Box-Urgestein Wegner «Ich wäre ein super Fußballtrainer»

Der Mann mit der derben Schnauze und der heiseren Stimme: Boxtrainer Ulli Wegner ist längst berühmter als seine Schützlinge. Vor dem Duell Huck vs. Afolabi schwärmt Wegner von seinem 70. Geburtstag und seiner Leidenschaft Fußball, spricht über seine Prominenz und rätselt über die Klitschkos.

Abraham, Huck & Co.: Ulli Wegners Schützlinge

Herr Wegner, wie geht's Ihrer heiseren Stimme? Sie mussten anlässlich Ihres 70. Geburtstages Dutzende Interviews geben, Lesungen halten - anstrengender als ein Abend am Boxring, oder?

Ulli Wegner: (heiser) Meine Stimme ist angeschlagen, aber all das hat mir unglaublichen Spaß gemacht. Jede einzelne  Lesung war für mich ein Erfolgserlebnis. Es war für mich eine Genugtuung, dass die Leute so viel Interesse an meinem Buch (Ulli Wegner, Andreas Lorenz: Mein Leben in 13 Runden, Neues Leben, Anm. d. Red.) gezeigt haben. Aber ich muss immer aufpassen, dass ich nicht zu viel erzähle, denn ich hatte ja zwei Knoten auf den Stimmbändern. Früher hatte ich eine ganz klare Stimme, heute denkt jeder, ich hätte gesoffen.

Was waren denn die Höhepunkte Ihrer Geburtstagsfeier? Ihre Frau hat 550 Gäste eingeladen.

Wegner: Das war so was Emotionales, das kann man sich gar nicht vorstellen. Bernhard Brink war da, meine Freunde Frank Zander und Frank Schöbel, Andrea Berg und ihr Mann Uli Ferber hatten zwei Komiker dabei, ein Shantychor hat Seemannslieder gesungen, weil ich die gerne höre. Und das Feuerwerk war das Größte, was ich je gesehen habe. Das war irre schön.

Waren auch alle Ihre ehemaligen und aktiven Schützlinge dabei?

Wegner: Die erfolgreichen Boxer, die ich jetzt trainiere, waren alle da. Dazu Markus Beyer, Sven Ottke, Henry Maske, Eike Walther, mein erster DDR-Meister. Ich wollte vielen Menschen, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind, Danke sagen. Und nach allem, was ich gehört habe, waren alle begeistert.

Sie sind nicht nur bei Ihren Gästen, sondern auch bei den Boxfans und TV-Zuschauern unglaublich beliebt. Ihre Art sei klar und krachend wie eine linke Gerade, haben Sie selbst mal gesagt. Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis?

Wegner: Ich gebe mich eben ungezwungen, ich bin eben so wie ich bin. Gerade in den vergangenen Jahren bin ich unglaublich gewachsen an meinen Aufgaben. Überhaupt war es immer so, dass ich Aufgaben bekommen habe, bei denen es anfangs schien, als sei ich überfordert - und dann habe ich es gepackt. Das war in Gera so, wo ich 1971 Cheftrainer wurde und plötzlich vor meinen Kumpels stand und das bewältigen musste - ganz entscheidend für meinen weiteren Weg. Ich habe immer alles irgendwie angepackt und habe es geschafft - ohne Schnörkel, ich lebe eben dafür.

Kommt Ihnen Ihr Aufstieg zu einem der erfolgreichsten Boxtrainer der Welt manchmal selbst etwas unwirklich vor?

Wegner: Ich sitze manchmal in meinem stillen Kämmerlein und denke, das kann doch alles nicht wahr sein: Bundesverdienstkreuz... am Bande! Die Goldene Henne! Davon habe ich jahrelang geträumt und bekomme auf einmal die Goldene Henne. Oder wenn ich auf Gran Canaria oder Mallorca im Urlaub bin, die Leute begegnen mir so herzlich - das ist manchmal gar nicht nachvollziehbar. Aber das Schönste ist, dass ich damit umgehen kann.

