Ex-Fifa-Referee Das System Torrichter hat versagt

Englands John Terry Terry klärt - hinter der Linie: Das System Torrichter hat versagt, meint Bernd Heynemann. (Foto)
Englands John Terry Terry klärt - hinter der Linie: Das System Torrichter hat versagt, meint Bernd Heynemann. Bild: dpa

Sehen sieben Schiedsrichter mehr als eine Kamera? Zwei krasse Fehlentscheidungen an den vergangenen beiden EM-Tagen beweisen das Gegenteil. News.de spricht mit Ex-Fifa-Referee Bernd Heynemann über die Fehler im System Torrichter und «Aufblähungen ohne Resultat».

Herr Heynemann, zwei krasse Fehlentscheidungen der Torrichter in zwei Tagen – Zufall oder Fehler im System?

Bernd Heynemann: Erstens habe ich immer gesagt: wenn schon Torrichter, dann nicht zwei, sondern vier - einer an jedem Pfosten. Zweitens stimmt etwas innerhalb des Systems nicht, das heißt in der Zuordnung oder in der Absprache. Was macht der Torrichter genau? Darf der nur Tor anzeigen oder auch einen Elfmeter oder gibt er nur Informationen an den Schiedsrichter weiter? Angesichts der beiden aktuellen Fälle muss man sich fragen: Wozu sind die Torrichter überhaupt da?

Sie meinen, die Zuständigkeiten sind nicht klar geregelt?

Heynemann: Fakt ist, Strafstoß oder Tor sind zu 90 Prozent Sache des Schiedsrichters. Das muss der Referee einschätzen. Bei der strittigen Szene im Spiel England gegen Ukraine hat der Schiedsrichter gut gestanden, der Torrichter hat es gesehen und auch der Linienrichter. Drei Mann hatten gute Sicht. Jetzt ist die Frage: Hat der Schiedsrichter keinen Mut gehabt oder wollte er das Ding nicht geben? Es sieht jedenfalls doof aus, wenn drei Unparteiische etwas sehen und keiner entscheidet. Diese beiden Fälle sind kein Plädoyer für dieses menschliche System. Hier hätte ein Chip im Ball eindeutig für Klarheit gesorgt.

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Können die Torrichter aus dieser Perspektive überhaupt seriös beurteilen?

Heynemann: Der Torrichter steht völlig falsch. Was soll er dem Linienrichter vor der Nase herumturnen? Er müsste vielmehr auf der torabgewandten Seite stehen. So hat er ja den Assistenten im Rücken und beide gucken aus dem gleichen Winkel auf die Position. Das erschließt sich mir überhaupt nicht.

Wird es für den Schiedsrichter nicht immer unübersichtlicher, je mehr Helfer er hat, auf die er sich verlassen muss?

Heynemann: Letztlich hat man vor Gericht auch nur einen Richter, die anderen sind Beisitzer. Dieses Prinzip sollte man auch im Fußball aufrecht erhalten. Er kann Hilfe in Anspruch nehmen, aber der Schiedsrichter trägt die Verantwortung. In Bezug auf dieses Schiedsrichtersystem sage ich: Viele Köche verderben den Brei. Drei Mann, ein Schiedsrichter und zwei Assistenten und dazu die Videotechnologie - mehr brauchen wir nicht

Klingt simpel und effektiv.

Heynemann: In meinen Vorträgen sage ich den Zuhörern immer, dass die Vereine langsam Platz schaffen müssen für einen dritten Bus für die Schiedsrichter. Es gibt ja mittlerweile den Schiedsrichter, den Ersatzschiedsrichter, einen vierten Offiziellen, zwei Assistenten und zwei Torrichter. Dazu brauchen die noch einen Masseur und einen Techniker, weil alle verkabelt sind. Das kann es nicht sein, dass wir in Mannschaftsstärke auflaufen. Die Schiedsrichter machen sich unglaubwürdig. Stellen Sie sich mal vor, in der Bundesliga würde auch der Torrichter eingeführt - so viele qualifizierte Schiedsrichter gibt es gar nicht. Das ist für mich eine Aufblähung ohne Resultat - ein inkonsequentes System.

Weshalb sind die Regelhüter in der Uefa noch antiquierter als in der Fifa?

Heynemann: Platini hat von Anfang an auf dieses personelle Schiedsrichter-System gesetzt. Das sind persönliche Egoismen und Befindlichkeiten. Letztendlich wird sich das Hawk-Eye, also dieses Kamerasystem, oder der Chip im Ball durchsetzen.

Bernd Heynemann (58) leitete von 1980 bis 1991 98 Spiele der DDR-Oberliga und bis 2001 151 Spiele der Fußball-Bundesliga. Höhepunkte seiner Karriere waren die Teilnahmen an der Europameisterschaft 1996 und der Weltmeisterschaft 1998. Nach dem Ende seiner Karriere als Schiedsrichter saß der Magdeburger für die CDU bis 2009 im Bundestag. Aktuell ist der 58-Jährige Stadtrat in Magdeburg.

iwi/news.de

Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Andrzej Lignowski
  • Kommentar 1
  • 21.06.2012 13:31

So etwas, wie beim letzten Spiel in der Ukraine soll nie wieder passieren. Andrzej Lignowski

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