Fußball Kontrollierte Offensive, Bollwerk - Eine Taktik-Bilanz

Kontrollierte Offensive, Bollwerk - Eine Taktik-Bilanz (Foto)
Kontrollierte Offensive, Bollwerk - Eine Taktik-Bilanz Bild: dpa

Berlin - Am Ende kommt es auf Nuancen an. Die EM in Polen und der Ukraine ist dafür das beste Beispiel. Knappe Spielergebnisse, ähnliche Systeme, die Fokussierung auf den Kombinationsfußball - Kleinigkeiten entscheiden.«All das hat es früher auch schon gegeben, aber möglicherweise spitzt es sich weiter zu, dass Nuancen über Sieg oder Niederlage entscheiden», sagte der Sportwissenschaftler Roland Loy der Nachrichtenagentur dpa.Allein ein Rückblick auf die Duelle in der deutschen Gruppe belegt diese These: Alle Partien wurden nur mit einem Treffer Unterschied entschieden.

Von defensiver Ausrichtung konnte überwiegend keine Rede sein - kontrollierte Offensive war Trumpf.

Alle vier Halbfinalisten zeichneten sich durch Angriffslust aus. Selbst die oft für ihren «Catenaccio» kritisierten Italiener überraschten mit Offensivdrang. Die Bollwerke aus Griechenland oder England schieden gleich zu Beginn der K.o.-Phase aus.

«Es gibt eine Angleichung in den Spielstilen. Selbst die besseren Teams zeigen Ballgeschiebe im Mittelfeld, Kombinationsfußball ohne Ende - das ist typisch für den modernen Fußball», erläuterte Loy.

Nur acht Tore nach Standards, nur vier durch Fernschüsse nach dem ersten Halbfinale - all dies verwunderte den früheren Schüler von «Fußball-Professor» Dettmar Cramer und ehemaligen sportlichen Berater von Franz Beckenbauer nicht. «Es hat sich vielleicht die Erkenntnis durchgesetzt, dass man aus einer Distanz von 25 Metern ungefähr 70 Torschüsse braucht, um ein Tor erzielen zu können. Innerhalb des Strafraums braucht man im Schnitt etwa sieben Torschüsse für einen Treffer», bemerkte Loy und verwies auf die Statistik.

Wie Deutschland oder Portugal setzte unter den Halbfinalisten auch Spanien auf ein 4-2-3-1-System. Gegen leidenschaftliche Portugiesen in der Vorschlussrunde (4:2 n.E.) machten aber weder das oft tranceartige «Tiki Taka» noch Stars wie Xavi (FC Barcelona) den hauchdünnen Unterschied, sondern in erster Linie die Nerven.

Als kombinationssicher und cool erwies sich auch Italien. Trainer Cesare Prandelli wird ob eines Mentalitätswandels sogar gehuldigt. Spieler, Fans und Medien waren vor allem nach 120 Minuten kompromisslosem Angriffswirbel im Viertelfinale gegen England begeistert. «Prandelli hatte den Mut, unitalienisch zu spielen», sagte der frühere Nationalspieler Gianfranco Zola.

Prandelli wollte eigentlich einmal Architekt werden. Statt Häuser konstruierte er eine neue «Squadra Azzurra», die er akribisch vorbereitet. «Wer weiß, was er zu tun hat, muss auch keine Angst vor großen Gegnern haben», sagte Prandelli.

Als «Magier» hatte sich Bundestrainer Joachim Löw mit seinem Umbau-Coup im Viertelfinale gegen Griechenland (4:2) erwiesen. Drei Wechsel nahm er vor: Mario Gomez, Lukas Podolski und Thomas Müller raus - Miroslav Klose, Marco Reus und André Schürrle rein. Löws Strategie saß. «Das ist aufgegangen», freute sich der 52-Jährige.

Bei aller Analyse von Taktik, Aufstellung und engen Ergebnissen - für Sportwissenschaftler Loy gibt es einen auch bei dieser EM nicht zu unterschätzenden Faktor. «Wenn nur ein Tor über Sieg oder Niederlage entscheidet, dann hängt auch viel vom Zufall ab.»

news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig
Anzeige
++ Fußball-Liveticker ++
 

Live-Ticker powered by live-ticker.com

Fußball im Überblick
news.de auf Facebook
Follow us on Facebook!
News.de auf Twitter
Follow us on Twitter!
Anzeige