Schwuler Fußballprofi «Das anonyme Interview ist echt»

Homosexuelle Sportler
Liebkosungen auf dem Platz

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Marcus Urban ist der erste und bislang einzige homosexuelle Fußballprofi, der sich in Deutschland geoutet hat. Im Interview mit news.de spricht er über die Echtheit des umstrittenen fluter-Interviews mit einem schwulen Profi und künftige Outings.

Herr Urban, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie das fluter-Interview mit einem anonymen, schwulen Fußballprofi lasen?

Marcus Urban: Endlich! Ich habe darauf gewartet, es war nur eine Frage der Zeit. Ich habe immer gesagt, dass es keine fünf oder zehn Jahre mehr dauern wird, sondern eher zwei, bis sich der erste Bundesligaprofi outet. Das ist einfach eine neue Spielergeneration, die will sich nicht länger verstecken, sondern fragt: Warum sollen wir nicht so sein, wie wir wirklich sind?

Es gibt große Zweifel an der Authentizität des Interviews. Sie halten es für echt?

Urban: Ich habe keine Zweifel an der Authentizität. Ich hatte mit dem Autor Adrian Bechtold Kontakt, bevor es diesen Medienhype gab. Adrian ist authentisch, ehrlich; ein junger Autor, der für die Bundeszentrale für Politische Bildung arbeitet und nun auch ein junger Mann, der das erste Mal mit diesem Medienhype konfrontiert wird. Er hat ganz schön zu tun, das alles zu verarbeiten - das ist nicht lustig für ihn. Seit vergangener Woche berate und coache ich ihn täglich und helfe ihm, da durchzukommen. Also: Mein Kopf sagt mir, die Zeit war eh längst reif für das Interview und auch mein Herz sagt mir: Das ist echt!

Stehen Sie selbst in Kontakt mit dem Spieler, der das anonyme Interview gegeben hat?

Urban: Ich bin über Adrian Bechtold mit dem Spieler im Kontakt. Er weiß von mir, und dass er sich an mich wenden kann. Ich habe ihm meine Hilfe angeboten, genau wie dem Adrian.

Was zeigen Ihnen die Reaktionen auf das anonyme Gespräch?

Urban: Was für ein Bohei wegen eines Interviews! Man sieht, was für ein unglaubliches Potenzial dahintersteckt. Wenn es wirklich offen schwule Bundesligaspieler gäbe, stünden wir vor einer – und das sage ich bewusst - gesellschaftlichen Veränderung. Der Blick auf Männer und Frauen würde sich verändern, nicht nur in Großstädten, sondern auch im ländlichen Raum. Der Fußball erreicht im Sinne von Vielfalt und Einbeziehung aller Menschen Regionen, die wir aktuell noch nicht erreichen.

Absurderweise ist Fußball ja einer der wenigen Bereiche in unserer Gesellschaft, in denen Homosexualität nicht akzeptiert ist.

Urban: Dem widerspreche ich. Auch in den klassisch akzeptierten Bereichen, Medien, Kunst, Politik, ist Homosexualität noch nicht durchgängig akzeptiert. Und überall, wo Mannschaften und Gruppen am Werke sind, wo es nicht um individuellen Ausdruck geht, gibt es hinsichtlich der Toleranz überhaupt große Schwierigkeiten. Also in Sportteams, unter Soldaten oder auch in der Kirche.

Homosexuelle Stars
«Ich bin schwul, und das ist auch gut so»

Laut den Interview-Aussagen des anonymen, schwulen Fußballprofis ist seine sexuelle Orientierung in seiner Mannschaft und sogar bei den Gegenspielern kein Problem. Geht es also nicht um die Akzeptanz in der Mannschaft, sondern bei den Fans?

