Justiz Es war auch mal anders: Die WM 1978 in Argentinien

Berlin - Viel ist nun von politischem Boykott die Rede, doch selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist bei einem Ereignis wie der Fußball-EM in Polen und der Ukraine nur eine Randfigur.

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Es war auch mal anders: Die WM 1978 in Argentinien Bild: dpa

Im Fokus stehen die Fußball-Nationalspieler.

Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat die Spieler ermuntert, ihre Haltung zu Menschenrechtsverletzungen und zum Umgang mit der ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko klar zu äußern. Die Frage ist: Wie politisch sollen Sportler sein?

Können diese Protagonisten den Druck für eine Behandlung der kranken Timoschenko im Ausland erhöhen oder zumindest nützliche innenpolitische Werbeeffekte für Präsident Viktor Janukowitsch durch die EM konterkarieren? Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzt traditionell auf eine strikte Trennung von Sport und Politik. Schon einmal wurde im Vorfeld eines großen Fußball-Turniers heftig debattiert, wie man mit einem Gastgeber umgeht, der demokratische Standards missachtet.

Damals, 1978, war die Lage in Argentinien wesentlich schlimmer als heute in der Ukraine, doch Nationalkicker und DFB-Vertreter glänzten nicht gerade mit Kritik an Folter und Tod von Regimegegnern durch das Militärregime. Die Repressionen waren vor dem Turnier nochmal massiv verschärft worden, damit es keinen öffentlichen Protest geben konnte. Menschenrechtler kritisierten scharf, dass sich der DFB nicht für das Schicksal von Verschwundenen, darunter Dutzende Deutsche, einsetze. Udo Jürgens sang voll Vorfreude auf die WM «Buenos días, Argentina».

Eine Hyperinflation und Wirtschaftskrise sowie das Erstarken des Linksterrorismus hatten im März 1976 zu einem Putsch und der Errichtung eines Militärregimes geführt. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Jorge Rafael Videla, Marinechef Eduardo Emilio Massera und der für die Luftwaffe verantwortliche Brigadegeneral Orlando Ramón Agosti bildeten die Führung der Militärjunta.

Sofort erkannte die Militärregierung, dass in der Ausrichtung der WM ein enormes Potenzial für die Innen- und Außenwirkung lag. Die amerikanische PR-Agentur Burson & Marsteller wurde für 1,1 Millionen US-Dollar damit beauftragt, das Image der Militärregierung im Ausland zu verbessern. Die Agentur attestierte dem Regime, die WM wäre eine einmalige Chance, das Denken im Ausland über Argentinien in positivere Bahnen zu lenken. Als entscheidender Ratschlag wurde eine umfangreiche Betreuung ausländischer Journalisten vorgeschlagen.

Insgesamt zehn Spielen wohnte Videla zusammen mit den Chefs von Marine und Luftwaffe persönlich bei. Die Militäruniform blieb dabei stets daheim im Schrank. Das Regime setzte darauf, dem eigenen Volk, aber auch der internationalen Öffentlichkeit durch eine sichere, gut organisierte Weltmeisterschaft zu zeigen, dass nun wieder Ruhe und Ordnung in Argentinien herrschte - als Krönung gab es den Sieg im Finale gegen die Niederlande. Es halten sich allerdings bis heute Gerüchte einer Manipulation des entscheidenden Zwischenrundenspiels gegen Peru, wo ein 4:0-Sieg nötig war. Argentinien gewann 6:0.

Medien wie der «Stern» berichteten in Deutschland sehr kritisch und verwiesen auf Berichte von Amnesty International, dass tausende Regimegegner gefoltert würden oder verschwunden seien. Sie sollen teilweise lebendig über dem Meer aus Hubschraubern geworfen worden sein. Doch viele Nationalkicker wollten davon nichts wissen, was der Militärjunta sehr willkommen gewesen sein dürfte. Weil nicht nur die deutschen, sondern die meisten der internationalen Gäste schwiegen, gelang dem Regime letztlich der geplante Propagandaerfolg.

Heinz Flohe vom 1. FC Köln sagte laut damaliger Berichte zu Forderungen, sich für Gefangene in Argentinien einzusetzen: «Für einen Fußballer ist es nicht wichtig, sich mit der Politik zu befassen, das ist Sache der Regierung. Ein gutes Gefühl hat man natürlich nicht, wenn man vom Militär ins Hotel geleitet wird und die ham'ne Kanone im Anschlag. Aber wenn das sein muss, muss das sein.»

Sepp Maier von Bayern München fürchtete, dass bei Kritik eine Verhaftung drohen könnte. Manfred Kaltz vom Hamburger SV sagte: «Ich fahr da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme». Paul Breitner, der an der WM 1978 wegen Differenzen mit dem DFB aber gar nicht teilnahm, positionierte sich am deutlichsten: «Verweigert den Generälen den Handschlag», forderte er von seinen Fußballkollegen.

Letztlich beschäftigte die deutsche Öffentlichkeit am Ende ohnehin mehr die Schmach von Cordoba (2:3 gegen Österreich). Und auch wenn die Militärjunta dank der Instrumentalisierung des Fußballs zu politischen Zwecken kurzfristig einen großen Erfolg hatte: Genutzt hat es ihr nicht. Die zunehmend unter Druck stehenden Militärs suchten ihr Glück 1982 im Falkland-Krieg, 1983 war ihr Ende gekommen - und Argentinien machte sich auf den Weg Richtung Demokratie.

Informationen zur WM 1978/Haltung der Nationalspieler

news.de/dpa

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