London Martin will Medaille im Zeitfahren

London - Das Kahnbein der linken Hand ist gebrochen, am Knie und Ellenbogen kleben dicke Pflaster, unter einem Auge sind noch Spuren des schweren Unfalls vom April zu entdecken: Tony Martin ist anzusehen, dass seine Saison bisher alles andere als optimal lief.Trotzdem lässt sich der Zeitfahr-Weltmeister nicht unterkriegen und hat in seiner Spezialdisziplin olympisches Edelmetall im Visier.

Martin will Medaille im Zeitfahren (Foto)
Martin will Medaille im Zeitfahren Bild: dpa

«Die Gold-Hoffnung ist noch da - aber nicht vordergründig. Das Ziel sind die Medaillenränge. Mein totaler Fokus ist jetzt auf Mittwoch gerichtet», sagte Martin zwei Tage vor seinem wichtigsten Wettkampf in diesem Jahr. «Von Gold bis Platz vier ist für ihn alles drin», erklärte Verbandspräsident Rudolf Scharping.

Einer der wichtigsten Berater Martins in den vergangenen Wochen ist sein Teamarzt Helge Riepenhof. «Ich würde ihm von ganzem Herzen wünschen, dass er als Ausgleich für sein maßloses Pech hier in London die Sensation schafft», sagte der Mediziner, der den 27-Jährigen nach dessen Sturz auf der 1. Tour-Etappe versorgte und mit ihm das Risiko wagte, noch acht Etappen weiterzufahren und die Fraktur nicht operieren zu lassen. «Ein solcher Bruch braucht etwa sechs Wochen bis zur Heilung. Erst dann müsste man schmerzfrei sein», sagte Riepenhof. Vier Wochen der Tortur hat Martin hinter sich gebracht - mit geschienter Hand und Schmerzen als ständigen Begleitern. Das Durchhaltevermögen soll sich am Mittwoch auszahlen.

Der 44 Kilometer lange Zeitfahr-Kurs in Hampton Court Palace liegt Martin nach eigener Aussage. «Im Mai habe ich ihn befahren, er kommt mir entgegen. Heute trainieren wir dort», erklärte er am Montag. Sein Topfavorit für Mittwoch heißt Bradley Wiggins. Der erste britische Toursieger, der in Frankreich beide Zeitfahren gewann, als Galionsfigur des britischen Teams im Straßenrennen aber scheiterte, werde dem Druck standhalten. «Das hat er schon bei der Tour bewiesen», meinte Martin, der in London auf mehr Glück hofft als beim Tour-Prolog und im Zeitfahren in Besancon. Zweimal hatte ihn in Frankreich ein Platten aus der Bahn geworfen.

Hinter dem übermächtig erscheinenden Wiggins will sich Martin mit dem angeschlagenen Fabian Cancellara (Schweiz), dem Tour-Zweiten Christopher Froome (Großbritannien) und Gustav Erik Larsson (Schweden) im Kampf um Silber oder Bronze eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe liefern. Am Montag gab es aus dem Schweizer Lager Entwarnung: Cancellara, der im Straßenrennen nach einem Fahrfehler auf seine im April operierte Schulter gestürzt war und Prellungen erlitt, wird im Zeitfahren antreten. Allerdings dürfte der Sieger von Peking ähnlich gehandicapt wie Martin ins olympische Rennen gehen.

Cadel Evans, Toursieger von 2011 und auch ein starker Zeitfahrer, zog am Montag für den Wettbewerb zurück. Er sei nach der Tour zu müde, teilte sein Team mit. Für Australien geht jetzt nur der ehemalige T-Mobile-Profi Michael Rogers, der bei der Tour als Helfer von Wiggins im überragenden britischen Sky-Team einen zweiten Frühling erlebte, an den Start.

Vielleicht noch größere Chancen auf Olympia-Medaillen als Martin hat am Mittwoch Judith Arndt über 29 Kilometer. Die Leipzigerin will ihre fünften und letzten Spiele als amtierende Weltmeisterin am liebsten mit Gold krönen. «Gerade nach dem Straßenrennen, bei dem wir knapp an den Medaillenrängen vorbeifuhren, will sie es jetzt wissen», sagte Verbands-Sportdirektor Patrick Moster.

news.de/dpa

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