Fall Pezzoni Die Mobbing-Macht der Fanmafia

Stalking & Mobbing im Netz
Auf Facebook verfolgt

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Die Gräben zwischen Bundesligaklubs und Teilen der Fans werden tiefer: Der Kölner Kevin Pezzoni löste nach Bedrohungen durch Gewalttäter «freiwillig» seinen Vertrag auf. Hannovers Präsident schimpft: «Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher.» Was ist los im deutschen Fußball?

Am vergangenen Mittwoch stand Kevin Pezzoni noch beim 1. FC Köln unter Vertrag. Auf der Seite der Facebook-Gruppe «Pezzoni in die Wüste» postete der Moderator mit dem Namen Daniel Schnettler auf die Frage, was zu tun sei, falls Pezzoni das Arbeitsverhältnis beim FC verlängert: «Erschiessen, besorgt mir das Gewehr, vor Gericht leg ich das als Notwehr aus, da er eine Gefahr für die Kölsche Kultur ist ;-).»

So ging es auf dieser und weiteren Anti-Pezzoni-Seiten in den sogenannten «sozialen» Netzwerken seit Wochen. Als sich Pezzoni zum Saisonauftakt per Facebook an die Fans wandte, gab es fast nur hämische Kommentare. Parallel entwickelte sich das virtuelle zum realen Mobbing: In der vergangenen Woche lauerten ihm gewaltbereite Fans vor seiner Haustür auf und beschimpften den Abwehrspieler auch persönlich. Bereits im Februar war Pezzoni körperlich attackiert worden: Beim Karneval wurde ihm das Nasenbein gebrochen. «Er wurde angepöbelt, es ist ein Zustand, der sich über längere Zeit aufgebaut hat», sagte sein Trainer Holger Stanislawski erschüttert. «Wenn ein Spieler Angst haben muss, auf die Straße zu gehen, dann sind eindeutig die Grenzen überschritten.»

Kevin Pezzoni zog die Konsequenzen und tat genau das, was Facebook-Agitator Schnettler und seine Anhänger gefordert hatten: Er löste seinen Vertrag mit dem 1. FC Köln auf. Bei Facebook pöbelten seine Gegner weiter: «Pezzo (ni ) di merda!!!! Wobei der lange nicht das einzige Stück Scheiße in der Mannschaft war!!!» Auch andere Spieler wie Adil Chihi oder Christian Eichner sollen bereits im Visier der Fanmafia sein.

Spielergewerkschaft: «Bald Tote»

Diese neue Qualität der Fangewalt gegen die eigenen Spieler rief heftigen Protest in der Fußballszene hervor. Trainer wie Jürgen Klopp und Ligavertreter wie Dr. Reinhard Rauball verurteilten die Straftäter auf das Schärfste. Ulf Baranowsky, Präsident der Spielergewerkschaft VDV sagte der Bild-Zeitung: «Wir verfolgen den Fall mit Schrecken. Wenn das so weitergeht, haben wir bald Verhältnisse wie in Mexiko, wo Spieler schon zu Tode gejagt wurden.» Laut VDV handelt es sich nicht um Einzelaktionen. Autos werden zerkratzt, einem Spieler wurde das Wadenbein gebrochen, einem anderen nach einem Discobesuch die Nase», sagt Baranowsky. «Die Hemmschwelle wird immer niedriger, die Hysterie größer.»

Der 1. FC Köln muss sich nun dafür rechtfertigen, lange zu wenig gegen diese neue Form der Gewalt getan zu haben. «Wir sind ja auch sehr konsequent und hart gegen diese Facebook-Einträge, die gegen Kevin gerichtet waren, vorgegangen und haben die Polizei eingeschaltet. Da haben wir auch empfohlen, Anzeige zu erstatten. Aber weitere Anzeigen sind letztendlich eine Sache von Kevin und seiner Familie», sagte FC-Geschäftsführer Claus Horstmann. Mit «Stadionverbot, Schadenersatz, Regressnahme für Strafen, die wir zahlen müssen», wolle Horstmann härter gegen Fußball-Gewalttäter vorgehen.

Weshalb ausgerechnet Pezzoni die Wut vieler Chaoten auf sich zog, kann sich Horstmann auch nicht erklären. Ursache der dumpfen Attacken ist wohl die seit Jahren durchschnittlich bis schlechte Leistung des Abwehrmannes. In den vergangenen fünf Jahren war Pezzonis bester Kicker-Notenschnitt 3,98, sonst stets schlechter als 4 - ein unterdurchschnittlicher Wert. In seinem letzten Spiel für den 1. FC Köln musste Pezzoni stark gelb-rot-gefährdet in der 34. Minute ausgewechselt werden. Dennoch war der gebürtige Frankfurter, der 2008 von den Blackburn Rovers in die Domstadt gekommen war, unter allen Trainern zum Einsatz gekommen.

Hannovers Präsident Kind: «Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher»

Bei Hannover 96 wurde zwar kein aktueller Spieler verunglimpft, dafür einer, der in der vergangenen Saison noch zu den Helden der 96er gehört hatte. Innenverteidiger Emanuel Pogatetz war zum Lokalrivalen VfL Wolfsburg gewechselt und wurde beim Hannoveraner Gastspiel bei den Wölfen übel beleidigt. «Pogatetz - du Sohn einer Hure», schallte es aus dem 96-Block. Daraufhin sagte Hannovers Präsident erregt: «Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher. Die sollen zu Hause bleiben.»

Die Beispiele Pogatetz und Pezzoni zeigen: Die Gräben zwischen Klubs und Problemfans werden tiefer. Das hat auch Michael Gabriel beobachtet. Der Leiter der Fanprojekt-Koordinationsstelle räumte ein, dass «der Respekt von Teilen der Zuschauerschaft gegenüber den Spielern geringer geworden ist. Die Schwelle von Äußerungen bis hin zu körperlicher Gewalt hat sich leider negativ verschoben», sagte Gabriel. Zu beobachten war das an den ersten Bundesliga-Spieltagen auch, als die Mannschaftskapitäne ihre Fans via Stadionmikrofon zu fairem Verhalten aufriefen und dafür ausgebuht wurden. Oder als 96-Ultras während des Spiels gegen Schalke 04 eine Fahne mit dem Konterfei des Massenmörders Fritz Haarmann schwenkten, der in den 1920er Jahren in Hannover 24 Menschen getötet hatte.

Der Dachverband der Fanprojekte rät den Klubs, den Dialog mit ihren Anhängern zu suchen. Statt ein härteres Vorgehen zu fordern, sei es «hundertmal wertvoller, wenn direkte Gespräche stattfinden. Das ist die große Chance. Das ist das, worauf es ankommt», sagt Gabriel. Je mehr sich ein Verein auch in unproblematischen Zeiten mit seiner Fanszene auseinandersetze, umso größer sei in Konfliktsituationen auch das Verständnis für den Verein. Kevin Pezzoni wurde kein Verständnis entgegengebracht. Er zog einem Vertrag als Fußballprofi «freiwillig» die Arbeitslosigkeit vor.

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kru/wam/news.de/dpa

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Pezzoni Sympatisant
  • Kommentar 1
  • 04.09.2012 17:09

Dieser Fall ist einzigartig in Deutschland und darf sich auf keinen Fall wiederholen. Ein weiteres Problem für Kevin Pezzoni dürfte sein, daß ihn kein Verein erneut anstellen dürfte welcher ebenfalls eine solche Fankuktur wie der 1. FC Köln aufweist. Ehrlich gesagt ist das auch eine Niederlage des Fair Plays :-(!

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