Grand Prix in Bahrain Die Formel 1 im Ausnahmezustand

Darf das Formel-1-Rennen in Bahrain stattfinden? Wie argumentieren die Oppositionellen? Sind Teams, Zuschauer und Journalisten tatsächlich gefährdet? Und wie reagieren die Fahrer? News.de beantwortet alle drängenden Fragen.

Die Formel 1 im Ausnahmezustand (Foto)
«Jeder Rennwagen fährt über unser Blut», sagt ein Oppositioneller. Bild: dapd

Die Fahrer blenden die schwierige Gemengelage aus und konzentrieren sich auf das Rennen; die Offiziellen verteidigen die Entscheidung, das Rennen trotz der Unruhen in dem brodelnden Golfstaat Bahrain stattfinden zu lassen. News.de nimmt die Situation vor dem umstrittensten Grand Prix der Saison unter die Lupe.

Was hat die Debatte ausgelöst?

Im «Arabischen Frühling» vor einem Jahr kam es auch in Bahrain zu blutigen Unruhen. Deshalb war das Formel-1-Rennen im Golfstaat in der Vorsaison abgesagt worden. Gelöst worden sind die Probleme in Bahrain seither nicht. Die schiitische Bevölkerungsmehrheit verlangt weiter Reformen von der sunnitischen Königsfamilie. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten, Royalisten und Polizei.

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Wie schätzen Experten die Lage ein?

Menschenrechtsorganisationen berichten noch immer von schweren Verstößen in Bahrain. Amnesty International spricht von «Folter und unnötiger und ausufernder Gewalt gegen Demonstranten». Und die renommierte International Crisis Group veröffentlichte sogar eine Risikowarnung. «Unter einer Fassade der Normalisierung schlittert Bahrain auf einen neuen Ausbruch der Gewalt zu», lautete das Urteil. Am Donnerstag wurden bei einer Protestaktion in der Hauptstadt Manama gegen eine Ausstellung anlässlich des Grand Prix auch vier Mechaniker des Force-India-Teams in Zusammenstöße zwischen Demonstranten und der Polizei verwickelt. Nahe ihrem Bus landete ein Molotow-Cocktail. Ein Mitarbeiter des Teams trat aus Sorge um seine Sicherheit nach dem Vorfall vorzeitig die Heimreise an.

Was sagen Bahrains Regierung und die Renn-Organisatoren?

Kronprinz Salman bin Hamad Al-Chalifa mahnte, die Politik dürfe nicht über den Sport entscheiden. Der Thronerbe war eine der treibenden Kräfte für den Bau des Bahrain International Circuit. Streckenchef Zayed Al Zayani sieht die Formel 1 nicht als Angriffsziel für die Proteste. «Es ist nicht Afghanistan, es ist nicht Syrien», sagte er. Scheich Abdulla bin Isa Al-Chalifa, Mitglied der Königsfamilie und einer von 26 Funktionären im Motorsport-Weltrat, beteuerte: «Ich kann garantieren, dieser Grand Prix ist so sicher wie jeder andere.»

Wie reagieren die Oppositionellen?

«Wir protestieren, um der Formel 1 unseren Ärger zu zeigen, dass sie das Rennen hier veranstalten», sagte Menschenrechtler Nabeel Rajab vom Bahrain Centre for Human Rights der britischen Zeitung Daily Telegraph. Die Gegner des Königshauses in Bahrain fürchten, das Rennen werde zu politischen Zwecken instrumentalisiert. «Die Leute meinen, die Formel 1 repräsentiere diese Diktatoren», erklärte Rajab. Der Ex-Oppositionelle Jasim Husain betonte hingegen: «Der Auftritt der Formel 1 wird die Stimmung ändern. Die Formel 1 ist nicht der Grund für die Proteste.» Oppositionsführer Mattar Mattar sagt: «Für die vergangenen zwei Wochen können wir eine wachsende Zahl von Verletzten, Festnahmen und Hausdurchsuchungen durch die Polizei nachweisen.» Die Regime-Gegner haben «drei Tage des Zorns» während des Formel-1-Auftritts angekündigt.