Sie bleiben sich immer treu - egal, ob TV-Kameras dabei sind oder nicht. In den Ringpausen nehmen Sie im Gespräch mit Ihren Boxern kein Blatt vor den Mund.

Wegner: Das ist immer situations- und personenbedingt. Ich habe immer Jungs betreut, die bei den Amateuren keine Erfolge hatten. Olympiasieger wie Klitschko oder Maske hatte ich ja nicht. Meine Boxer brauchten schon immer eine etwas andere Art der Betreuung. Es gibt auch Ausnahmen wie Dominik Britsch. Dem brauche ich nicht viel sagen, nicht viel zu schimpfen. Den muss man mal ein bisschen motivieren. Bei Marco Huck ist das anders. Den muss ich auf meine Linie bringen, sonst geht das schief. Oder Arthur Abraham, der anfangs zu schnell zu Erfolgen kam. Da muss ich reagieren.

Arthur Abraham zum Beispiel haben Sie im Kampf gegen den Briten Carl Froch als feige beschimpft. Ein bewusstes Mittel, um alles aus ihm herauszulocken?

Wegner: Das ist sicherlich nicht nach Knigge. Aber in diesem Kampf hat er mich unheimlich enttäuscht. Er, mit dem ich so viele Erfolge geholt habe. Wenn man diese Sportart macht, muss man eben viel investieren. Und das hat er in dieser Phase nicht getan. Aber ich habe tolle Jungs trainiert - und wenn ich mal nicht mehr die Kraft habe, mich mit solchen Jungs auseinanderzusetzen, dann sollte ich aufhören.

Mit Verlaub: Manchmal klingt es, als sprächen Sie mit den Profiboxern wie mit Kleinkindern.

Wegner: Ich bin aber keiner, der fachlich nur Mittelmaß ist. Mit meinem Wissen bin ich vielen voraus. Ich habe trotz eines Abschlusses dreieinhalb Jahre an der Sporthochschule Köln eine Weiterbildung gemacht. Bei mir gibt's keinen Stillstand - ich weiß über den Körper Bescheid und wie ich die Periodisierung im Training aufbauen muss. Da sind wir ehemaligen Ost-Trainer vielen voraus. Und das Wichtigste im Sport: Man kann Niederlagen kriegen, doch man muss immer wieder aufstehen. Die Guten - im Boxen wie im Fußball - stehen immer wieder auf.

Fasziniert Sie diese Mentalität? Bei Ihnen im Hobbykeller hängen Poster von Westernhelden und Fußballidolen.

Wegner: Ich habe früher immer gesagt, ich werde Whiskey trinken wie John Wayne - das sind Träume der Kindheit. Seitdem bekomme ich immer wieder John-Wayne-Filme geschenkt. Meine Sammlung sollten Sie mal sehen. Aber die bringen immer wieder welche mit für mich. Und Fußball: Das ist mein leidenschaftliches Hobby. Ich wäre sicherlich ein sehr guter Fußballtrainer geworden. Bis 19 habe ich selbst gespielt und taktisch bin hervorragend ausgebildet. Ich kann herunterbeten, wie sich die taktischen Systeme seit 1948 entwickelt haben. (Wegner doziert über die Entstehung von Catenaccio und Schweizer Riegel...)

Das klingt viel versprechend. Haben Sie Ambitionen nebenbei eine Fußballmannschaft zu betreuen?

Wegner: Hundertprozentig nicht. Wenn ich 20 Jahre jünger wäre und mich richtig reingekniet hätte, wäre es vielleicht möglich gewesen. Wissen Sie, wer aus meiner Sicht der größte Fußballer aller Zeiten ist?

Bitte, erzählen Sie!

Wegner: Pelé? Maradona? Nee, Alfredo di Stéfano. Nie hat einer eine so wichtige Aufgabe in einer Mannschaft gehabt wie di Stefano in den 1950ern bei Real Madrid. Er war ein hervorragender Einzelkönner und konnte eine Mannschaft führen - damit ist er für mich der Ausnahmefußballer des Jahrhunderts.

