EM-Aus gegen England Torklau erzürnt die Ukraine

Von Wolfgang Müller und Florian Lütticke
Ausgerechnet der Gastgeber, ausgerechnet der Torrichter: Eine fatale Fehlentscheidung des zusätzlichen Schiedsrichter-Assistenten hat den EM-Ausrichter Ukraine um ein mögliches Viertelfinale gebracht. Auch für die Uefa ist das ein herber Rückschlag.

Oleg Blochin tobte an der Seitenlinie und schrie wild gestikulierend auf den vierten Offiziellen ein. Andrej Schewtschenko rannte nach dem Schlusspfiff auf den ungarischen Torrichter und anschließend auf Schiedsrichter Viktor Kassai zu. «Wir waren besser, wir hatten die besseren Chancen», schimpfte Blochin. «Die Schiedsrichter haben uns ein Tor gestohlen, das war ein klarer Treffer.»

Nach den Polen ist auch der zweite Gastgeber der ersten Fußball-Europameisterschaft im ehemaligen Ostblock schon nach der Vorrunde gescheitert. Was die Gemüter der Ukrainer so erregte, war eine Szene nach gut einer Stunde Spielzeit und eine fatale Fehlentscheidung der zuvor noch so gepriesenen Torrichter.

Es lief die 62. Minute an diesem denkwürdigen Abend in der Donbass Arena in Donezk. Ein Schuss des ukrainischen Angreifers Marko Devic senkte sich über Englands Torwart Joe Hart hinab. Der Ball überquerte knapp, aber doch deutlich für alle Fernsehkameras sichtbar die Linie, bevor ihn Englands Routinier John Terry wieder ins Feld beförderte.

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Platini rühmt den Torrichter

Was alle TV-Kameras einfingen, was alle Menschen im Stadion später zu sehen bekamen und was als die Fehlentscheidung dieser EM-Vorrunde in die Rückblicke eingehen wird, hatte der Torrichter nicht erkannt. «Das ist eine Tatsachenentscheidung», meinte Hart nur gleichsam lapidar wie erleichtert. Das Spiel lief weiter, die Ukraine war um den verdienten Ausgleich gebracht - und musste sich am Ende nach dem 0:1 durch das Tor von Wayne Rooney von dieser EM verabschieden. Dass der Szene ein Abseits vorausging und das Spiel hätte unterbrochen werden müssen, macht es auch nicht besser.

Für die Turnierstimmung ein herber Verlust, für die Europäische Fußball-Union ein schwerer Rückschlag. Bis zu diesem letzten Vorrunden-Spieltag hatten sie in der Uefa von Schiedsrichterchef Pierluigi Collina bis zu Präsident Michel Platini noch alle das erstmals bei einer großen Veranstaltung getestete System mit den sogenannten additional assistant referees gepriesen.

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«Das ist das Turnier mit den besten Schiedsrichterleistungen bisher», hatte Platini noch am Montag in seiner Vorrundenbilanz gesagt und seine Kritik an der von der Fifa favorisierten Torlinientechnologie erneuert. «Man braucht solche Systeme nicht, Technik, Satellit, GPS oder Chip im Ball», hatte der Franzose betont und gesagt, dass das legendäre nicht gegebene Tor von Frank Lampard im Spiel gegen Deutschland bei der WM 2010 in Südafrika mit einem Torrichter auf alle Fälle erkannt worden wäre. «Weil es sein Job ist, zu sehen, ob der Ball hinter der Linie ist», sagte Platini.

Auch das deutsche Gespann versagte

Nur einen Tag später sollte ihn diese Aussage einholen. Denn beim ukrainischen Torklau tauchte wieder die Frage auf, warum es bei der Euro Torrichter gibt, wenn diese trotz bester Sicht auf das Geschehen in kritischen Momenten versagen. So wie übrigens auch der deutsche Torrichter Florian Mayer beim ausgebliebenen Elfmeterpfiff von Wolfgang Stark nach dem Foul von Sergio Ramos an Mario Mandzukic im Spiel Spanien gegen Kroatien.

«Der Treffer hätte das Spiel verändert», klagte Ukraines Superstar Andrej Schewtschenko nach dem Torklau von Donezk, «ich denke nicht, dass es Diebstahl war, aber ich verstehe nicht, warum wir keine Technologie benutzen.» Auch auf der Insel ist die Fehlentscheidung ein großes Thema. Abwehrstar Rio Ferdinand vom Vizemeister Manchester United twitterte: «Das ist das Karma für das, was uns in Südafrika widerfahren ist... Der Ball war beide Male über der Linie.» Der für die Euro nicht berücksichtigte Ferdinand erinnerte damit an das WM-Achtelfinale 2010 gegen Deutschland (1:4) in Südafrika, als ein Schuss von Frank Lampard ebenfalls deutlich hinter Torlinie war, wie der Treffer des Ukrainers Marko Devic aber nicht anerkannt wurde.

Für Ex-Nationalspieler Michael Owen war die Szene die «Bestätigung dafür, dass es eine totale Zeitverschwendung ist, einen weiteren Offiziellen hinter den Toren zu beschäftigen». Er wolle sich aber nicht beschweren, denn durch den 1:0-Sieg erreichte England das Viertelfinale.

Ob Zufall oder nicht - am Dienstagabend um 23.17 Uhr, also gut eine Stunde nach Spielschluss in Donezk, sagten die polnischen Organisatoren eine für Mittwoch um 10 Uhr morgens geplante Pressekonferenz ab. Teilnehmer hätten sein sollen: Turnierdirektor Martin Kallen und Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino.

kru/jag/news.de/dpa

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