Gewichtheben Steiners Schmerz: «Es fehlt an Substanz»

Steiners Schmerz: «Es fehlt an Substanz» (Foto)
Steiners Schmerz: «Es fehlt an Substanz» Bild: dpa

Hamburg - Matthias Steiner muss sich fühlen wie Sisyphus. Immer wieder wuchtet der Gewichtheber-Olympiasieger die Hantel in die Höhe. Bis zu 100 Tonnen in der Woche.

Er trainiert und trainiert. Aber er kommt nicht über den Berg.

Am Ende schafft er das, was er schon Wochen zuvor bewältigt hatte. Steiner will nach London zu seinen dritten Olympischen Spielen. Er will Edelmetall. «Ich träume von einer Medaille», meint der 29-Jährige, während ihm der Schweiß von Stirn und Wangen perlt.

Aber von einem großen Coup wie 2008 in Peking, als er sich mit einer unglaublichen Steigerung von zehn Kilogramm im letzten Versuch überraschend Gold schnappte, hat er sich längst verabschiedet. «Eine Medaille wäre ein Wunder», sagt er deshalb. Weil es Wunder aber immer wieder gibt, zumal im Sport, will auch er daran glauben.

Eines ist klar: Steiner wird nicht in der Form von 2008 nach London reisen. Dazu fehlt ihm einfach die Zeit. Die eingerissene Quadrizepssehne zwischen Oberschenkelmuskel und Kniescheibe, die im Herbst vergangenen Jahres operativ geflickt wurde, hat ihn um Monate zurückgeworfen. Erst im Januar konnte der Heidelberger ins Olympia-Training einsteigen. «Ich habe zwar Heilfleisch, aber es fehlt an Substanz», klagt er. Bis zu den Europameisterschaften im April, als er mit 424 Kilogramm Zweiter wurde, ging alles gut. «Seitdem ist der Wurm drin», seufzt Bundestrainer Frank Mantek.

In der vergangenen Woche streckte ihn der dritte grippale Infekt innerhalb kurzer Zeit nieder. Bett statt Trainingshalle, Tee statt Hantel. Zuvor hatten ihn Probleme mit Hand und Schulter aus dem Rhythmus geworfen. «Wenn du nicht trainierst, kannst du nicht besser werden», flucht Steiner. Das Trainingslager mit seinen Olympia-Kollegen Almir Velagic und Jürgen Spieß auf dem sächsischen Rabenberg musste er sausenlassen. Am Mittwoch geht es ins nächste Camp nach Österreich. Diesmal fährt Steiner mit.

Zwischendurch hatte Mantek gar befürchtet: «Jetzt ist es ganz aus.» Beim Trainingslager auf dem Herzogenhorn im Mai hatte es seinen Vorzeigeathleten urplötzlich ausgehebelt. Der gebürtige Österreicher lag auf dem Bauch, konnte sich vier Stunden lang nicht rühren. «Nein, bitte kein Bandscheibenvorfall», flehte Mantek. Um den 145-Kilo-Giganten per Trage aus dem Fenster des Trainingskellers zu hieven, mussten Manteks starke Kerle allesamt ran. Nach zwei Tagen im Krankenhaus stand fest: es war nur akute Muskelverspannung im Rücken.

Steiner ist ungeduldig. Er will schnell aufholen. «Vollgas zu geben und zu trainieren wie ein Bekloppter - das bringt es aber auch nicht», bekennt er. Ernüchternd war, dass Teamkollege Velagic bei der Olympia-Qualifikation vor zwei Wochen um sechs Kilo besser war. «Ich bin noch nicht fit für die Bühne», gesteht Steiner. Am meisten fuchst ihn, dass er technische Abläufe, die er einst beherrschte, nicht mehr solide auf die Reihe kriegt: «In Peking hatte ich ein Riesenfundament, auf das ich bauen konnte. Das fehlt jetzt.»

Für Mantek hätten die Olympischen Spiele erst im Februar nächsten Jahres stattfinden dürfen. «Für eine Medaille in London brauchen wir 450 Kilo. Ich weiß nicht, wie wir die machen wollen», stöhnt der Trainer. Zuletzt hatte Steiner 410 Kilo geschafft, in Peking vier Jahre zuvor waren es 461. «Meinen Olympiasieg kann mir keiner mehr nehmen», meint der Hüne, «aber ich will es noch mal wissen.»

news.de/dpa

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