4:4 gegen Schweden So wurde das Spektakel zum Debakel

Fehlende Mentalität und Moral? Spieler und Führungsteam der DFB-Elf suchen nach dem 4:4-Geschenk an die Schweden genauso nach Erklärungen wie die ratlosen Zuschauer. Oliver Bierhoff fand die klarsten Worte für das Chaos in der zweiten Hälfte.

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Ratlos waren sie alle: der Bundestrainer genauso wie seine Spieler Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos oder Per Mertesacker, die nach dem 4:4 gegen Schweden vor die Presse schlichen und sich an einer Deutung des gerade Erlebten versuchten. Ein solches Spiel, das die deutsche Nationalmannschaft mit kunstvollem Kombinationsspiel dominiert hatte wie selten, 4:0 führt und dann in einer halben Stunde bei einem Heimspiel und in voller Besetzung aus der Hand gibt wie eine Wald-und-Wiesen-Elf, hatte hier noch keiner erlebt.

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Totenstill war es in der Kabine, «alle liegen auf den Bänken oder der Massagebank und sind total sprachlos», sagte der Bundestrainer. «Die Stimmung ist auf dem Null-Punkt. Alle sind schockiert, fassungslos. Da lässt man erstmal jeden in Ruhe», sagte Teammanager Oliver Bierhoff.

Doch nur fürs Erste. Denn Bierhoff forderte nach dieser Lektion, «schonungslos den Finger in die Wunde zu legen, um festzustellen, woran es hapert.» Überhaupt fand der oft so aalglatte Teammanager in den Katakomben des Berliner Olympiastadions erstaunlicherweise die deutlichsten Worte. «In 30 Minuten haben wir alles verkehrt gemacht, was verkehrt zu machen war. Das darf beim Heimspiel beim 4:0 nicht passieren», sagte Bierhoff. «Das ist mit Sicherheit eine psychologische Sache. Wir hatten alles im Griff. Beim 4:1 denkt man noch, das war ein Aussetzer, beim 4:2 auch noch. Und dann konnten wir nicht mehr umschalten.»

Schweinsteiger & Co. fehlt der Biss

Während Bastian Schweinsteiger alles auf mangelnde Konzentration schob, kritisierte Bierhoff nicht nur diese spektakuläre Begegnung gegen Ibrahimovic & Co., sondern erkannte einen generellen Trend. «Unser Problem ist, nicht nur beim heutigen Spiel, dass wir die Gegner durch Nachlässigkeiten häufig wieder ins Spiel bringen. Dann kommt beim Gegner Moral auf und dann tun wir uns schwer», analysierte Bierhoff. Gegen Österreich beispielsweise war das genauso und hätte schon in Wien bestraft werden müssen.

Mit anderen Worten: Keiner in der Mannschaft ist in der Lage, dann das Ruder wieder herumzureißen. Gleiches gilt für Spiele wie das Halbfinale der EM gegen Italien, in denen die deutsche Mannschaft in Rückstand gerät. Klar, dass so die Debatten um Mentalität, Führungsspieler und deutsche Tugenden wieder hochkochen. «Ich möchte der Mannschaft keine fehlende Mentalität vorwerfen, aber das sind Dinge, wo wir reifen müssen. Wir hatten auch bei anderen Spielen nicht genug Biss, den Sack zuzumachen», sagte Bierhoff. Da sei nicht nur ein Spieler gefordert, «sondern mehrere - gerade die älteren Spieler».

Per Mertesacker, der in der Abwehr gemeinsam mit Holger Badstuber nach einer Stunde auf ziemlich verlorenem Posten stand, sagte: «Wenn jeder ein bisschen weniger gibt, bekommt man die Quittung. Wenn man ein, zwei Tore bekommt und es unglücklich läuft, muss man sich einfach mal hinten reinstellen. Aber das können wir noch nicht so gut.»