Wie ist die Position des Automobil-Weltverbands Fia?

«Wir sind nur am Sport interessiert, nicht an der Politik», sagte Fia-Präsident Jean Todt. Eine törichte und naive Aussage angesichts der weitreichenden politischen und gesellschaftlichen Verantwortung des Sports. Todt verwies jedoch nur darauf, dass sich der Verband bei Vertretern der Regierung, bei Botschaften, den Nachbarländern und europäischen Außenministerien über die Situation in Bahrain informiert habe. Die Verantwortung der Fia sei, die Sicherheit für Teilnehmer und Besucher des Rennens zu gewährleisten. «Das wird der Fall sein», versprach Todt. «Wir können keine völlige Sicherheit garantieren. Ich wäre ein Narr, so etwas zu sagen», erklärte hingegen Bahrains britischer Polizei-Berater John Yates dem Guardian.

Wie sicher ist die Strecke?

Zum Auftakt des Trainings sind die Sicherheitsmaßnahmen um die Strecke spürbar verstärkt worden. Auf dem Weg zum 30 Kilometer von der Hauptstadt Manama entfernten Kurs war am Freitag ein deutlich größeres Polizeiaufgebot im Einsatz als am Vortag. Zudem waren mehrere Straßensperren eingerichtet. Für den Freitagnachmittag hat die Protestbewegung zu einer Demonstration vor den Toren des Bahrain International Circuit aufgerufen.

Was sagen Bernie Ecclestone und die Fahrer?

Chefvermarkter Bernie Ecclestone setzte sich vehement für das Gastspiel in Bahrain ein. Für ihn stehen viele Millionen an Antrittsgeld auf dem Spiel. Er brachte die Teams auf Linie und stellte die Unabhängigkeit der Urteile von Menschenrechtlern infrage. Konzerne wie Mercedes und Ferrari haben ebenso wirtschaftliche Interessen in der Region wie die Rennställe McLaren und Williams. Von den Teams gab es daher offiziell keine Widerworte. Im Fahrerlager beschäftigt die Debatte die wenigsten. Sebastian Vettel etwa lehnte klare Worte zur heiklen Lage ab: «Unser Job ist der Sport.» Und McLaren-Pilot Jenson Button verlässt sich auf den Weltrverband: «Ich vertraue der Fia, dass sie alle Informationen hat. Also müssen wir ihrer Einschätzung vertrauen.» Kollege Nico Hülkenberg ließ wissen: «Allzu viel darum kümmern können wir uns nicht. Und etwas ändern können wir sowieso nicht.» Nur Red-Bull-Fahrer Mark Webber ließ moralische Bedenken anklingen.

Was machen die TV-Sender?

RTL und Sky werden das Rennen wie gewohnt übertragen. Sky Deutschland schickt aber keine eigenen Mitarbeiter nach Bahrain. «Die Situation ist zu unübersichtlich und zu gefährlich», erklärte Sprecher Dirk Grosse. RTL bemühte sich bis zuletzt vergeblich um ein Visum für Auslandsreporterin Antonia Rados. Politische Journalisten scheinen derzeit unerwünscht in Bahrain.

Wie gefährlich ist Bahrein für Journalisten?

«Bahrain ist einer der gefährlichsten Orte für Journalisten weltweit. Reporter ohne Grenzen zählt den König von Bahrain zu den Feinden der Pressefreiheit», teilte die Organisation Reporter ohne Grenzen mit. Drei Tage vor dem umstrittenen Formel-1-Rennen in Bahrain kritisierte die Vereinigung in einer Petition den Umgang mit Medienvertretern. Lokale Online-Aktivisten, Journalisten und vor allem Fotografen würden bei Demonstrationen systematisch bedroht und angegriffen. «Viele wurden festgenommen und von Militärgerichten zu Haftstrafen verurteilt. In Gefängnissen ist Folter weit verbreitet», urteilte Reporter ohne Grenzen.

kru/iwi/news.de/dpa

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