Turnen Rio für Chusovitina kein Thema mehr

Brüssel - Nein, Rio de Janeiro sei wirklich kein Thema mehr. Als dies Oksana Chusovitina in der Mixed-Zone bei der EM in Belgien schmunzelnd behauptet, schauen sie die Journalisten fragend an.

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Rio für Chusovitina kein Thema mehr Bild: dpa

Ein Scherz, wie so oft? Oder diesmal wirklich ernst gemeint?

«Nach London ist wirklich Schluss», überrascht die mit fast 37 Jahren weitaus älteste Turnerin der Weltelite schließlich alle im Umkreis. Noch nach dem Gewinn von WM-Silber in Tokio hatte sie die Spiele in Rio 2016 als denkbares Ziel in Erwägung gezogen.

Doch dann widerspricht sich «Chuso» selbst. Einerseits meint sie, sie fühle sich «wie 16», andererseits schmunzelt sie und raunt: «Mit dem Alter kommen die Probleme.» Damit begründet Chusovitina, die nicht selten von den Medien als «Turn-Oma» oder gar «Queen Mum des Turnens» postuliert wird, ihren Rücktritt in 77 Tagen. Bei der WM war sie mit einem Riss in der Bauchmuskulatur angetreten, zuletzt quälte sie eine Quetschung des Rückennervs. Doch all dies war nicht der Grund, warum sie zwei Tage vor der Qualifikation am liebsten aus Brüssel geflohen wäre. «Das Sprungbrett war so weich, es ging gar nichts. Ich habe gesagt: Entweder es gibt ein härteres Brett, oder ich reise ab.» Und es gab ein härteres Brett, das sonst nur die Männer benutzen.

Auf diesem Gerät gelangen ihr zum Auftakt zwei fantastische Sätze, die sie an die Spitze des Feldes katapultierten und ihre Chancen auf ihren zweiten EM-Titel im Sprung nach 2008 unterstrichen. Dass «Chuso» bisher «nur» drei EM-Medaillen in ihrem riesigen Trophäenschrank aufhängen konnte, hat keine sportlichen Gründe. Erst seit 2006 besitzt sie die gebürtige Usbekin die deutsche Staatsbürgerschaft. Im schwarz-rot-goldenen Trikot setzt sie nun in London den Schlusspunkt unter eine unvergleichliche internationale Karriere, in der sie für vier Nationen startete. 1989 begann die Laufbahn mit 14 Jahren im sowjetischen Team mit einer Teilnahme am Turnier der Meister in Cottbus, holte 1992 Olympiagold mit der Riege der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) und ging nach deren Zerfall 14 Jahre für Usbekistan an den Start.

Mit fünf Olympia-Teilnahmen ist sie schon jetzt Rekordhalter unter den Turnern, in London soll nun bei ihren sechsten Spielen die Krönung erfolgen. Doch nicht die dritte Olympia-Medaille verkündet sie als ihr Ziel. «Ich will mit der deutschen Mannschaft erstmals in ein Teamfinale einziehen», sagt sie selbstbewusst. Doch jeder weiß, dass die Oldtimerin darauf brennt, möglichst das Olympia-Silber von 2008 noch zu vergolden.

«Ich will versuchen, die gleichen Sprünge zu zeigen wie in Peking. Sonst brauche ich mit gar keine Hoffnungen zu machen», plaudert die sonst so verhalten wirkenden Ausnahmesportlerin ganz entspannt. Den «Chusovitina», den Überschlagsalto vorwärts gestreckt mit eineinhalb Schrauben, zeigte sie schon in Brüssel und nun feilt sie am zweiten Sprung, des Tsukahara. Den möchte sie in London mit zwei Drehungen präsentieren, bei der EM waren es nur eineinhalb Schrauben.

Cheftrainerin Ulla Koch schwört auf ihr Zugpferd, auch wenn Oksana heute nicht mehr jeden Lehrgang besucht und ihr ganz individuelles Programm mit einer Trainingseinheit pro Tag durchzieht. «Oksana ist wohl die einzige, die die jetzigen Trainer alle noch als junge Männer kennengelernt hat», meint Ulla Koch schmunzelnd über die routinierte Athletin, die schon in der Weltklasse turnte, als ihre heutigen Rivalinnen noch nicht einmal das Licht der Welt erblickt hatten.

news.de/dpa

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