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Löw stur: Statt Abwehrkanten kamen Offensivkräfte

Ganz offensichtlich tut sich die Nationalmannschaft auch schwer - aus welchen Gründen auch immer - die Forderungen des Trainerteams umzusetzen. Löw habe mehrfach mit seinem Team besprochen, keine langen Bälle mehr aus dem Mittelfeld zu Manuel Neuer zurückzuspielen. Zwei Minuten vor Schluss wurde der Ball sogar vor lauter Verunsicherung aus dem gegnerischen Mittelfeld zurück bis zum Torwart geschoben. «Das müssen wir wieder abstellen, das geht nicht von heute auf morgen. Wir müssen das immer wieder einfordern und knallhart analysieren in der Hoffnung, dass wiederholte Anweisungen auch in den Kopf reingehen und es klick macht.»

Der Bundestrainer konnte auch von der Trainerbank keine Impulse mehr setzen. «Wenn das Spiel in so eine Phase gerät, ist es schwierig, von außen richtig Einfluss zu haben. Ich habe versucht, einzelne Spieler nochmals daran zu erinnern, wie sie in ihre Positionen gehen sollen und konsequent arbeiten. Das Spiel ist irgendwie aus dem Ufer gelaufen und war nicht mehr zu korrigieren», sagte Löw konsterniert. Das Problem des deutsches Chefcoachs: Auch beim 4:2 oder 4:3 versuchte Löw, weiter am Offensivspiel festzuhalten. Statt Westermann oder Höwedes brachte Löw die die Offensivkräfte Mario Götze (67.) und Lukas Podolski - in der 88. Minute!

Bleibt die Frage, wie Löw und sein Team diese gesprächsbedürftige Leistung diskutieren werden, da heute alle Spieler zurück zu ihren Klubs reisen. «Es ist schwer, zur Tagesordnung überzugehen», bekannte Mertesacker. Die Hoffnung aller Beteiligten: dass dieses verkorkste Spiel vielleicht doch zu etwas gut sein möge. «Es ist vielleicht eine gute Lehre, so ein Spiel mal nicht zu gewinnen, richtig negative Erfahrung zu sammeln und daraus vielleicht gestärkt hervorzukommen», sagte Mertesacker. Sein Kollege Schweinsteiger sagte: «Es hilft uns leider weiter. So hat jeder gesehen, dass man solange Fußball spielen und hellwach sein muss, bis der Schiedsrichter abpfeift.» Löw ging mit einer ähnlichen Erkenntnis in die sicher unruhige Nacht im Hotel Grunewald: «Dieses Spiel soll uns eine Lehre für alle Zeiten sein.»

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jag/news.de/dpa

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Leserkommentare (49) Jetzt Artikel kommentieren
  • Lachuck
  • Kommentar 49
  • 19.10.2012 15:08

Die Weichenstellung passierte bei den Schweden in der Halbzeit. Ibrahimovic hielt eine tolle Ansprache, deren Inhalt ich mir so vorstelle: "Jungs, wir liegen 3:0 zurück und haben in der 2. Halbzeit nichts zu verlieren. Wir sind von der Körperlänge den deutschen klar überlegen, haben uns eine Halbzeit lang geschont und diesese ASSE sollten wir jetzt ausspielen. Die Deutschen haben sich in der 1. Halbz. ausgepowert und werden sich in der zweiten schonen. Das ist unsere Chance. Glaubt mir. Und jetzt geben wir Gas!"

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  • RAGNAROEKR
  • Kommentar 48
  • 18.10.2012 09:16

Offensichtlich ist doch, dass ni. nur die Deutschen Fußball spielen können. An der Kampfkraft der Schweden ist die dt. Elf zerbrochen. Schon zur Halbzeit wurde deutlich, dass die Schweden sich zurück halten. Sie wussten ja, dass sie jederzeit aufdrehen können. Den Deutschen war die Puste ausgegangen, dann kamen die Schweden mit ihren furchtbaren Angriffswellen. Drei Mal stolperten sie den Ball in das Tor der Fußballzwerge,um dann mit einem satten Torschuss der dt. Nationalelf den Rest zu geben. Wer aber bei 4:2 die besten Kräfte durch sog. Stürmer ersetzt, stolpert auch - jedoch erfolglos.

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  • MonteChemnitz
  • Kommentar 47
  • 18.10.2012 05:57

Das Spiel hätte ruhig noch ein paar Minuten länger gehen dürfen :)

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