Joachim Löw: Macht der Bundestrainer Schluss nach dem WM-Debakel?

Nach dem Desaster gegen Südkorea fährt die deutsche Nationalelf schon nach der Vorrunde nach Hause. Ein beispielloses Debakel, an dessen Ende drohend die Trainerfrage steht. Wie geht es weiter mit Joachim Löw?

Wie geht es für Bundestrainer Joachim Löw nach der WM-Schmach weiter? Bild: Andreas Gebert / dpa

Dass unsere Mannschaft ein historisches Debakel bei der aktuellen WM in Russland erleben würde, war nicht wirklich abzusehen. Dazu ist die deutsche Mannschaft zu sehr "Turniermannschaft". Selbst Joachim Löw griff gerne auf diesen Term zurück, sogar nach den vergeigten Testspielen im Vorfeld der WM. Wie wir heute alle wissen, kam es ganz anders. Die deutsche Nationalelf und die ganze Fußballnation erlebte ein wahres Ende mit Schrecken. Dazu eine gruselige Bilanz: Zwei Tore in drei größtenteils nicht wirklich schön anzusehenden Spielen.

"Der gesamte deutsche Fußball, wir alle haben verloren. Nicht nur ein Spiel, sondern vieles von dem, was wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben." (Joachim Löw)

Geht das WM-Aus der deutschen Mannschaft zu großen Teilen auf Joachim Löws Kappe?

In dieser WM war aus deutscher Sicht echt der Wurm drin. Auch der vieldiskutierte, kaum zu spürende Teamgeist ließ Fragen aufkommen, ob in der Gruppe von Jogi Löw allgemein irgendetwas nicht stimme. Die Gemengelage aus allen schwelenden Problemherden führt unweigerlich zur Trainerfrage. Ist Löw noch der Richtige? Gehen viele der Probleme auf seine Kappe? Hat er nicht schon weit im Vorfeld die falschen Entscheidungen getroffen (Mario Götze, Leroy Sané,...)?

Joachim Löw und die Trainerfrage

Direkt nach dem Spiel beantwortete er unweigerliche Fragen zu seiner Zukunft bei der Nationalelf verständlicherweise nicht tiefergehend: "Es ist zu früh für mich, die Frage zu beantworten, jetzt brauchen wir ein paar Stunden, um klarzusehen." Absolut nachvollziehbar. Eine Kurzschlussreaktion hätte niemandem irgendetwas gebracht.

Wie stehen die Spieler der Deutschen Nationalmannschaft zu ihrem Trainer?

Von den Spielern hat man in Richtung Trainerposition noch nicht Konkretes vernommen. Selbst Hummels, der in seiner großartigen Analyse des gesamten deutschen WM-Auftrittes direkt nach dem Spiel gegen Südkorea der Mannschaft vorwarf, im Oktober 2017 das letzte starke Spiel abgeliefert zu haben, wollte nicht mit dem Finger auf einen Schuldigen zeigen. Schon sein ebenfalls beeindruckender Kommentar nach der Niederlage gegen Mexiko hatte aber angedeutet, dass in der Mannschaft etwas gar nicht stimmte.

Manuel Neuer klagte ebenfalls über die mangelnde Bereitschaft des Teams, alles zu geben. Die Einstellung habe nicht gestimmt. Und das sagte nicht irgendwer, sondern der Kapitän des Teams! Doch ist genau diese unterentwickelte Motivation nicht immer auch eine Baustelle des Bundestrainers? Es war dann Julian Draxler, der bei einem Interview äußerte, Jogi Löw habe trotz seines bis 2022 laufenden Vertrages mit dem DFB eine vorzeitige Auflösung desselben in den Raum gestellt.

Was sagen die deutschen Fußball-Experten zur Zukunft von Joachim Löw als Bundestrainer?

Die deutschen Fußball-Experten sind sich derweil einig, dass Löw vermutlich nicht hinwerfen werde. Zu groß wäre die Schmach, mit einem Negativrekord auszuscheiden. Zumindest wurde aber bereits vor der Niederlage gegen Südkorea offen ausgesprochen, dass Löw den idealen Absprungzeitpunkt vermutlich verpasst habe. Dieser wäre nach dem WM-Sieg 2014, spätestens aber nach dem Nichterreichen des großen Ziels eines Sieges bei der Europameisterschaft 2016 gewesen.

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel, setzt auf jeden Fall weiter auf Löw. "Wir haben vor der WM gesagt, wir trauen ihm das zu bis 2022. Das ist nach wie vor meine Meinung." Und auch DFB Teammanager Oliver Bierhoff sieht keinen Grund zum Handeln: "Es ist nicht der Zeitpunkt, Einzelanalysen zu machen. Ich gehe fest davon aus, dass Jogi weitermacht", sagte er direkt nach dem Spiel.

