Angriff auf das gedruckte Buch
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Das Ende des Buchs wurde schon mehrfach ausgerufen. Doch je großspuriger die Ansage, desto krasser das Scheitern. Mittlerweile gibt es erste Erfolge in den USA und Japan: Einige Leser greifen lieber zum digitalen Buch als zum Papier.
Der neue Hoffnungsträger ist der Kindle des Online-Buchhändlers Amazon: rund 300 Gramm schwer, 19 mal 13,5 Zentimeter groß, der Bildschirm 15 Zentimeter in der Diagonalen. «Kindle» bedeutet so viel wie «anfachen» oder «anzünden» - die Initialzündung hat das kleine elektronische Buch bereits hinter sich.
Die genauen Verkaufszahlen sind zwar geheim, Schätzungen und Spekulationen gehen aber von bislang mehr als 240.000 verkauften Geräten aus, ein Analyst will sogar errechnet haben, dass Amazon bis Jahresende 700.000 bis 800.000 Exemplare verkauft. Dies wäre schon kein kleiner Funken mehr, sondern eher ein Großbrand. Gesichert ist nur eins: Der Kindle ist fast immer ausverkauft, trotz des stolzen Preises von 359 US-Dollar, umgerechnet rund 240 Euro.
Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis der Kindle auch nach Deutschland kommt. Wie bei allem, was mit dem Kindle zu tun hat, macht Amazon auch um den Starttermin ein großes Geheimnis. Durchgesickert ist, dass das digitale Bücherregal im Oktober zur Frankfurter Buchmesse mit großem Medienspektakel in Deutschland vorgestellt werden soll. Auf Anfrage von news.de bezeichnete Amazon diese Informationen als «reine Medienspekulation», bislang sei für Deutschland noch nichts geplant.
Und auch auf die deutschen Zeitungsverleger scheint Amazon bisher noch nicht zugekommen zu sein, meint zumindest Holger Kansky vom Bundesdeutschen Verband Deutscher Zeitschriftenverleger. Der Spezialist für die digitale Zukunft von Printtiteln ist dem Kindle gegenüber jedoch sehr aufgeschlossen: «Wenn es die Möglichkeit gibt, Zeitungen auf elektronische Lesegeräte zu transferieren, sind wir natürlich daran interessiert.»
Was macht den Kindle so besonders, dass er gegen den immerhin seit mehr als 500 Jahren bestehenden Buchdruck Gutenbergscher Machart aufbegehrt? Der größte Vorteil ist die geringe Größe der digitalen Daten. Auf dem kleinen Gerät finden bis zu 200 Bücher Platz. Wie beim normalen Lesen sind sogar Notizen am Rand möglich. Außerdem lassen sich Begriffe bequem bei Wikipedia nachschlagen. Dabei greift das Gerät auf eine Drahtlosverbindung zurück, über die auch neue Bücher bei Amazon gekauft und in einer Minute heruntergeladen werden können. Da es sich dabei um eine Mobilfunktechnik handelt, kann praktisch von jedem Ort in den USA geordert werden.
Das Herzstück ist natürlich das Display, welches ohne Hintergrundbeleuchtung auskommt und damit auch bei Sonnenschein perfekt ablesbar sein soll. Hinter der Realink-Technologie steckt ein asiatisches Unternehmen, das neben Amazon auch alle anderen Hersteller von digitalen Lesegeräten beliefert. Erstmals soll es mit dieser Technologie möglich sein, mit den Eigenschaften von Papier mitzuhalten. Die Technologie ist darüber hinaus relativ stromsparend: Schaltet man die Funkverbindung ab, hält die Batterie eine ganze Woche lang. Nur wenn der Leser vergisst, die Verbindung zum Mobilfunknetz zu trennen, muss der Kindle jeden Tag an die Steckdose.
Dennoch scheint ein Anfang gemacht, der Kindle hat es jetzt schon weiter geschafft als alle digitalen Bücher vor ihm. Nun muss sich zeigen, ob das Gerät das Zeug hat, die Buchbranche ähnlich aufzurollen, wie Apple dies mit dem iPod im Musikgeschäft gelungen ist. Die weiße Farbe hat Amazon von Apple bereits übernommen, und auch das Geschäftsmodell ruft unweigerlich Erinnerungen wach: Amazon verknüpft Gerät und Inhalt eng miteinander, nur auf dem Kindle können die digitalen Amazon-Bücher gelesen werden. Ein Buch kostet übrigens zehn US-Dollar, derzeit sind 145 Titel aus allen Bereichen sowie einige Magazine und Tageszeitungen erhältlich. Für Kritik sorgt, dass die digitalen Bücher nicht ausgetauscht werden können, dafür sorgt ein Kopierschutz.
Elektronische Bücher werden das Papierbuch so schnell nicht verdrängen, das ist sicher. Die Frage ist auch falsch gestellt, vielmehr muss sich zeigen, ob Leser den Kindle tatsächlich auch in der breiten Masse annehmen - vor allem aufgrund des hohen Preises für das Gerät. Kaum auszumalen, was passiert, wenn man anstatt eines Buchs zukünftig den Kindle im Zugabteil liegen lässt.