Fußball Wettskandal stürzt Azzurri ins Chaos

Wettskandal stürzt Azzurri ins Chaos (Foto)
Wettskandal stürzt Azzurri ins Chaos Bild: dpa

Rom - Italiens Ministerpräsident Mario Monti stellt wegen des bis ins Nationalteam vorgedrungenen Wettskandals den gesamten Profi-Fußball im Land infrage.

«Würde es den Italienern nicht gut tun, wenn wir dieses Spiel für zwei bis drei Jahre komplett stoppen würden?», fragte der Regierungschef in Rom und sorgte damit kurz vor der EM für noch mehr Wirbel im Calcio Italiano. Es sei zutiefst enttäuschend, wenn sich der Sport als unfair und manipuliert erweise, meinte Monti.

Der Präsident des italienischen Fußballverbands (FIGC), Giancarlo Abete, wies die Gedankenspiele des Regierungschefs als unrealistisch zurück. «Ich verstehe und teile seine Verbitterung, aber ein Stopp würde den gesamten Fußball demütigen, die Mehrheit der ehrlich Arbeitenden bestrafen und tausende Jobs kosten», meinte Abete. Dies könne keine Lösung sein. Der Club-Präsident des FC Palermo, Maurizio Zamparini, bezeichnete Montis Äußerung gar als «Blödsinn» und schimpfte: «Monti beweist damit seine Ahnungslosigkeit. Schließlich zahlen die Profi-Fußballclubs 800 Millionen Euro Steuern pro Jahr.»

Bevor die Wellen hochschlugen hatte Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli versucht, die Lage zu beruhigen. Obwohl nach italienischen Medienberichten auch gegen Leonardo Bonucci wegen des Verdachts auf Spielmanipulationen ermittelt wird, berief der Coach der geschockten Squadra Azzurra den Verteidiger von Juventus Turin in sein EM-Aufgebot.

«Bonucci hat keinerlei Bescheid von der Staatsanwaltschaft erhalten. Deshalb kommt er mit uns zur EM», erklärte Prandelli im italienischen Fernsehen. Ob Bonucci nach Hause geschickt wird, wenn der Ermittlungsbescheid der federführenden Staatsanwaltschaften aus Cremona oder Bari doch noch eintrifft, ließ Prandelli offen.

Den gesetzten Domenico Criscito hatte er nach Bekanntwerden der Ermittlungen aus dem Team für das Turnier in Polen und der Ukraine gestrichen. «Eine menschlich schwierige Entscheidung», räumte Prandelli ein. Polizisten durchsuchten das Zimmer des Verteidigers im Trainingslager der Azzurri sowie dessen Haus in Genua. Italienische Medien berichteten am Dienstag, dass die Vorwürfe gegen Bonucci nicht so schwerwiegend sein sollen wie gegen den Abwehrspieler von Zenit St. Petersburg. Bonucci fühlt sich indes für die EM stark genug. «Alles okay», versicherte der 25-Jährige. Prandelli betonte, dass Bonuccis Situation nicht mit der Criscitos zu vergleichen sei.

Azzurri-Regisseur Daniele De Rossi fürchtet dennoch schon jetzt die Ausmaße des Wettskandals. «Das ist schlimmer als 2006», sagte der Mittelfeldspieler. Vor der WM 2006 waren nur Funktionäre in den Liga-Manipulationsskandal verstrickt. «Diesmal sind es Freunde und Teamkollegen der Nationalelf», klagte De Rossi. Criscito will schnellstmöglich mit der Staatsanwaltschaft sprechen, Bonucci bei der EM auf andere Gedanken kommen. Der nicht nominierte Lazio-Rom-Star Stefano Mauri sitzt derweil seit Pfingstmontag hinter Gittern.

«Das ist traurig und bitter. Jetzt muss gut und schnell aufgeklärt werden», forderte Italiens Fußballverbandspräsident Abete. «Schnell» heißt für ihn aber nach der EM. «Die Staatsanwaltschaft hat danach alle Zeit», sagte Abete. Der Verbandsboss fürchtet, dass die immer größer werdende Unruhe dem Team in den Gruppenspielen gegen Spanien, Kroatien und Irland zum Verhängnis werden könnte.

«So einen Sturm gab es noch nie. Was für ein Chaos bei der Nationalelf», titelte der «Corriere dello Sport» am Dienstag. «Ein Alptraum», meinte die «Gazzetta dello Sport». Prandelli versprach Medien und Fans im Fernsehen: «Wir wollen aufräumen!»

Der Zeitpunkt für die landesweite Razzia mit 19 Festnahmen und dem spektakulären Polizeieinsatz im Morgengrauen im Trainingszentrum Coverciano ist Gift für seine Nationalelf. Prandelli und De Rossi machten der Justiz dennoch keine Vorwürfe. «Sie haben es gemacht, wann es gemacht werden musste. Solche Ermittlungen sind wichtiger als eine EM», erklärte De Rossi.

Der Mittelfeldspieler des AS Rom stand 2006 in der WM-Mannschaft, die dem Liga-Skandal trotzte. Irlands Coach Giovanni Trapattoni will seine Landsleute deshalb auch noch nicht abschreiben. «Die WM 2006 hat gezeigt, dass Skandale eine positive Reaktion zur Folge haben können», meinte Trapattoni.

Prandelli dagegen lässt sich auf eine positive Umdeutung des Wettskandals nicht ein. Skandale seinen «keine Glücksbringer» für die Azzurri. «Schlechtes bringt immer nur Schlechtes», betonte er.

Neben den Nationalspielern sind schließlich auch frühere Stars wie Juventus Turins aktueller Trainer Antonio Conte im Visier. «Ich habe absolut nichts damit zu tun», beteuerte Conte unter Tränen. Ihm wird vorgeworfen, als Trainer des AC Siena in der vergangenen Zweitliga-Saison an Manipulationen beteiligt gewesen zu sein. «Er hat sicher nichts damit zu tun und bleibt unser Trainer», betonte Juve-Präsident Andrea Agnelli.

Wegen der neuerlichen Erdbeben in der Emilia Romagna sagte der italienische Verband sein für Dienstagabend angesetztes EM-Testspiel in Parma gegen Luxemburg ab.

news.de/dpa

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