EM-Reportage Russland im Tor-, Polen im Feierrausch

Fußball-EM 2012
Die Jungstars der EM
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Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur , Wroclaw (Breslau)
Sie träumen weiter vom EM-Titel: Auch nach dem Remis gegen Griechenland glauben die Menschen in Warschau und Breslau an den Turniersieg. Trotz aller Zweifel präsentierten sich die Polen als würdiger EM-Gastgeber und Feier-Europameister. Russland eröffnete die EM derweil mit einem Torfestival.

Am Ende dieses ersten Tages der Fußball-EM 2012 sind nur die Tschechen so richtig traurig. «Wir sind alle sehr enttäuscht. Das war eine herbe Niederlage. Wir hatten große Probleme mit dem russischen Kombinationsfußball. Wir müssen jetzt Teamgeist zeigen», sagt Trainer Michal Bilek nach der herben 1:4-Niederlage gegen Russland. Ähnlich geknickt wie die Spieler durch die Mixed-Zone schleichen auch die tschechischen Fans aus dem Stadion von Wroclaw. Doch für die Niederlage der Nachbarn können die polnischen EM-Macher nun wirklich nichts. Vielmehr hat die 14. Europameisterschaft mit den Partien in Wroclaw (Breslau) und Warschau stimmungsvoll, bunt und friedlich begonnen.

Wroclaw hat sich schon am Morgen des ersten EM-Tages herausgeputzt für seine Gäste. Im frisch renovierten Hauptbahnhof könnte man vom Boden essen, so sauber ist es. Noch werkeln einige Arbeiter an der Außenfassade - selbstverständlich, dass auch sie am Premierentag Polska-Scherpen um die nackte Brust tragen oder sich Schals um die Hüfte geschlungen haben. Vor der Bahnhofshalle verteilen junge Damen schlesischen Apfelsaft - genauso erfrischend wie das Getränk schmeckt, präsentieren sich die stolzen Breslauer ihren Gästen aus ganz Europa.

Nicht einmal ein Hauch von Aggression liegt in der Luft

Schon im Zug von Sachsen nach Schlesien sitzen Fans aus vielen Teilnehmernationen. Natürlich Deutsche, die sich in Richtung Osten nach Lwiw aufgemacht haben, um das erste deutsche Gruppenspiel am heutigen Samstag zu sehen. Dazu Tschechen, von denen einer, der mit einem Bierfässchen unterwegs ist, aussieht wie der Enkel des braven Soldaten Schwejk. Auch irische Fans in den grünen Kleeblattrikots sind unterwegs. Russen in Trainingshosen und schicken Frauen kommen aus der anderen Richtung. In der kommenden Woche werden die Griechen beim Spiel gegen Tschechien Wroclaw bevölkern. Für drei EM-Matches ist Wroclaw stolzer Gastgeber für Europas Fußballs.

Fußball-EM 2012
Das Euro-Getöse nervt
Video: news.de

Schon am Vormittag strömen die Polen, fast ausnahmslos in rot und weiß gekleidet, in Richtung Fanmeile auf einen der größten Marktplätze Europas, um den Anpfiff ihrer Fußball-EM in Warschau nicht zu verpassen. Geduldig lassen sie die Leibesvisitationen über sich ergehen - von Agressions- oder gar Randalestimmung liegt nicht einmal ein Hauch in der Luft.

In dem umzäunten Areal im Kern Wroclaws ist Platz für 40.000 Menschen, genauso viele passen ins Stadion, wo am Abend vor allem Russen und Tschechen auf den Rängen sitzen. Bis auf Griechenland bildet die Gruppe A eine reine Ostblock-Veranstaltung - hoch attraktiv für die Gastgeber. Lautstark aber friedlich duellieren sich die Fans aus Russland und Tschechien auf dem Marktplatz, der sich am frühen Nachmittag füllt; dazwischen immer wieder «Polska, Polska»-Rufe. Stimmungsvoller könnte die EM kaum beginnen.

Polen ist stolzer und würdiger Gastgeber

Genauso bunt, freundlich, jung und innovativ wie Wroclaw sich seinen Gästen zeigt, möchte Rafal Dutkiewicz seine Stadt erleben. Der Bürgermeister der 633.000-Einwohnerstadt hat sich nicht umsonst das Motto «Stadt der Begegnungen» verliehen. Ob beim Gespräch mit Investoren oder bei der Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt für 2016: Dutkiewicz vergleicht seine Heimat bevorzugt mit westlichen Städten wie Dresden oder Berlin. Die Stadt an der Oder mit ihrer lebendigen Studentenszene, dem Technologiepark mit vier Sonderwirtschaftszonen und der geografischen Nähe zu Deutschland zeigt sich selbstbewusst als Investitionsalternative zur Hauptstadt Warschau. Anders als die benachbarte oberschlesische Industrieregion setzt Breslau bei den Investoren vor allem auf IT - unter anderem haben Siemens, Dell und LG Philipps neue Standorte bezogen.

Die deutsche Vergangenheit wird dabei nicht länger verschwiegen, sondern als Teil des multikulturellen Erbes von Breslau gewürdigt. «Die EM ist nur der Anfang», betont Dutkiewicz. Weitere Großevents sollen folgen. Man spürt an allen Ecken und Enden, wie gut es den Polen tut, dass die erste EM in Osteuropa in ihrem aufstrebenden Land ausgetragen wird. «Wroclaw, proud host city of Uefa Euro», steht auf einem riesigen Plakat an einer Häuserwand.

Bis kurz vor Turnierstart war Uefa-Präsident Michel Platini unzufrieden gewesen mit dem Stand der Vorbereitungen. «Es war von Anfang an eine Herausforderung, dort ein so großes Turnier durchzuführen - für uns und für die Länder. Es war nicht einfach. Wir wissen, dass wir dort nicht Verhältnisse wie in Deutschland, Frankreich oder England haben», sagte er noch am Mittwoch. Was Wroclaw angeht, sind die Zweifel des früheren Weltklassespielers unbegründet.

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Sure Summa
  • Kommentar 1
  • 09.06.2012 22:47

Warum Wroclaw und Warschau und nicht Warsawa und Breslau? Sind die deutschen Reporter schizophren?

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