Olympiaskandal um Drygalla «NPD-Ausstieg ist fadenscheinig»

Rechtsextremismus
Die braune Gefahr

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Michael Fischer, Freund von Olympia-Ruderin Nadja Drygalla, will sich vor zwei Monaten von der rechten Szene losgesagt haben. Ein Experte der rechten Aussteigerorganisation Exit zweifelt im Gespräch mit news.de an Fischers tatsächlichem Ausstieg.

Einen Tag, nachdem sich Ruderin Nadja Drygalla einem Reporter der Nachrichtenagentur dpa offenbart hat, bezog erstmals auch ihr Freund Position. Der bisherige Rostocker Neonazi Michael Fischer erklärte, dass er «mit der Sache, dass ich Neonazi bin» abgeschlossen habe. «Ich habe mich entschieden, aus der Partei auszutreten und meine Aktivitäten einzustellen. Ich wollte mir und anderen Leuten die Zukunft nicht verbauen», sagte Fischer. Weder für NPD noch für die Kameradschaft Nationale Sozialisten Rostock (NSR) sei er mehr aktiv.

Dabei war Fischer noch im Mai auf einer Demonstration gesehen worden, am 23. Mai fotografierte er ein Mädchen mit «White-Power»-T-Shirt und Baseballschläger. Am 16. Juni veröffentlichte er auf dem rechten Portal mupinfo.de, das auf den Stellvertretenden NPD-Landesvorsitzenden Mecklenburg-Vorpommerns registriert ist, einen Text über die «linke Ausländerlobby» und einen angeblichen Anschlag auf das Gesundheitsamt.

Fischer erklärt diese Tatsachen mit einem schleichenden Prozess, genauso «wie ich da reingekommen bin». Und die Folgen des Ausstiegs? «Den Austritt habe ich einfach erklärt, es war damit beschlossene Sache, da gab es auch keine großen Nachfragen. Auf Bundesebene wird es im Internet garantiert irgendwelche Stimmen geben. Aber grundsätzlich befürchte ich hier oben in der Region gar nichts.»

Exit-Experte: «Ausstieg Schutzreflex gegenüber Drygalla»

Fabian Wichmann, von der Organisation Exit, die Aussteiger aus der rechten Szene unterstützt, hält Fischers Ausführungen für unglaubwürdig. «Fischers angeblicher Rückzug ist eher fadenscheinig, ein Schutzreflex gegenüber seiner Freundin», sagt Wichmann. «Leute, die eine so exponierte Stellung haben, wie sie Michael Fischer in Rostock hat, ziehen sich unserer Erfahrung nach nicht schleichend zurück - da muss ein klarer Bruch mit der Szene stattfinden.» Fischer habe höchstwahrscheinlich Zugang zu Datensätzen, Materialien und Internetblogs, «es besteht die Gefahr, dass er über Mitglieder der Bezugsgruppe auspackt», sagt Wichmann.

Nach den Erfahrungen, die Wichmann und seine Kollegen gemacht haben, werden Aussteiger verdächtigt, V-Männer, Spitzel und Verräter zu sein. «Und Verrat wird letztlich geahndet durch die Bezugsgruppe. Zum Beispiel mittels Hasstiraden im Internet, in denen der Person Alkoholismus nachgesagt wird oder psychische Erkrankungen. Da gibt es normalerweise ein ganzes Arsenal an Verächtlichmachungen», sagt Wichmann.

Öffentlicher Rückzug wird in Extremfällen von der Szene gebilligt

Bislang gab es in der rechten Szene jedoch keine Repressalien gegenüber Fischer. Stattdessen wird sein Ausstieg ungewöhnlicherweise toleriert. Auf mupinfo.de heißt es: «Er (Fischer) wird nun erst einmal beide Hände voll zu tun haben, seine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, beruflich den Anschluss zu finden und seinen Rückzug öffentlich glaubhaft zu machen. Ein Kameradenschwein oder Verräter ist Fischer deshalb noch lange nicht. Vielmehr hat er vor der erdrückenden Übermacht des Gegners kapituliert, seine politische Aktivitäten eingestellt und sich ins Privatleben zurückgezogen. Das ist zwar traurig, aber sollte und muss dennoch respektiert werden.» Laut Aussteigerexperte Wichmann werde «der öffentliche Rückzug aus strategischen Erwägungen gebilligt und in Betracht gezogen, solange man sich nicht von der die Ideologie lossagt.»

Vieles deutet also darauf hin, dass Fischers angeblicher Ausstieg nicht aus Überzeugung, sondern nur aufgrund des öffentlichen Drucks geschah. Falls es Fischer ernst meint mit seinem Rückzug müsste er sich dringend Hilfe holen, zum Beispiel von Exit. Laut Wichmann gehöre ein klarer Bruch, also die komplette Lossagung von den alten Kameraden, genauso dazu wie eine öffentliche Entschuldigung bei denen, die Fischer bislang diffamiert habe.

Auch die Rolle von Nadja Drygalla selbst ist weiter unklar, da es auch Vorwürfe aus Sportlerkreisen gegen die Rostockerin gibt. So sagte Carina Bär aus dem deutschen Doppel-Vierer: «Wir haben intern öfter darüber diskutiert, dass wir solche Haltungen nicht tolerieren. Bei ihr war es ein offenes Geheimnis.»

Lesen Sie dazu auch den news.de-Kommentar

jag/news.de/dpa

Leserkommentare (12) Jetzt Artikel kommentieren
  • author
  • Kommentar 12
  • 11.08.2012 05:42

Ich habe sie weinen sehen.Sie ist doch noch ein Mädchen.Wenn die Partei nicht verboten ist, muss man sich eben in Toleranz gegenüber den anders denkenden üben.Ich möchte den Verantwortlichen mal gerne kennenlernen.

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  • Carla Becker
  • Kommentar 11
  • 08.08.2012 21:43

Wer bestimmt eigentlich was wir denken und welche Freude wir haben dürfen? Die Hetzkampagne ist ja schlimmer als vor 1945! Diese Schleimer würden auch gut bei den echten Nazis aktiv gewesen sein. Diese Politiker-Buckler sind zum Kotzen und die sind auch die gefährlichsten, die schnell alle Anderen Anschwärzen. Nach 45 hat man zu solchen gesagt - die hängen ihren Mantel in den Wind .In der BRD haben überwiegend die Narzißten Zugang zu den Medien. Sonst würde nicht solcher Unfug verbreitet. Selbstgefällige und dumme Menschen. Die hatten wir im letzten Jahrhundert genug.

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  • Stefan
  • Kommentar 10
  • 08.08.2012 11:43

Ausschlaggebend waren ja die olympischen spiele, dass wir diese Diskussion wieder führen. Früher war es unwichtig, welche Ansichten der einzelne Athlet vertrat, es wurde halt nur auf offener Bühne nicht gebilligt (s. Black power). Heute müssen alle Sportler unpolitisch (bzw. Christdemokrat) sein, bevorzugterweise auch noch Atheist, damit die Religion nicht eingreifen kann. Wenn das so weiter geht, haben wir bald nur noch getrennte Spiele, so wie es jetzt schon deren vier gibt... Um General Barthino aus Taxi zu zitieren: "Eine Katastrophe"

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