Deutschland - Griechenland Krieg der Fußball-Welten

EM 2012
Die Bilanz der Vorrunde

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Kombinationskünstler gegen Defensivartisten: Im EM-Viertelfinale Deutschland gegen Griechenland prallen zwei komplett unterschiedliche Fußball-Philosophien aufeinander. Ein Professor erklärt im Gespräch mit news.de, wie Deutschland das Griechen-Bollwerk knackt.

Bastian Schweinsteiger blickte nach dem 2:1 gegen Dänemark im letzten Vorrundenspiel am Sonntag so leer in die Kamera, als habe er gerade das Champions-League-Finale verloren. Als der Reporter ihn verdutzt auf seine miese Laune ansprach, erwiderte Schweinsteiger nur schmallippig, dass er einfach kaputt sei. Kollege Thomas Müller erklärte später im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: «Für den Basti war das Dänemark-Spiel besonders schwer, weil die im Mittelfeld fast immer Überzahl gespielt haben. Das strengt brutal an.» Und: «Dann sitzt man in der Kabine und ist irgendwie genervt. Man weiß dann hinterher gar nicht mehr: Haben die wirklich so gut verteidigt, oder haben wir es nur nicht so gut gemacht?»

Nicht etwa berauschendes Kombinations- oder Konterspiel stehen bislang bei der EM 2012 im Mittelpunkt, sondern die hohe Kunst der Verteidigung. Bei der Euro tun sich selbst spielstarke Teams wie Deutschland, Spanien oder Portugal offensiv schwer damit, die kompakten Abwehrreihen der Gegner zu durchbrechen. Wie es scheint, hat sich die Defensive perfekt auf das überfallartige Angriffspiel im 4-2-3-1-System eingestellt.

Zu viele Beine: Das «Chelsea-Modell» versperrt den Strafraum

DFB-Trainerausbilder Frank Wormuth sagt im Gespräch mit news.de: «Bei der EM 2012 beobachten wir, dass die Spieler teilweise beim Abstoß des Gegners am gegnerischen Sechzehnmeterraum warten. Ganz neu ist also, dass beim Abstoß des Torhüters bereits vorn die Räume zugestellt werden, damit der gegnerischen Mannschaft kein Spielaufbau von hinten heraus möglich ist.» Wenn dann etwa nach einem Abstoß des Torhüters oder einem langen Pass des Abwehrspielers die erste Abwehrreihe überwunden wurde, ziehen sich die Spieler so schnell wie möglich zurück, um hinter den Ball zu kommen. «Daraus ergibt sich zwar, dass die Mannschaften irgendwann auch am eigenen Strafraum kompakt stehen, aber sie warten nicht von Anfang an dort», sagt Wormuth.

Sexy EM-Fans
Die schönste Seite der Euro

Vor dem Viertelfinalspiel zwischen der deutschen und der griechischen Mannschaft am heutigen Freitagabend (20.45 Uhr/ZDF) sieht alles danach aus, als würde es erneut auf ein solch belagerungsähnliches und kraftraubendes Spiel hinauslaufen. Denn Griechenland beherrscht die Verteidigungskunst wie keine zweite Nation in Europa. Seit den Erfolgen des Otto Rehhagel haben die Griechen das zerstörerische Abwehrspiel zu ihrer fußballerischen Identität erhoben. DFB-Flügelflitzer Thomas Müller, der seit fast 500 Minuten auf ein Tor wartet, stöhnt vor der Partie entnervt: «Wir müssen gegen sie erstmal ein Tor erzielen. Fußballerisch wird das kein Spaziergang. Griechenland wird sehr stark verteidigen.»

Psychologische Kriegsführung: Abwehr wie am Handballkreis

Von den Hellenen war nichts anderes als eine solche Defensivtaktik zu erwarten. Doch auch andere Nationen verlegen sich vor allem während der EM auf dieses effiziente Abwehrspiel. Professor Daniel Memmert von der Sporthochschule Köln spricht in diesem Zusammenhang vom «Chelsea-Modell, das im Halbfinale und im Finale der Champions League glücklich als Gewinnermodell hervorgegangen ist». Der Taktikexperte vom Institut für Kognitions- und Sportspielforschung sagt zu news.de: «Das hat dazu geführt, dass Mannschaften auch bei der Euro einen Handballkreis aufführen, und sehr kompakt vor dem eigenen Tor darauf lauern, dass sie in ein, zwei Kontersituationen geraten.» Das Ziel dieser Methode sei klar, sagt Memmert: «Irgendwann sind zu viele Beine da, der Raum ist zugestellt und dadurch ergeben sich für Spieler wie Mesut Özil oder die spanischen Spieler, die Pässe in die Nahtstellen suchen, keine Möglichkeiten und dadurch auch keine Abschlusssituationen.»

Genau wie der FC Chelsea im Champions-League-Finale gegen den FC Bayern München bietet diese effiziente, aber höchst unansehnliche Taktik auch für individuell schlechtere Teams die Möglichkeit mitzuhalten. «Man kann sich in diesem System sehr effizient kollektiv absichern und gegenseitig helfen. Wenn einer ausgespielt ist, springt der nächste Mitspieler ein. Das wird sehr einfach, weil die Räume so eng sind und die Spieler dicht aufeinander stehen», weiß Memmert. «Stärkere Spieler, die eine 1:1-Situation gewinnen können, müssen sich direkt danach wieder dem nächsten Gegenspieler stellen.» Neben der körperlichen Ermüdung auch eine Art der psychologischen Kriegsführung.

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • heinrichIV
  • Kommentar 6
  • 23.06.2012 10:57
Antwort auf Kommentar 3

Fussballspiele ohne Zuschauer...so scheinst Du das vorzustellen. Der Erfolg unserer Jungs scheint Dir ganz schön zu stinken. Deine Anti-deutschen Gefühle können leider nicht erfüllt werden, ha, ha, ha

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  • ramona
  • Kommentar 5
  • 22.06.2012 18:48

3 für die deudschen und 2 für die griechenlaned

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  • erwin
  • Kommentar 4
  • 22.06.2012 14:05

Jetzt bewahrt doch mal ruhig Blut! Das ganze ist ein SPIEL! Warum muss immer gleich von Krieg die rede sein? Die Dt. Mannschaft wird´s schon richten und irgendwie einen rein stolpern und wenn´s die Griechen selber machen

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