Fußball: Brasilien-WM zwischen Kritik und Faszination

Rio de Janeiro - Das Ziel aller Träume hat an Magie nichts verloren - für den großen Péle nicht und auch nicht für Joachim Löw.

Brasilien-WM zwischen Kritik und Faszination Bild: Marcelo Sayao/dpa

Am Abend des 13. Juli ist das legendäre Maracanã von Rio de Janeiro Endstation Sehnsucht für alle Fußball-Heroen und Titeljäger, wenn zum Abschluss der WM in Brasilien der neue Champion in der umgebauten Arena unterhalb der weltberühmten Christus-Statue mit dem begehrten Gold-Pokal gekürt wird.

Der Weg ins Fußball-Mekka wird zur großen Prüfung - für Bundestrainer Löw und seine DFB-Stars um Kapitän Philipp Lahm, die endlich bei einem großen Turnier den letzten Schritt gehen wollen - wie auch für Gastgeber Brasilien, der sportlich unter großem Druck steht, aber auch als Nation der Welt beweisen will, trotz aller sozialen und ökonomischen Probleme und großer Sicherheitssorgen ein Turnier auf höchsten Niveau organisieren zu können.

«Es ist ein Grund für eine große Party, aber auch eine große Aufgabe, die wir nach Hause tragen», hatte der damalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva gesagt, als Brasilien 2007 den WM-Zuschlag bekam. Knapp sieben Jahre später hat das Riesenland nicht alle Erwartungen erfüllen können - die der eigenen Menschen nicht, und auch nicht die der FIFA, das weiß auch Präsidentin Dilma Rousseff, die die «Weltmeisterschaften aller Weltmeisterschaften» versprach und daran gemessen werden wird, wenn sie gemeinsam mit Weltverbandsboss Joseph Blatter nach dem Finale den Pokal überreicht.

«Brasilien ist ein großes Land, und es gibt Probleme, das ist klar. Diese zu lösen, wird Zeit benötigen. Die WM ist nicht dazu da, Problem zu lösen oder Probleme zu schaffen. Eine WM ist eine WM», sagte FIFA-Generalsekretär und WM-Chefplaner Jérôme Valcke, der den Brasilianern schon früh einen «Tritt in den A....» verpassen wollte, weil die Arbeiten an den WM-Bauten in den zwölf Spielorten keinen Schwung aufnahmen.

Pelé, in Sorge um sein Heimturnier, warnte davor, dass gerade an den Flughäfen logistisch manches schief gehen könnte. Die FIFA fühlt sich für solche Malaisen nicht zuständig. «Wir sind nicht für alles verantwortlich. Ich hoffe, dass viele Menschen da sind, die verstehen, dass wir alles getan haben, was wir konnten. Und wir haben es nicht gegen Brasilien getan, sondern mit und für Brasilien», sagte Valcke.

Auch FIFA-Chef Blatter mahnte ungewöhnlich klar Versäumnisse beim Stadionbau und weiteren Infrastrukturmaßnahmen an, für die das Schwellenland immerhin angeblich rund 10 Milliarden Euro investiert hat, was viele Menschen erzürnt. Kurz vor dem Turnier will Blatter aber kein schlechtes Image für sein Hochglanzprodukt. «Ich bin total in großer Vorfreude, in die WM zu gehen. Ich kann es nicht erwarten», sagte er. Am Vortag des Eröffnungsspiels zwischen Brasilien und Kroatien am 12. Juni in Sao Paulo will sich Blatter beim FIFA-Kongress erneut zum Präsidentschaftskandidaten küren - mit allem Brimborium vor den 209 FIFA-Mitgliedsländern.

Die Party soll also mit Schwung beginnen, die Fußball-Freude der Brasilianer kennt keine Grenzen. Die erwarteten 600 000 WM-Touristen können sich auf eine sportliche Samba-Show in einem echten Fußball-Eldorado von Manaus bis Porto Alegre freuen. Besonders wenn Neymer und Co. mit der Seleçao sportlich überzeugen. Brasilien lebt und liebt Fußball. Blatter sagt - und da liegt er sicherlich nicht falsch: «Brasilien hat dem Fußball seine Seele gegeben.»

Für die deutschen Träume beginnt der harte Weg der WM-Realität in Salvador am 16. Juni gegen Portugal. Die Vorrunde mit den weiteren Duellen gegen Ghana (21. Juni/Fortaleza) und dem pikanten Aufeinandertreffen mit Jürgen Klinsmanns US-Team (26. Juni/Recife) fordert schon volle Konzentration bei heißen Temperaturen.

Lamentieren über die speziellen Bedingungen und Umstände im WM-Gastgeberland hat Löw untersagt. «Wer jammert, hat verloren», erklärte der Chef des deutschen WM-Unternehmens. Er selbst allerdings musste viele Monate mit Kopfschmerzen leben, was den Zustand seiner WM-Kandidaten betrifft. Ob Mittelfeldlenker Sami Khedira nach seiner Kreuzband-Operation, Routinier Miroslav Klose nach vielen Verletzungspausen, Vizekapitän Bastian Schweinsteiger nach zwei Operationen, Marcel Schmelzer oder Lukas Podolski nach längeren Unterbrechungen - Löw muss eine punktgenaue Vorbereitung setzen.

An Konkurrenz mangelt es nicht. «Wir wollen diesen Titel, aber das wollen auch viele andere Teams», sagte Löw. Die Brasilianer sind auf den sechsten Titel schon gebucht. «Ich habe diesen Job angenommen, weil ich zu 100 Prozent sicher bin, dass ich mit Brasilien den Weltpokal gewinnen werde», sagte Trainer Luiz Felipe Scolari. Da werden Argentinier, Italiener oder Spanien allerdings anderer Meinung sein. Auch wenn der Titelverteidiger gegen das Image kämpft, in die Jahre gekommen zu sein. «Wir müssen bescheiden und wachsam bleiben und dürfen nicht glauben, dass bei der WM irgend etwas leicht wird», sagte Spaniens Trainer Vicente del Bosque.

64 Spiele in 33 Tagen bescheren den Fans auch in Deutschland einen prallen WM-Sommer. ARD und ZDF zeigen alle Spiele live - dabei geht es durch fünf bis sechs Stunden Zeitverschiebung oft erst um Mitternacht los. Die DFB-Gruppenspiele beginnen allerdings bereits um 18.00 oder 21.00 Uhr deutscher Zeit.

Umstellen müssen sich Mesut Özil und Co. im Quartier Campo Bahia gewiss - unabhängig davon, ob das Feriendorf am Atlantik gerade noch rechtzeitig zum Einzug am 8. Juni fertiggestellt wird. Die WM in Brasilien wird den Blick für ein Land öffnen, dass sich im Umbruch befindet. Massendemonstrationen gegen Korruption und Misswirtschaft - wie beim Confed Cup 2013 - sind wahrscheinlich.

«Die Lage hat sich seit 2013 ja nicht geändert. Die Menschen könnten also wieder auf den Straßen sein», gestand auch Valcke. Die WM-Macher hegen aber die Hoffnung auf große sportliche Momente. «Ich hoffe, der Fußball wird wieder zur Nummer 1 und alles Drumherum ist Teil eines großen Events. Wir haben unser Bestes getan, um sicherzustellen, dass diese WM eine großartige WM wird», sagte der FIFA-Chefplaner.

news.de/dpa

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