London 2012 Ticketproblem drückt auf Olympia-Stimmung

Glückliche Fans, tosende Stimmung und Lob aus aller Welt: Für London 2012 wäre es ein fast perfektes Auftaktwochenende gewesen - wenn da nicht der Wermutstropfen eines offensichtlichen Ticketproblems gewesen wäre. Hunderte Plätze blieben leer. Auch illegaler Kartenverkauf ist ein Problem.

Olympia in London 2012: Lasst die Spiele beginnen!
zurück Weiter Das Kunstflugteam der britischen Luftwaffe namens Red Arrows zog über dem Olympiastadion seine Kreise. (Foto) Zur Fotostrecke Foto: dpa/Larry W. Smith

Ein Ticketproblem hat den Olympia-Gastgebern trotz toller Stimmung an den meisten Wettkampfstätten einen perfekten Auftakt verdorben. Einige hundert Funktionäre ließen am Wochenende ihre Eintrittskarten verfallen und sorgten damit für Frust bei vielen Fans, die beim Run auf die Tickets leer ausgegangen waren. Hunderttausende Zuschauer aus aller Welt feierten derweil schon an den ersten beiden Wettkampftagen ein Sportfest des Frohsinns - und sorgten damit sogar bei erfahrenen Athleten für Gänsehaut.

Ausgerechnet bei attraktiven Wettbewerben wie Turnen, Tennis, Basketball und Schwimmen waren am Samstag ganze Zuschauerblöcke freigeblieben. Offensichtlich waren aber, entgegen einer etwas voreiligen Aussage von Großbritanniens Sportminister Jeremy Hunt, nicht die Sponsoren schuld. Vor allem Funktionäre haben nicht von ihren Karten Gebrauch gemacht - und vor den Stadien ärgerten sich die Fans, dass sie nicht reinkamen.

Von einem «Ticketskandal» wie ihn einige britische Medien herbeischrieben, wollte das Organisationskomitee Locog aber noch lange nichts wissen. Organisationschef Sebastian Coe bleibt nach außen hin noch ruhig: «Ich glaube nicht, dass das längerfristig ein Thema sein wird», sagte er am Sonntag. Nach innen hat das Locog den Blick auf die Situation gerichtet.

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Soldaten sollen TV-Bilder kontrollieren

Einen Teilerfolg konnte das Organisationskomitee bereits erzielen: Rund 3000 Tickets aus dem Bereich der akkreditierten Vertreter von Sportverbänden, Behörden oder Medien konnten für Wettbewerbe am Montag noch in den freien Verkauf gegeben werden. Wie Locog-Sprecherin Jackie Brock-Doyle mitteilte, hat allein der Turn-Weltverband etwa 600 Karten zurückgegeben. Auch im weiteren Verlauf der Spiele wolle man Karten aus diesem Kontingent von einem zum anderen Tag zum Verkauf anbieten.

Dass die Kritik Locog nicht kaltlässt, belegt auch die Tatsache, dass Soldaten in die Arenen geschickt werden sollen, um weltweit gesendete Fernsehbilder von leeren Tribünen zu verhindern. «Wir lassen jetzt Soldaten rein», kündigte der 1500-Meter-Olympiasieger von 1980 und 1984 an. Die hätten es verdient, weil sie kurzfristig für die Sicherheit der Spiele in die Bresche gesprungen seien. Spötter sagen, Coe habe damit das Verfahren kopiert, das bei seinem Olympiasieg in Moskau schon für volle Stadien gesorgt hatte.

Weniger Kritik dürften die weiteren Teile des Plans hervorrufen, den sich die Londoner Organisatoren zur Lösung der Ticket-Frage zurechtgelegt haben. Freigewordene Eintrittskarten sollen kurzfristig auch an Schulklassen und ihre Lehrer gehen. «Das hatten wir sowieso von Anfang vor», sagte Coe. Ferner werden Tickets von Zuschauern, die vorzeitig das Stadion verlassen, im Olympia-Park verkauft. «Wir haben am Samstag bereits 1000 zusätzliche Karten verkauft», betonte er.

Verwirrung durch uneindeutige Bezeichnung «unticketed»

In Acht nehmen müssen sich Fans vor Ticket-Betrügern. Seit Beginn der Spiele hat Scotland Yard insgesamt zehn Personen wegen Delikten im Zusammenhang mit Olympiatickets angeklagt, darunter auch einen 57-jährigen Deutschen. Am Sonntag wurden weitere drei Verdächtige festgenommen. Über eine Anklage ist noch nicht entschieden.

Bereits bei der Qualifikation im Bogenschießen in der Arena Lord's Cricket Ground war es wegen gefälschter Karten zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Einer Besuchergruppe wurde am Freitag der Eintritt zum Wettkampf verwehrt. Für die Ausscheidung waren vom Gastgeber der Olympischen Spiele in London offiziell überhaupt keine Tickets angeboten worden, weil Vorkämpfe immer ohne Publikum stattfinden. Windige Website-Inhaber verkauften dennoch Tickets.

Allerdings sorgten auch die Organisatoren der Spiele selbst offenbar für Konfusion: Sie hatten die Veranstaltung mit dem Begriff «unticketed» (so viel wie «ohne Tickets») überschrieben. Zahlreiche Fans verstanden dies so, als könnten sie den Wettbewerb live verfolgen. Bei früheren Olympischen Spielen waren Events wie Marathon und Straßenradrennen als «unticketed» überschrieben worden - und konnten dennoch von Zuschauern ohne Tickets besucht werden.

«Sie haben uns blöd dastehen lassen», sagte Fanna Horsmann aus Amsterdam, die sich aufs Bogenschießen gefreut hatte. Das Organisationskomitee Locog erklärte, dass die Informationen ausreichend gewesen seien und die Qualifikationsrunden stets hinter geschlossenen Türen stattgefunden hätten. Eine Locog-Sprecherin bat die Sportfans darum, «extrem vorsichtig und aufmerksam zu sein beim Versuch, Tickets zu kaufen». Diese sollten nur bei offiziellen Händlern erworben werden.

London euphorisiert von Wettkämpfen

Tickets hin oder her: In den meisten Stadien und in der Stadt herrschte am Wochenende Hochstimmung. Beim Beach-Volleyball feierten tausende US-Fans gemeinsam mit Australierern vor historischer Kulisse. Schon am Morgen sagte der deutsche Star Jonas Reckermann: «Das ist die schönste Location, in der ich je gespielt habe, da bekommt man Gänsehaut.»

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Video: zoomin

Die Vorläufe beim Rudern - eine gute Stunde außerhalb Londons in Eton Dorney ausgetragen - verfolgten sensationelle 25.000 Besucher. Beim Radrennen der Männer säumte eine Million Menschen die Straßen. «Das ist rekordverdächtig», sagte Coe. Schon die Eröffnungsfeier von Regisseur Danny Boyle, mit viel Witz und Promi-Faktor, war ein Stimmungsknaller: «Ich kann nur eines sagen: Wow!», sagte Namibias Sprintlegende Frankie Fredericks.

Die Briten, an die 6,6 Millionen der 8,8 Millionen verkauften Tickets gegangen sind, feierten am ersten Olympia-Wochenende sich selbst und die Welt. «Die Zuschauer sind fantastisch», sagte Zara Phillips, Enkelin von Queen-Elizabeth II., am Sonntag.

zij/news.de/dpa

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • cussio
  • Kommentar 1
  • 29.07.2012 19:08

Hoffentlich bekommen die Briten wenigstens einige Medaillien. Bei den vielen chinesischen Wonneproppen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

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