Medaillenziel-Vorgaben Innenminister muss Geheimakte Olympia öffnen

Olympia London 2012
Die deutschen Medaillengewinner
Hockey-Männer (Foto) Zur Fotostrecke

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Innenministerium und Olympischer Sportbund wollten es mit aller Macht verhindern: Doch nun sind die staatlichen Medaillenzielvorgaben für die deutschen Olympia-Athleten doch öffentlich geworden. Demnach ist das Olympia-Ergebnis der Deutschen bislang verheerend.

Am Freitag wurde es offenbar plötzlich hektisch im Innenministerium (BMI) und beim DOSB. Noch am Mittag hieß es aus dem Ministerium von Hans-Peter Friedrich, dass man trotz Strafandrohung von 10.000 Euro auch gegen den zweiten richterlichen Beschluss Beschwerde einlegen werde, die Medaillen-Zielvorgaben für die deutschen Olympia-Athleten zu veröffentlichen. Um 14.44 Uhr schickte das BMI den zuvor so streng gehüteten, geheimen Olympia-Vierjahresplan dann überraschend doch gemeinsam mit einer Pressemitteilung heraus.

Tenor: Das deutsche Team hat sein Medaillenziel im Vergleich mit den überzogenen Vorgaben bei den Olympischen Spielen deutlich verfehlt. Demnach waren in London insgesamt 86 Medaillen, davon 28 aus Gold (!), angestrebt worden. Nach mehr als 80 Prozent der 302 Entscheidungen hatte das 391-köpfige Team lediglich 42 Mal Edelmetall gewonnen. Laut den Unterlagen wurde von den 23 in London vertretenen Sportarten lediglich beim Tischtennis und im Kanu das vereinbarte Ziel erreicht. Die Schmetterkünstler hatten Bronze durch Dimitrij Ovtcharov und Bronze im Team gewonnen. Die Kanu-Flotte hatte die Vorgabe von insgesamt neun Medaillen schon vor dem letzten Finaltag am Samstag erfüllt. Die mit bisher fünf Plaketten dekorierten Leichtathleten hatten in den ausstehenden Wettbewerben noch die Chance, die angestrebte Marke von acht Medaillen, davon zwei aus Gold, zu erreichen.

Zielvereinbarungen fern jeder Realität

Angesichts der Ausgangslage - 2008 in Peking hatten die deutschen Athleten 41 Medaillen erreicht, das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften Leipzig hatte für 2012 54 Medaillen vorhergesagt - sind die Medaillenvorgaben fern jeder Realität. Das hatten zuletzt auch wiederholt Sportfunktionäre der deutschen Fachverbände moniert. «Leistung kann man planen, Erfolg weniger. Es ist absolut vermessen zu sagen, hier plane ich jetzt mal Gold ein, dort Silber und hier Bronze», sagte Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, der Süddeutschen Zeitung. Aus Angst vor Kürzungen hätten viele Verbände die heillos überzogenen Zielvereinbarungen des DOSB dennoch unterschrieben.

Daniel Drepper und Niklas Schenck, Journalisten des Rechercheblogs der Waz, hatten geklagt, weil sie trotz monatelanger Recherche und Anfragen keine Auskunft von DOSB und BMI darüber bekommen hatten, wie viele Medaillen die deutschen Athleten in London gewinnen müssen und wie viel Geld pro Verband dafür vom BMI bereit gestellt wird. Im Auftrag des Friedrich-Ressorts handelt der DOSB mit den einzelnen Olympischen Fachverbänden aller vier Jahre die Zielvorgaben für Olympische Spiele aus. Warum diese Vereinbarung gehütet wird wie die britischen Kronjuwelen im Londoner Tower konnten Friedrich und Co. nie schlüssig erklären. Andere Nationen wie Großbritannien oder Dänemark legten die Ziele und Fördergelder für die einzelnen Disziplinen ohne Geheimniskrämerei offen.

22 Jahre nach der Wende: Hanebüchenes Staatssportsystem

Laut Waz-Rechercheblog wurden auch die einzelnen Fachverbände wie der Deutsche Leichtathletik-Verband dazu aufgefordert, Stillschweigen zu bewahren. Einzelne Vertreter der Fachverbände kritisierten dennoch öffentlich, dass die Medaillenplanerei weder Hand noch Fuß hat, es keine einheitlichen Richtlinien gibt und keine Transparenz herrsche, was mit den Steuermillionen genau geschieht. Ganz abgesehen davon, dass es 22 Jahre nach Ende des staatlich organisierten Leistungssports in der DDR hanebüchen anmutet, wenn das Ministerium gemeinsam mit dem angeblich autonomen Sport Medaillen plant und einfordert wie einst das kommunistische Regime.

DLV-Mann Hensel klagt: «Wir gehen im Spitzensport immerhin treuhänderisch mit öffentlichem Geld um. Da kann man nicht auf der anderen Seite ein Geheimnis daraus machen, zu welchem Zweck und auf welche Weise man diese Millionen auszugeben gedenkt.» Auch welche Folgen es hat, wenn ein Verband die hohen Zielvergaben nicht erreicht, wie aktuell der Deutsche Schwimm-Verband, ist nicht klar geregelt. Mit etwa 33 Millionen Euro Steuergeldern hat das BMI im vergangenen Jahr den deutschen Sport unterstützt. Hochgerechnet auf einen Olympiazyklus sind das inklusive der Förderung aus anderen Ministerien, Kommunen und Bundesländer laut FAZ etwa eine Milliarde Euro - zirka 20 Euro pro Erwerbstätigem.

Auch deshalb wird der DOSB nach Olympia 2012 nicht zur Tagesordnung übergehen können. Die nicht erfüllten Erwartungen seien aber kein Grund für personelle Konsequenzen, ließ Christa Thiel, Vizepräsidentin Leistungssport wissen: «Ich will das nicht wegschieben, aber ich bin erst seit Ende 2010 als Vizepräsidentin für den Leistungssport zuständig und die Zielvereinbarungen wurden 2008 geschlossen.»

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London 2012
Olympische Tragödien
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boi/news.de/dpa

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