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Sind die Risse im deutschen Team tiefer als befürchtet?

Erstaunlicherweise meinte Sportreporter Gerd Rubenbauer gestern Abend bei Markus Lanz genau zwischen Bierhoff und Löw Unstimmigkeiten entdeckt zu haben. Löw hätte auf Bierhoffs freudige Reaktion auf den Sieg gegen Schweden äußerst kühl, beinahe abweisend auf seinen Teammanager reagiert. Auch sonst wirke es, als würde zwischen den beiden Führungsfiguren Unausgesprochenes in der Luft hängen.

Was muss sich ändern, wenn Löw Bundestrainer bleibt?

Für Rubenbauer stand indes ebenfalls fest, dass Löw im Amt bleiben werde und auch müsse, da er die Fähigkeiten und das Potential habe, einen Umbruch im deutschen Team zu schaffen. Er müsse sich nur von bestimmten Verpflichtungsgefühlen, etwa gegenüber Spielern, mit denen er die WM 2014 gewonnen hat, die aber ihren Zenit längst überschritten hätten, freimachen. Mehr auf jüngere Talente setzen, von denen es zig in Deutschland gäbe.

Zudem müsse der Sturm neu überdacht werden, eine der häufigsten Angriffsstellen auch anderer Experten. Und Löw müsse wieder ein größeres Verständnis für das große Ganze entwickeln. Fachlich sei er trotz der Personal- und Aufstellungsfehlentscheidungen bei dieser WM großartig, aber er habe schlicht und ergreifend das Drumherum um seine Mannschaft viel zu sehr ausgeblendet.

Die größten Versäumnisse von Joachim Löw in Bezug auf die Deutsche Mannschaft

Er und der DFB hätten laut Rubenbauer beispielsweise die Affäre Özil/Gündogan, deren mediale Nachwirkungen und die Auswirkungen auf das gesamte Team und dessen Psyche vollkommen unter- beziehungsweise falsch eingeschätzt.

Auch das Hin und Her um Manuel Neuers Einsatz bar jedweder Spielpraxis habe dem Gruppenzusammenhalt geschadet. Obendrein habe Löw laut Rubenbauer es nicht geschafft, die starke bayerische Phalanx seiner Mannschaft wieder neu zu motivieren. Man muss bedenken, dass die Männer um den höchst unglücklich agierenden Thomas Müller mit zwei krachenden Niederlagen (Champions League und DFB Pokal) im Hinterkopf ins Trainingslager kamen. Und genau das habe man ihnen auch angesehen.

Wie groß ist die Schuld der FIFA am Ausscheiden der Deutschen Nationalmannschaft?

Allgemein ging aber auch große Kritik von Rubenbauer an die FIFA, die bei der Planung der WM die teilweise extrem kräftezehrenden normalen Saisons der Spieler nicht einrechne. Auch manch anderer Spieler vermeintlicher Topfavoriten pfeife sichtlich auf dem letzten Loch. Was das erst werden solle, wenn die WM 2022 noch mehr aufgebläht werde, wolle er sich gar nicht ausmalen.

Was passiert, wenn Löw hinschmeißt?

Sein Rücktritt käme vor allem für den DFB äußerst ungünstig, da es an Alternativen mangelt. Ein Jupp Heynckes will nach seinem Bayern-Gastspiel seine Rente genießen. Jürgen Klopp scheint beim FC Liverpool glücklich zu sein. Thomas Tuchel hat gerade erst einen neuen Job bei Paris Saint-Germain angetreten. Die DFB-Allzweckwaffe Horst Hrubesch ist genug damit beschäftigt, die deutschen Nationalspielerinnen auf die Erfolgsspur zu bringen. Und ob Wortmeldungen wie jene von Stefan Effenberg, der sich bei diversen Talk-Formaten rund um den Sport unermüdlich selbst ins Gespräch bringt, so sinnvoll sind...

Eine interessante Alternative wäre vermutlich Stefan Kuntz. Der hat sich bei der aktuellen WM als Experte für die ARD mit sachlichen und teils extrem interessanten Analysen profiliert und 2017 als Trainer immerhin schon die U-21-Nationalmannschaft zur Europameisterschaft geführt.

Gehen oder Bleiben? Es liegt bei Löw

Und Jogi Löw? Verblüffend ehrlich hatte der nach dem Spiel eingeräumt, dass er und seine Mannschaft zu selbstherrlich an das große Projekt Fußball-WM 2018 herangegangen wären. Dass einfach der Hunger gefehlt habe, zu siegen. Letzten Endes muss er mit sich ausmachen, ob er diesen Hunger bei seiner Mannschaft noch einmal zu wecken vermag. Vielleicht bringen neue, ehrgeizige Spielertypen diesen Hunger von ganz allein?

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pap/kad/news.de

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