München im Fan-Fieber Ekstase, Panik, Depression

Champions League
Das Finaltrauma von München

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur , München
24 Stunden im Ausnahmezustand: Ganz München war bereit für die Eruption nach dem erträumten Champions-League-Triumph. Doch dazu kam es nicht. News.de war beim hochemotionalen Finaltag in München mittendrin unter den Fans und berichtet von Szenen wie aus einem Katastrophenfilm.

Sie sangen und sprangen ohne Unterlass. Dass die Temperaturen in der U-Bahn in Richtung München-Fröttmaning denen in einer Sauna glichen, störte die Chelsea-Fans nicht. Mann an Mann gepresst - in einer Büchse Ölsardinen muss es vergleichsweise geräumig zugehen - schrien sich die Anhänger der «Blues» ohne Rücksicht auf Verluste auf das bevorstehende Champions-League-Finale ein. Etwas von Bombern und Panzer war aus dem Gegröle herauszuhören und sogar Ex-Chelsea-Kicker Michael Ballack wurde mit einem Chant bedacht. Wer es nicht gewohnt ist, mit betrunkenen und so lautstarken, aber friedfertigen Fußballfans aus England so intensiv auf Tuchfühlung zu gehen, dass einem die Luft wegbleibt, kann es da schon mal mit der Angst zu tun bekommen.

Bayern vs. Chelsea
Das ABC zum Champions-League-Finale

Eine Dame, die ganz offensichtlich kein Endspielticket ergattert und sich wohl unwissend in die Chaos-U-Bahn verirrt hatte, drängte am ganzen Körper zitternd und weinend in Richtung Ausgang, wo jedoch immer neue Fußballfans in die überfüllte Bahn strömten. Mit Gewalt wurde sie von Ordnern aus der Masse herausgezogen - Szenen wie in einem Katastrophenfilm. Das wichtigste Fußballspiel Europas forderte auch den Fans und Münchens Einwohnern höchste körperliche Strapazen ab.

Trubel wie sonst nur beim Oktoberfest

Schon den ganzen Finaltag herrschte eine Aufregung in der bayerischen Metropole, die man sonst nur vom Auftakt des Oktoberfestes kennt. Hunderttausende schoben sich durch das Zentrum Münchens. Am Marienplatz war es so voll, als habe der FC Bayern bereits den Titel gewonnen. Menschen, die nicht in ein rotes Trikot gewandet waren, waren am Samstag klar in der Unterzahl.

Immer wieder skandierten die titelhungrigen Bayernfans die aus dem Stadion bekannten Sprechchöre. Dazu ertönte immer wieder: «Chelsea, Chelsea, who the fuck is Chelsea?» Angeführt von einem Vorsänger mit Megafon tanzten Hunderte junger Fans ausgelassen die Humba, den Tanz der Ultras, der sonst nur nach dem Spiel im Stadion aufgeführt wird.

Chelseas Anhänger hatten sich vermehrt in die Gegend rund um die Frauenkirche zurückgezogen und bevölkerten gewohnt trinkfest die Restaurants und Bars. Einige lieferten sich heftige Wechselgesänge mit den Bayernfans.

140 Festnahmen in München, Depression in der U-Bahn

Im Stadion später schien es, als hätten sich die englischen Supporter bereits vor dem Finalspiel verausgabt. Vielleicht waren sie ob der über lange Strecken traurigen Vorstellung ihres Teams auch geschockt. Zumindest war bis zum Ausgleich durch Didier Drogba in der 88. Minute nicht all zu viel zu hören vom Chelsea-Anhang. Als der Ivorer eine halbe Stunde später den entscheidenden Elfmeter zum Finalsieg verwandelte, eruptierte der blau-weiß gefärbte Block der Londoner. Die Bayernfans trieben ihre Mannschaft über die 120 Minuten hinweg zwar immer wieder nach vorn. Doch parallel zu den Ereignissen auf dem Rasen, verzweifelten auch die Anhänger mit zunehmendem Spielverlauf an der Chancenverwertung von Robben & Co; eine eigenartige Stimmung zwischen Angst und Euphorie.

Eigentlich war ganz München bereit für die große Finalfeier gewesen. Doch als unplanmäßig Außenseiter Chelsea mit 4:3 nach Elfmeterschießen triumphierte, zog der Bayern-Anhang traurig durch die Straßen. Und auch die Chelsea-Fans waren wohl so fix und fertig von diesem aufreibendem Spiel, dass es keine größeren Zusammenrottungen mehr gab. Zwar gab es rund um das Champions-League-Finale nach Polizeiangaben 140 Festnahmen. Die Vorwürfe reichten von Schwarzfahren in öffentlichen Verkehrsmitteln, dem Verkauf von gefälschten Trikots, dem Zünden von Knallkörpern bis hin zu Körperverletzung. Schwerverletzte habe es aber nicht gegeben, «es handelte sich eher um Kleinkram», sagte ein Polizeisprecher. Eine letztlich friedliche Bilanz für ein solch aufgeladenes Spiel.

In der U-Bahn, die ein paar Stunden zuvor noch einem Brutkasten glich, dominierten die gesenkten Häupter. «Ich werde jetzt erst einmal zwei Wochen brauchen, um diese Niederlage zu verdauen», sagte ein Bayern-Fan zum anderen. «Klar, für uns ist schließlich gerade ein Lebenstraum zerplatzt», antwortete der. Daraufhin Schweigen. So ähnlich werden wohl auch die Gespräche im Bayern-Team verlaufen sein.

phs/news.de

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