Und wer fasziniert Sie aktuell?

Wegner: Na, «Schweini»! Er kann dribbeln, er hat gelernt, das Spiel zu verzögern. Ich liebe sein Laufpensum und seine Dribblings. Auch Ribéry und Robben gefallen mir sehr gut. Aber «Schweini» hat bei mir einen großen Vorsprung.

Die deutschen Fußballer wollen Europa- und Weltmeister werden. Ihr größter Traum ist es, noch einem Schwergewichtsweltmeister hervorzubringen.

Wegner: Ihr Journalisten, ihr drückt mir das richtig rein, ich kann mich gar nicht widersetzen. (lacht) Schwergewicht ist für die Masse interessant, aber die schwächste Gewichtsklasse, die wir im Boxen haben. Die Klitschkos, die bei den Amateuren gar nicht so dominiert haben, sind da dominierend. Na klar, wenn Robert Helenius keine Verletzung gehabt hätte, dann wären wir schon rangegangen an die Klitschkos. Doch jetzt müssen wir erst mal sehen, wie wir Marco Hucks Entwicklung hinkriegen. Die Zeit wird zeigen, wo sein Weg hingeht.

Boxen: Die legendärsten Schwergewichtskämpfe

Er kehrt nach seinem Ausflug ins Schwergewicht am Samstagabend gegen Ola Afolabi (22.55 Uhr/ARD) zurück ins Cruisergewicht. Für Sie ist der Kampf ein ganz besonderer, weil Sie im Trainerduell gegen Ihren langjährigen Weggefährten Fritz Sdunek antreten.

Wegner: Es ist doch toll, einen besonderen Trainer in der anderen Ecke zu haben. Wir müssen sehen, wie Trainer mit unseren Fähigkeiten bei den Jungs ankommen und sie die Tipps aufnehmen. Das wird ein Kampf auf gleicher Augenhöhe. Bei den Profis haben wir als Trainer zweimal gegeneinander geboxt. Einmal hat er mit Klitschko gegen meinen Timo Hoffmann gewonnen, das andere Mal hat Artur Abraham gegen Khoren Gevor geboxt - da lag der Vorteil klar bei mir. Aber daraus kann man nicht direkt die Qualität eines Trainers ableiten.

Hätten Sie eigentlich auch gern mal die Klitschkos betreut?

Wegner: Den brauchte man doch nichts mehr beizubringen. Die waren doch schon fertig. Man musste sie nur taktisch reifen lassen und sie gut führen, dass sie im Wettkampf gut vorbereitet sind. Dass sie so dominierend sind, dazu kann man ihnen nur gratulieren. Aber die Faszination dafür ist mir sowieso ein Rätsel. Wenn gegen mittelmäßige Gegner 50.000 Menschen im Stadion sind und Millionen vor dem Fernseher, da komme ich nicht mehr mit. Das muss mir mal einer erklären.

Herr Wegner, wie lange sehen und hören wir Sie noch mit heiserer Stimme in der Ringecke?

Wegner: Ich höre manchmal von anderen Sportlern: ‹Ich muss mir nichts mehr beweisen.› Natürlich muss man das. Ich muss mich jeden Tag beweisen bei den Jungs, die wollen und ich will, dass wir gemeinsam unsere Ziele erfüllen. Wenn ich das nicht mehr kann, dann höre ich auf. Drücken Sie mir die Daumen, dass das noch eine Weile dauert!

iwi/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Hartmut Schrödter
  • Kommentar 1
  • 04.05.2012 13:40

Meine Frau und ich sind Boxfans ob life oder TV dabei, egal wer imRing steht,wir sagen immer heut Abend boxt Ulli. Wir hatten das Glück Ihn im Holstein Pup auf Gran Canaria kennen zu lernen. Er ist trotz seinem Bekanntheitsgrad auf dem Mensch geblieben. Wir wollten immer mal auf Grani mit meinem Boot Angeln fahren. Vieleicht klappt es diesen Winter. Meld Dich!

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