Nationalmannschaft Deutsch genug für Deutschland?

EM 2012
Der wirklich beste deutsche Kader

Von news.de-Redakteur
Wie ein Tsunami brachen nationalistische Vorurteile, Misstrauen und Fremdenhass nach dem EM-Aus über die deutschen Nationalspieler mit Migrationshintergrund herein. Eine unselige Debatte, gegen die sich Sami Khedira und Jogi Löw nun zu Recht wehrten.

Der Ton war ungewöhnlich scharf in den letzten beiden Tagen bei den Pressekonferenzen des Deutschen Fußball-Bundes. Vor allem Bundestrainer Joachim Löw, aber auch Führungsspieler Sami Khedira redeten in ihren ersten öffentlichen Stellungnahmen seit dem Halbfinal-Aus gegen Italien Tacheles. Nach Löws Brandrede am Montag ereiferte sich auch Sami Khedira über die Führungsspielerdiskussion, die Generalkritik an Löw und den sogenannten Hymnenstreit. «Es ist sehr schön und ein gutes Zeichen, wenn man die Hymne singt», sagte Khedira. «Aber dadurch wird man kein guter Deutscher. Ein guter Deutscher ist man, wenn man die Sprache gut spricht und die Werte annimmt.» Die Kritik sei «nicht fair, weil wir alles für unser Land tun. Nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb.»

Dass sich in Deutschland geborene Fußballer vor der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen, tatsächlich gute Deutsche zu sein, ist beschämend. In den Tagen nach dem EM-Aus meldete sich etwa die NPD zu Wort und forderte nach «Nationalitäten bzw. Kulturkreisen getrennte Schulklassen», um deutschen Kindern deutsche Kultur besser näherbringen zu können. Dass die Debatte um Willen und Leidenschaft solch nationalistische Dimensionen annimmt, geht entschieden zu weit.

Leidenschaft muss das Motto bis zur WM in Brasilien sein

Vor wenigen Monaten wurde das Multi-Kulti-DFB-Team noch als gelungenstes Beispiel für Integration gepriesen. Wegen eines einzigen verlorenen Fußballspiels wird wenig später von Medien, Politik und Anhängerschaft hinterfragt, ob die Özils, Khediras und Podolskis tatsächlich deutsch genug sind, um unser Land zu vertreten. Eine unselige Debatte, bei der Vorurteile und Misstrauen gegen Migranten in unserem Land ungehemmt hervorbrechen. Fußball als Brennglas der Gesellschaft, so hat das der Sportsoziologe Gerd Dembowski einmal ausgedrückt.

Was das gesamte Nationalteam unabhängig von der Herkunft und der fatalen Diskussion dennoch aus der Generalkritik mitnehmen kann, sagte der leise Marco Reus: «Wir müssen geiler werden auf einen Sieg, auf ein Tor.» Neben all den taktischen Lehren, die Löw aus der ärgerlichen Niederlage gegen die Italiener ziehen wird, ist es diese Leidenschaft, die als Motto über den nächsten zwei Jahren bis zur Weltmeisterschaft in Brasilien stehen sollte. Genau jene Leidenschaft, die Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn in einem flammenden Plädoyer nach der 1:3-Niederlage gegen Argentinien einforderte.

Wenn ein Spieler aus welchen Gründen auch immer, nicht in jeder Trainingseinheit und jedem Spiel diese Besessenheit aufbringen kann, muss Löw daraus die Konsequenzen ziehen. Das haben die vergangenen Jahre gezeigt. Welche Herkunft die Spieler haben und ob sie die deutsche Nationalhymne mitsingen oder nicht, ist dabei nicht relevant.

kru/news.de

Leserkommentare (8) Jetzt Artikel kommentieren
  • Rolf
  • Kommentar 8
  • 17.08.2012 16:07

Gratulation! Welch desavouierenden Worte; denn dort wo Nationalstolz ganz besonders groß geschrieben wird, sind Hass, Krieg und Abwertung von anderen - bzw. DEN Fremden respektive jene anderer Nationen - nicht weit entfernt. Soll heißen, ich scheiße auf jede Nation oder diese sogenannte nationale Identität. Nationalstaaterei ist eine territoriale Form von gestern. Es ist völlig egal, ob jemand aus diesem Land oder jenem Land kommt. Auf dieser Grundlage zu diskriminieren, auszugrenzen, Gewalt anzuwenden, zu sanktionieren, widerspricht dem Grundgedanken des Sports und des Grundgesetzes

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  • heinrichIV
  • Kommentar 7
  • 17.08.2012 10:10

Vielleicht sollten wir "entwurzelten" Nationalspielern erlauben, eigens seine eigene Nationalhymne zu singen. Bin sicher, dass die dann lauthals aus voller Kehle singen würden. Jeder von denen soll dann eine extra Singeinlage für seine nationale Identität erhalten. So wissen wir stets mit wem wir es zu tun haben und das es eine geschlossene Nationalmannschaft Deutschland gar nicht mehr gibt, sondern nur Spieler die unberechtigt damit Geld verdienen möchten. Evtl. sollten wir als Deutsche nicht mehr antreten, sondern als Multi-Kulti Mannschaft, ohne Anspruch auf Titel und Pokal.

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  • heinrichIV
  • Kommentar 6
  • 17.08.2012 09:53

Der letzte Satz obigen Beitrages sagt schon alles: "Welche Herkunft die Spieler haben und ob sie die deutsche Nationalhymne mitsingen oder nicht, ist dabei nicht relevant". Wenn dem so ist, brauchen wir keine Nationalmannschaft mehr und können das Geld hierfür sparen. Reine Fußball-Legionäre will ich als Nationalspieler nicht sehn, da reicht mir schon die Bundesliga. Wer die deutsche Nationalhymne nicht singen will, hat ein gestörtes Verhältnis zur Nation und nicht würdig diese bei Nationalspielen zu vertreten. Punkt...Basta!!

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