Urban: Gerade wenn man sieht, welche Gewaltexzesse es in letzter Zeit in den Stadien gab und dass Spieler teilweise persönlich angegriffen werden, ist es zu verstehen, wenn Spieler Angst haben. Schwulsein wird ja schon klassisch als Abwertungsmöglichkeit genutzt: «schwule Sau». Wenn man das jeden dritten Tag hört, ist das hundert Mal im Jahr, und das reicht aus, um das Gefühl zu kriegen, ich bin nichts wert. Wie wollen Sie denn mit so einem schwachen Wertgefühl gut leben, geschweige denn Leistung bringen? Wenn Sie nicht sagen dürfen: Ich gehe heute Abend mit meinem Freund ins Kino, dann absolviert man 24 Stunden am Tag ein Versteckspiel. So kann man nicht leben und nichts leisten.

Im Interview heißt es, am Anfang sei dieses Leben ein «großen Spiel» gewesen, mittlerweile einfach nur zermürbend.

Urban: Sie haben jede Sekunde des Tages damit zu tun, sich zu verstellen, sich zu verbiegen, das wird zu einem Dauerschmerz, den keiner sieht. Selbst wenn einige wenige Teamkollegen oder Freunde davon wissen, nimmt das nicht den Druck der Öffentlichkeit.

Wäre es zu Ihrer Zeit denkbar gewesen, dass Mit- und Gegenspieler von Ihrer Homosexualität wissen?

Urban: Zu meiner Zeit war das nicht möglich. Da gab es keine Informationsmöglichkeiten, keine Ansprechpartner. Ich war komplett allein auf der Welt mit dem Thema. In den 1980er und 1990er Jahren hatten die Menschen noch im Hinterkopf, dass Homosexualität etwas Strafbares sei. Über die Jahrzehnte gab es enorme Änderungen. Gerade hier in Deutschland müssten wir verstehen, was Freiheit bedeutet. Nicht nur äußerliche, sondern auch innere Freiheit. Und darum geht es jetzt. Wenn ich daran denke, dass ich allein im Internat saß, nicht mehr weiterwusste und weiter wollte und jetzt das erste anonyme Interview eines schwulen Bundesligaspielers erlebe, dann stimmt mich das total positiv.

Wie wird diese Entwicklung weiter verlaufen?

Urban: Es passiert etwas hinter den Kulissen. Ich arbeite mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld zusammen, bin einer der Gründer des Netzwerks Fußball gegen Homophobie. Wir bündeln und sammeln das Knowhow zum Thema Homosexualität im Fußball. Wir machen Bildung, Qualifizierung und forschen zum Thema, um konkret handeln zu können, auch den DFB und andere Verbände zu informieren und zu sensibilisieren.

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Leserkommentare (8) Jetzt Artikel kommentieren
  • derchecker
  • Kommentar 8
  • 18.02.2013 16:52

Jeder wie er will...mir is wurscht welche sexuelle Ausrichtung jemand hat ...wie grausam muß es sein täglich angst zu haben und sein leben nicht so leben zu können wie man möchte.jedem der sich outet zolle ich den größten Respekt aber ich glaube die zeit ist leider noch nicht reif

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  • bochum
  • Kommentar 7
  • 12.01.2013 00:21

was wir für euer Verein tuen , sonst nichts . Das Privatleben geht euch nix an und ihr habt nicht das recht uns in den Dreck zu ziehen . Sorry das musste sein ! Danke

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  • bochum
  • Kommentar 6
  • 12.01.2013 00:18

Solche Beiträge kann ich nicht verstehen ! Man sucht es sich nicht aus Hetero oder Homosexuell zu sein . Man kann kein Menschen verbiegen! Ich spiele selber Fussball und bin Homosexuell und paar leute wissen das aus meiner Mannschaft und stehen zu mir ! Wir leben nicht zu H..... zeiten !!! Jeder Mensch sollte so sein wie er ist und sich nicht für den Rest der Gesellschaft zu verstecken! fussballerische leistung und Homosexualität sind 2 verscheieden paar Schuhe , sowas darf man nicht in einer Schublade stecken.Für euch konservertive Fans sollte nur die Leistung interresseieren...

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