Von news.de-Redakteur Ullrich Kroemer
Mit Stahlhelmen gegen Ronaldos Freistöße: Jogi Löws Co-Trainer Hansi Flick setzt vor dem ersten deutschen Spiel bei der Fußball-EM 2012 auf militärische Maßnahmen. Dabei haben die DFB-Trainer auch ohne Armeeanleihen ein System ausgeklügelt, um Portugal zu stoppen.
Portugals Weltstar Cristiano Ronaldo sorgt im DFB-Lager schon im Vorfeld des ersten deutschen EM-Matches im ukrainischen Lwiw (20.45 Uhr/ARD) für Unruhe. Co-Trainer Hansi Flick vergaloppierte sich verbal bei der Pressekonferenz am Freitagmorgen gehörig. Angesprochen auf die Strategie gegen Ronaldos einzigartige Freistöße sagte Flick: «Da heißt es einfach Stahlhelme aufsetzen und groß machen.» Reißerischer hätte das auch die englische Yellow Press nicht formulieren können - ein diplomatischer Fehltritt von Jogi Löws eigentlich so zurückhaltendem ersten Assistenten und ein gefundenes Fressen für die Boulevardblätter.
Doch auch über diese militärische Kampfansage hinaus, hat sich der deutsche Trainerstab natürlich Gedanken gemacht, wie Portugal und vor allem Cristiano Ronaldo bei der Fußball-EM 2012 zu stoppen ist. Die Maßgabe des Bundestrainers für das so wichtige erste Gruppenspiel lautet: «Nicht spekulieren, antizipieren!» So wird es vor allem auf die Wachsamkeit und gedankliche Beweglichkeit der deutschen Mannschaft ankommen, um die so gefährlichen Pässe in die Tiefe auf die pfeilschnellen und dribbelstarken Außenspieler Ronaldo und Nani zu unterbinden und das «Zentrum zu schließen», wie Löw fordert. Es gelte die Räume und Passwege eng zu machen, und die Portugiesen aggressiv zu begleiten, ohne im Zweikampf gleich zu vorschnell zu einer Grätsche anzusetzen und voreilig zu Boden zu gehen.
Zwar betonten die Nationalspieler zuletzt immer wieder, dass einen fußballerischen Zauberkünstler wie Cristiano Ronaldo nicht einer allein stoppen könne. «Seine Dynamik und sein Abschluss sind einzigartig in ganz Europa und auf der Welt», schwärmt etwa Philipp Lahm von dem gleichermaßen geliebten und verhassten Weltstar. Doch Löw fordert: «Wir müssen die Klasse und die Qualität haben, um auch im eins gegen eins gegen einen solchen Spieler bestehen zu können.»
Damit dürfte wohl vor allem Jerome Boateng gemeint sein, der aller Voraussicht nach auf der rechten Abwehrseite verteidigen wird, da Philipp Lahm anders als beim FC Bayern mangels Alternativen auf der linken Außenverteidigerposition verbleibt. Und das, obwohl sich Boateng Mitte der Woche eine Standpauke von Löw vor versammelter Mannschaft anhören musste. «Er hat eine Bringschuld, auch mir gegenüber, denn natürlich hat es mir nicht gefallen, was am Wochenende war», sagte Löw. «Er muss in der Lage sein, sich zu zerreißen in den nächsten Wochen.»
Boateng hatte vor dem Abflug nach Danzig bei einem nächtlichen Treffen mit Busenmodel Gina Lisa Lohfink Zweifel an seiner professionellen Einstellung aufkommen lassen - ein Unding für Löw, der seinen Kickern «högschd» seriöse und professionelle Einstellung abverlangt. Wegen seines robusten Spiels dürfte der gebürtige Berliner dennoch den Vorzug vor Benedikt Höwedes oder Lars Bender bekommen.
Anders als die Leistungen der letzten Testspiele der Portugiesen vermuten lassen (siehe Textstrecke), hat Löw außerordentlichen Respekt vor Ronaldo & Co. «Portugal ist am gefährlichsten, wenn sie in die Offensive umschalten - das kann keine Mannschaft besser als Portugal», warnt der Bundestrainer. «Sie haben alles drauf», hat Löw beobachtet: «Sie können ein Spiel gestalten, wenn der Gegner defensiv steht und enorm gut kontern.»
Dazu kommen die gefährlichen Standards von Cristiano Ronaldo, bei denen sich der Emporkömmling von der Ferieninsel Madeira aufplustert, als wolle er mit dem nächsten Geschoss die Welt retten. Doch DFB-Torhüter Manuel Neuer - auf seiner Position selbst einer der besten der Welt - gibt sich gelassen. «Mesut Özil kann aus etwas kürzerer Distanz genauso schießen wie Ronaldo», sagte der Bayern-Keeper. Dazu kennt Neuer den Star von Real Madrid aus den Halbfinals in der Champions League, wo Ronaldo im Rückspiel zwar zwei Treffer erzielte, aber den entscheidenden Elfmeter gegen Neuer vergab.
Der gesamte DFB-Trainerstab hat die einzelnen Spieler bestens vorbereitet auf den Auftaktgegner - mental genauso wie taktisch und physisch. In Einzelgesprächen wurden den Nationalspielern ihre jeweiligen Aufgaben detailliert mitgeteilt und mittels Videoanalyse auch die jeweiligen Gegenspieler detailliert seziert. «Wir sind nicht zu selbstbewusst oder gar arrogant und überheblich», sagt Jogi Löw. «Wir sind einfach auf alle Situationen eingestellt.» Und falls dennoch alle Stricke reißen und das DFB-Team in die Bredouille gerät, kann Hansi Flick ja immer noch die Stahlhelme auspacken.
phs/news.de