Bierhoff-Buch Gehen Sie jetzt in die Politik, Herr Bierhoff?

«Ich wollte kein übliches Fußballerbuch machen»: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. (Foto)
«Ich wollte kein übliches Fußballerbuch machen»: DFB-Teammanager Oliver Bierhoff. Bild: dpa

Von Klaus Bergmann
DFB-Manager Oliver Bierhoff feilt am eigenen Image: In Spielunterbrechung macht sich der Golden-Goal-Schütze von 1996 Gedanken über den «Mikrokosmos Fußball» und ist dabei gewohnt unkonkret.

Herr Bierhoff, was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?

Bierhoff: Ich habe den Gedanken, ein Buch zu schreiben, schon lange mit mir herumgetragen. Ich habe in meiner Karriere viel erlebt und viel beobachtet. In Diskussionen mit Freunden und Geschäftspartnern habe ich festgestellt, dass der Fußball mehr ist als nur ein Spiel. Er ist ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Die Parallelen zum normalen Leben und zum Wirtschaftsleben sind offensichtlich. Ich möchte zeigen, dass es gut ist, in dieser schnelllebigen Zeit hin und wieder anzuhalten und offen zu sein für unterschiedliche Wege, nicht nur Schwarz und Weiß zu sehen, sondern auch viel Buntes dazwischen.

Das Buch zu schreiben, war - um den Titel aufzunehmen - insofern eine persönliche Spielunterbrechung?

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Bierhoff: Es waren mehrfache Unterbrechungen, eine Aufarbeitung vieler Gedanken. Ich hebe Zitate und Zeitungsausschnitte auf, hinzu kam ein Ordnen dessen, was mir durch den Kopf schwirrt. Man muss einen Roten Faden finden. Ich wollte das alles auch für mich selbst ordnen und aufschreiben, ganz unabhängig von Auflagen- und Verkaufszahlen.

Es ist keine reine Biografie, auch wenn das Buch zahlreiche persönliche Erlebnisse und Anekdoten beinhaltet. Kann man sagen: Es sind die Lebensweisheiten des Oliver Bierhoff?

Bierhoff: Ich maße mir nicht an, Lebensweisheiten zu transportieren. Mir ging es vor allem darum darauf zu verweisen, dass man im Leben auch mal an- und innehalten soll und dass es verschiedene Wege zum Erfolg gibt. Das drückt der Untertitel aus: «Man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen.» Ich wollte die gesellschaftspolitische Bedeutung aufzeigen, die der Fußball in den vergangenen Jahren bekommen hat. Und darüber hinaus auch die Werte vermitteln, für die ich stehe und mich einsetze. Ich wollte kein übliches Fußballerbuch machen. Natürlich hat es biografische Züge, liefert Fußball-Geschichten. Aber sie dienen der Verdeutlichung. Sie lockern das Buch auf. Ich bin kein Professor, sondern will dem Leser sachliche Zusammenhänge auf lockere Art nahebringen, meine ungefilterte Sicht der Dinge.

Spielunterbrechungen wie Verletzungen oder Vereinswechsel, aber auch Rückschläge im Leben werden von Ihnen nicht negativ, sondern auch als Chance betrachtet. Warum?

Bierhoff: In dem Buch kommt heraus, dass auch meine Karriere nicht glatt verlief, dass es auch Probleme gab. Gerade diese schwierigen Momente waren für mich aber Treppenstufen, um auf eine neue Ebene zu gelangen. Häufig ist es im Leben leider so, dass sich der Mensch erst Gedanken macht, wenn er dazu gezwungen ist. Man sollte aber auch den Mut haben, Spielunterbrechungen für sich selber einzufordern.

Sie gewähren Einblicke in das Innenleben der Nationalmannschaft, aber Sie verzichten auf Enthüllungen oder scharfe Abrechnungen mit früheren oder aktuellen Weggefährten. Ein bewusster Verzicht?

Bierhoff: Ich brauche mit niemandem abzurechnen, ich möchte mich nicht darüber profilieren. Mir geht es um die Sache. Und ich möchte mit Menschen so umgehen, wie ich es auch mir gegenüber erwarten würde. Interna und die Privatsphäre sollten nicht geöffnet werden. Es ist mir wichtig, jedem nach dem Buch wieder in die Augen schauen zu können. Ich spreche schon Kritisches an, wie es etwa mit ehemaligen Trainern von mir war, ebenso gesellschaftskritische Themen. Aber ich picke mir nicht jemanden heraus, sondern füge es in ein großes Bild.

Sie beziehen Positionen, nicht jede wird der Leser teilen. So rechtfertigen Sie den Fußball-Kommerz und die hohen Spielergehälter. Sie verurteilen Kritik «unter der Gürtellinie» wie an Mario Gomez bei der EM. Sie verteidigen Spieler mit ausländischen Wurzeln wie Mesut Özil in der Diskussion um das Singen der Nationalhymne.

Bierhoff: Ein Buch ohne klare Positionen wäre ein flaches Buch. Der Leser hat ein Recht, meine Meinung zu bestimmten Themen zu erfahren, authentisch. Ich behaupte nicht, dass es diese einzig gültige Wahrheit ist.

Seite 2: Oliver Bierhoff über Robert Enke und die EM 2012

Persönlich wird es beim Suizid von Nationaltorhüter Robert Enke, den Sie als Ihren «schwärzesten Tag beim DFB» bezeichnen.

