte meine Daten nicht einem Unternehmen in den Rachen schmeißen, vor allem weil das Internet bereits seit langer Zeit alles kann, was die Portale in gebündelter Form anbieten. E-Mail, Chatten und Adressverwaltung auf die althergebrachte Art sind zwar etwas unbequemer, dafür aber auch datenschutzfreundlicher.
Neben den Informationen, die wir freiwillig in Communities hinterlegen, werden auch Daten ohne explizites Einverständnis der Nutzer erhoben. Hier ist Google der bekannteste Vertreter.
Böhme: Google speichert jede unserer Suchanfragen und auch jeden Klick, den wir auf der Ergebnisseite gemacht haben. Die Zuordnung funktioniert zum einen über die IP-Adresse, zum anderen über die Cookies. Darüber kann Google das Suchverhalten abgreifen und genaue Nutzerprofile mit unseren Interessen und Vorlieben erstellen.
Dennoch weiß Google nicht, welche Person sich hinter dem Suchenden befindet. Letztlich haben Sie nur eine IP-Adresse, der Suchende bleibt also eine Nummer.
Böhme: Richtig, aber analysiert man die Suchanfragen, erfährt man sehr viel über den Nutzer. Das ist übrigens bereits bewiesen worden: AOL hat vor einigen Jahren einen Ausschnitt seiner Suchanfragen online gestellt. Der US-Anbieter wollte eigentlich Entwickler dazu animieren, bessere Möglichkeiten für die Analyse der komplexen Datensätze zu finden. Ergebnis war ein riesiger Skandal: Die Netzgemeinde analysierte die Suchanfragen und fand dort in vielen Fällen Hinweise auf die Identität der Nutzer. Das ist gar nicht schwer: Die meisten Leute googlen ihren Namen regelmäßig.
Aber fahndet Google tatsächlich nach der Identität seiner Nutzer?
Böhme: Die Gefahr ist, dass sie es könnten. Natürlich ist das aufgrund des hohen Aufwands wenig wahrscheinlich. Aber wenn man es geschickt anstellt, kann man mit wenig Aufwand viel erreichen: Google könnte zum Beispiel schnell herausfinden, wer derzeit an welchen Patenten arbeitet. Denn jeder Entwickler sucht irgendwann im Internet, ob es seine Erfindung bereits gibt. Einmal eingetippt, hat Google die Suchanfrage vorliegen. Da es sich dabei um sehr komplizierte und damit seltene Begriffe handelt, wären die für Google schnell herauszufiltern.
Da die Google-Suche bereits derart normal für uns geworden ist, wird ein Hauptaspekt immer wieder vergessen: Google nimmt für seine wegweisenden Technologien kein Geld von den Nutzern. Ist es da nicht fair, dass Google dafür Daten für Werbezwecke erhebt?
Böhme: Das muss jeder Einzelne selbst entscheiden. Natürlich darf man nicht paranoid sein, aber Google speichert auf Vorrat, und keiner weiß, was sie mit den Daten anstellen. Ich wünsche mir, dass Google transparenter wird. Solange das nicht geschieht, ist die Unsicherheit da. Und das gibt Raum für alle möglichen Verschwörungstheorien.
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