EM-Roadtrip Die Abenteuer-Euro

ESC, EM und WM
Tolle Unterhaltung in totalitären Regimen
Um die Fußball-Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine hat es eine rege Boykottdiskussion gegeben. Die EU-Kommission kündigte an, zu den Spielen nicht zu erscheinen. (Foto) Zur Fotostrecke

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Drei Spiele in drei Tagen, 2400 Kilometer - Euro total: News.de-Redakteur Ullrich Kroemer war zum Auftakt der Fußball-EM 2012 mit dem Zug und der Mitfahrgelegenheit in Polen und der Ukraine unterwegs. Er berichtet von traurigen Mexikanern, tanzenden Spielerfrauen und nackten Iren.

«No chance, that's our law», sagte der ukrainische Zöllner in gebrochenem Englisch. Keine guten Nachrichten, denn plötzlich stand ich an der polnisch-ukrainischen Grenze, ohne Auto, irgendwo im Niemandsland zwischen Rzeszow und Lwiw, das auf deutsch Lemberg heißt; knapp 1000 Kilometer von der Redaktion in Leipzig entfernt. Der Grenzer mit überdimensionierter Schirmmütze zuckte nur mit den Achseln. Immerhin war das Gepäck noch da. Und Andi und Gert, zwei Fans der deutschen Nationalmannschaft aus Heidenheim, die das gleiche Schicksal ereilt hatte.

José und sein mexikanischer Freund, die uns per Mitfahrgelegenheit über die Grenze bringen wollten, waren in der Zollbehörde verschwunden. Ohne Visa darf man als Mexikaner nicht einreisen. José müsse umdrehen, sagten die Zöllner, der Weg von Stuttgart, wo José seit einem halben Jahr wohnt, bis in die Ukraine - umsonst. Gemeinsam mit dem Tross hatte ich mich am Samstagmorgen in Krakau per Mitfahrgelegenheit aufgemacht, um für news.de vom EM-Spiel Deutschland gegen Portugal zu berichten - Abenteuertour inklusive. Denn Zug- und Flugverbindungen von Polen in die siebtgrößte Stadt der Ukraine sind so schlecht, dass man die Grenze am besten mit dem Auto passiert - vorausgesetzt, die Papiere stimmen.

8.6., 5:02 Uhr: Leipzig - Dresden - Breslau

Begonnen hatte meine Reise am Freitagmorgen in Leipzig. Drei EM-Spiele in drei Tagen sind mein ambitionierter Plan, knapp 2400 Kilometer in 72 Stunden. Mit dem Höhepunkt Deutschland gegen Portugal in Lwiw. Nach dem stimmungsvollen Empfang in Wroclaw (Breslau) und dem starken 4:1-Sieg der Russen gegen Tschechien geht es weiter mit dem Nachtzug in Richtung Krakow (Krakau). Wie ich den EM-Auftakt in Polen erlebt habe, lesen Sie hier.

9.6., 1:22 Uhr: Breslau – Krakau

Auf dem Weg zum Bahnhof in Breslau treffe ich eine Gruppe aus Leipzig. Groundhopper und Fußballfans, die nicht zum ersten Mal eine solche Erlebnisreise machen. Wir sind spät dran, sie hatten am Stadion auf ihr Gepäck gewartet, ich war bei Pressekonferenz und Spielerinterviews. Wir erwischen den heillos überfüllten Nachtzug gerade noch rechtzeitig, zum Glück haben die Leipziger ein Abteil reserviert - und noch ein Plätzchen für mich frei. Im Zug verkauft einer Büchsenbier für das Dreifache des Normalpreises. Wir stoßen auf die erste Etappe an und plaudern über die Touren der fußballverrückten Jungs. Steven, der wohl schon über 50 ist, war im Frühjahr auf den portugiesischen Azoren, um dort die Stadien zu besuchen.

In den Gängen des TLK 83512 sitzen und liegen überall Menschen, aus dem völlig verdreckten Klo riecht es nach Kloake, im Toilettenbecken schwimmt Blut - vielleicht hätte ich doch lieber erste Klasse buchen sollen. Mit einer halben Stunde Verspätung erreiche ich nach einer Nacht mit sechs Männern in einem stickigen Abteil Krakau. Die Leipziger wollen weiter mit dem Zug zur Grenze und sich dann zu Fuß und per Minibus, der dort verkehren soll, nach Lemberg durchschlagen. Mir erscheint die Mitfahrgelegenheit die sicherere Variante.

9.6., 7.15 Uhr: Krakau – Lemberg

Mit José habe ich mich in einem Hostel verabredet. Ich bin 20 Minuten später als vereinbart. Der Taxifahrer gibt Gas und setzt mich an einem heruntergekommenen Haus ab - kein Mensch ist hier um diese Uhrzeit auf der Straße. Josés Handy ist ausgeschaltet. Mir schwant bereits Übles. Doch fünf Minuten später taucht die Gruppe plötzlich wie vereinbart auf. Puh, wenn mich José hier versetzt hätte, hätte ich mir Deutschland gegen Portugal wohl im polnischen Fernsehen anschauen können.

Zu fünft quetschen wir uns in einen Seat Ibiza, ein Mietwagen aus Tschechien. Ich sitze mit Gerd und Andi hinten - dagegen war es im Zugabteil regelrecht geräumig. Die Knie verdächtig nah an den Ohren brausen wir los gen Osten. Andi, der nur wenige Stunden geschlafen und laut Gerd am Vorabend mindestens zehn Bier getrunken hat, prophezeit, dass wir mit einem tschechischen Mietwagen ohne Genehmigung die Grenze nicht passieren dürfen. Horrorgeschichten über die langen Wartezeiten kursieren, bis zu zehn Stunden soll die betragen. Wenn das tatsächlich stimmt, wird es knapp, pünktlich zum Anstoß in Lemberg zu sein.

Von der Autostrada A4, die Südpolen eigentlich bis zum Start der Fußball-EM 2012 von der deutschen bis zur ukrainischen Grenze durchqueren sollte, sieht man hinter Krakau nur Baustellen. Hat halt nicht ganz geklappt mit dem Autobahnbau, in Berlin musste die Eröffnung des Flughafens schließlich auch verschoben werden.

Nach einer Tour durch die Landstraßen des südostpolnischen Hinterlandes sind wir nach etwa fünf Stunden am Grenzübergang angelangt. José und die deutschen Fans stellen sich bereits zu Erinnerungsfotos auf. Die polnischen Grenzer genehmigen die Ausreise noch, in der Ukraine ist dann Schluss für José. Die Mexikaner müssen das Auto abstellen und Gert, Andi und ich müssen per Anhalter weiter. Nach einigen Anläufen nimmt uns ein deutsches Pärchen aus der Nähe von Koblenz mit, die auch zum Spiel wollen. Wir sitzen wieder zu dritt hinten, wieder in einem Seat Ibiza.

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