Bierhoff: Themen wie Depression, Druck, Work-Life-Balance habe ich persönlich sehr stark bei Robert Enke und Sebastian Deisler erlebt. Ich habe auch von Freunden erfahren, dass jeder in seinem Umfeld Fälle von Burnout oder Depression hat. Es war damals wie ein Riesenknall, bei dem man das Gefühl hatte, jetzt haben alle Menschen Mut, über dieses Thema zu sprechen, es anzugehen. Darum gehört es in das Buch. Es war ein einschneidendes Erlebnis, auch für den Fußball. Mir war wichtig, diese Nähe - auch die Atmosphäre in der Nationalmannschaft und in unserem Führungsstab - näherzubringen, ohne die Tür zu sehr zu öffnen.

Sie betonen mehrmals den starken Zusammenhalt der Sportlichen Leitung der Nationalmannschaft mit Bundestrainer Joachim Löw, den Assistenten Hansi Flick und Andreas Köpke sowie Ihnen, etwa auch bei den heftigen Vertrags-Streitigkeiten mit dem DFB vor der WM 2010. Auch hier ziehen Sie aber im Detail Grenzen für den Leser. Warum?

Bierhoff: Sicherlich hätte ich einige Themen noch tiefer bearbeiten können, andere vielleicht sogar etwas weniger intensiv. Es ist eine subjektive Wertung. Aber natürlich habe ich auch Rücksicht auf die Menschen zu nehmen, die mir vertrauen. Das Vertrauensverhältnis in einem solchen Team ist für mich ein hohes Gut und enorm wichtig. Wenn jemand etwas mit mir bespricht, soll er es nicht zwei Jahre später irgendwo lesen. Auch für die Geschichten von Franz Beckenbauer, die er mir in witziger Runde erzählt hat, habe ich mir die Freigabe geholt. Das habe ich genauso bei den Trainern gemacht. Thema des Buches ist auch nicht das Nationalteam, sondern die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge, den Fußball als Mikrokosmos darzustellen.

Sie schreiben: «Fußball ist eine Schule fürs Leben». Und Sie sehen in dem Mikrokosmos Fußball ein Abbild der Gesellschaft und oft auch ein Vorbild. Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen?

Bierhoff: Die Bedeutung des Fußballs hat in den vergangenen Jahren immens zugenommen. Er wird gelebt in Deutschland. Fußball ist zu einem Familien-Event geworden. Darum glaube ich, dass es zutrifft. Zudem ist es ein Mannschaftssport. Da gibt es eine Gruppe von Leuten, die vorneweg marschiert. Es gibt Leute, die mitlaufen, die geführt werden wollen. Und es gibt Quengler. Das sehe ich ebenso auf anderen gesellschaftlichen und unternehmerischen Gebieten.

Könnten Sie sich vorstellen, irgendwann in der Politik zu arbeiten?

Bierhoff: Das kann ich mir schwer vorstellen. Ich sehe mich auch in Zukunft im Fußball, im Management. Ich bin, das kommt im Buch wohl auch heraus, öfter Abenteuer eingegangen, die man mit mir gar nicht so verbindet. Ich bin als unbekannter Spieler ins Ausland gegangen. Ich bin spät Nationalspieler geworden. Ich habe nebenbei studiert. Ich war der erste, der Werbung gemacht hat. Dabei stand ich häufig auch in der Kritik. Im Laufe der Zeit habe ich mehr Mut bekommen, Projekte mit der Nationalmannschaft oder auch individuell zu versuchen. Jetzt wollte ich dieses Buch schreiben - den größten Teil des Geldes durch den Verkauf möchte ich spenden.

Sie thematisieren häufig die EM. Welche Erkenntnisse hat Ihnen die persönliche Spielunterbrechung nach dem verpassten Titelgewinn für das nächste Turnier, die Weltmeisterschaft 2014, gebracht?

Bierhoff: Es war eine emotionale und intensive Zeit. Es hat mich nicht umgehauen, denn es war zu erwarten, dass heftige Reaktionen kommen, wenn sich der Erfolg nicht einstellt. Danach gab es natürlich eine Spielunterbrechung. Man muss Zeit verstreichen lassen. Für mich ist das Fazit: Wir haben vieles richtig gemacht. Es hat etwas gefehlt - und diese wenigen Prozente können wir nur mit harter Arbeit herausholen.

Gab es in Ihrem Führungsteam um Joachim Löw auch die Überlegung, man könnte nach diesem Turnier am Ende der eigenen Reise sein?

Bierhoff: Natürlich fragt man sich, was kommt jetzt? Aber die Erfahrung anderer Turniere hat gezeigt, dass nach drei Wochen die Motivation wiederkommt, dass die Energie zurückkommt, neue Ziele anzugehen. Und eine WM in Brasilien ist eine so interessante Aufgabe - da gab es in unserem Team nie die Diskussion nach dem Motto: Lasst uns das jetzt mal beenden.

Autor: Oliver Bierhoff
Titel: Spielunterbrechung - Man muss nicht schnell laufen, man kann auch richtig stehen
Verlag: Econ
Umfang: 304 Seiten
Preis: 19,99 Euro
Erscheinungstermin: 24. September 2012

kru/zij/news.de/dpa

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