Werder-Boss Allofs «Haben gute Karten bei Pizarro»

Werder Bremen kämpft nach dem Fast-Abstieg aus Bundesliga wieder um die Rückkehr ins internationale Geschäft. Klubchef Klaus Allofs über die Bedeutung des Europapokals und die Verhandlungen mit Top-Torjäger Claudio Pizarro.

Claudio Pizarro (Foto)
Werders Wichtigster: Claudio Pizarro. Bild: dapd

Herr Allofs, im Sommer hatten viele Werder-Fans die Befürchtung, wieder gegen den Abstieg zu spielen. Wie überrascht sind Sie, wieder oben zu stehen?

Klaus Allofs: Wir sind eigentlich nicht so überrascht. Wir haben uns schon Hoffnungen gemacht, da oben zu stehen. Nicht ganz oben, aber um die Europa-League-Plätze zu spielen, das haben wir schon im Rahmen unserer Möglichkeiten gesehen. Wir sind zwar im Umbruch, aber wir haben eine Mannschaft mit Potenzial.

Inwiefern wäre ein zweites Jahr ohne Europapokal problematisch?

Allofs: Die Dinge sind immer leichter, wenn man europäisch spielt. Ich will das gar nicht mal nur auf die finanzielle Seite beziehen. Wenn man sieben Jahre lang hintereinander international dabei war, dann ist ein Klub insgesamt darauf ausgelegt. Von der Erwartungshaltung, von den Strukturen her. Die sind so, dass wir international spielen sollten. Wenn wir uns nicht qualifizieren, wäre dies keine Katastrophe in dem Sinne, dass es dann nicht mehr weiterginge. Aber bei unseren Ambitionen sollten wir so schnell wie möglich wieder ins internationale Geschäft zurückkommen.

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Wie groß sind die Chancen, Claudio Pizarro ohne Europacup zu halten?

Allofs: Ob das jetzt am Ende diese entscheidende Bedeutung hat, weiß ich nicht. Ich denke, es ist von seinen Alternativen abhängig. Es geht jetzt dem Ende seiner Karriere entgegen. Da fragt man sich womöglich, was man noch machen kann. Finanziell, aber auch im Hinblick auf die Zeit danach. Ich glaube, wir haben gute Karten. Wir haben ein sehr gutes Angebot vorgelegt. Da muss schon etwas sehr Interessantes für kommen, damit er sich gegen Werder entscheidet.

Ist die Personalie Pizarro der Schlüssel zu allen anderen?

Allofs: Nein. Viele Entscheidungen sind ja bereits getroffen, nur noch nicht vollzogen. Zum Beispiel die Verpflichtung von Sokratis. Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass wir unsere Option ziehen. Auch finanziell ist das schon durchgespielt und geklärt. Das hat gar nichts mit Claudio zu tun. Wenn Claudio nicht bleibt, dann bleibt natürlich auf der Seite der Gehälter Spielraum für andere Spieler.

Gibt es eine mögliche Entscheidung: Pizarro oder Tim Wiese?

Allofs: Diese Alternative besteht so nicht. Ich muss mich nicht entscheiden: den oder den. Ich sehe das eher so, dass mehr Geld für einen Ersatz da wäre, wenn Claudio nicht verlängern würde. Aber es wird nicht die Frage sein: Wiese oder Pizarro. Ganz sicher nicht.

Was passiert mit Kapitän Clemens Fritz?

Allofs: Mit Clemens Fritz haben wir schon sehr früh gesprochen und ihm geschildert, wie wichtig er für uns ist. Natürlich haben wir auch schon mit seinem Berater gesprochen. Es ist aber noch nicht so, dass wir einen Abschluss getätigt hätten. Wir führen unsere Gespräche.

Noch einmal konkret: Welche Auswirkung hätte das Nicht-Erreichen der Europa League auf die drei genannten Personalien?

Allofs: Das müssen wir nicht in Zusammenhang bringen. Wie gesagt: Mir geht es in erster Linie nicht um die wirtschaftlichen Gesichtspunkte. Sondern es ist wichtig, dass sich unsere Spieler wieder international messen und sich präsentieren können. Das ist auch wichtig für unser Selbstverständnis und unsere Partner. Aber das ist nicht entscheidend für unsere Verhandlungen.

Welche Rolle spielt Tim Borowski in Ihren Zukunftsplanungen?

Allofs: Tims Vertrag läuft aus. Die letzten Monaten waren sehr schwierig mit seinen Verletzungen. Da werden wir am Ende der Saison eine Entscheidung treffen müssen.

Sie hatten in der Vergangenheit kein glückliches Händchen mit zwei Transfers aus Brasilien. Sportlich und finanziell nicht ...

Allofs: Nein, das ist falsch. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist der Wesley-Transfer zwar nicht neutral, aber dort haben wir wieder einen sehr guten Preis erzielt. Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten war auch Carlos Alberto etwas weniger dramatisch, weil er in einer Zeit verpflichtet wurde, in der hohe Gewinne erzielt wurden. Wenn wir nicht investiert hätten, hätten wir diese Gewinne versteuern müssen. Aber natürlich wünscht man sich trotzdem einen besseren Verlauf. So gut man sich auch vorbereitet, man kann nicht immer alles wissen. Wenn Spieler Probleme haben, die man höchstens im Ansatz erkennen kann, dann kann es sein, dass wir das selbst in Bremen nicht hinbekommen. Das sind Dinge, die passieren.

Was wäre denn zu flicken gewesen?

Allofs: Carlos Alberto hätten wir sportlich hinbekommen. Aber wenn ein Spieler nicht belastbar ist aufgrund von Dingen, die bei einer sportärztlichen Untersuchung nicht zu erkennen sind - ich will da nicht in die Tiefe gehen - dann wird es schwierig.

Haben psychische Probleme im Fußball eigentlich allgemein zugenommen?

Allofs: Das hat es sicher immer schon gegeben. Nur das Geschäft wird natürlich auch nicht menschlicher. Es muss immer alles schneller gehen. Der Druck auf die Spieler wird schon zunehmend größer. Bei dem einen kann das dazu führen, dass er völlig daneben liegt, bei dem anderen dazu, dass er seine Qualitäten einfach nicht komplett abrufen kann. Das wird extremer, aber das gilt für alle Lebensbereiche.

Nimmt der Druck auch in Ihrem Job zu?

Allofs: Es ist eine Frage, wie ich grundsätzlich mit solchen Situationen umgehe. Bei mir ist es so, dass ich mich wohlfühle. Man braucht ein dickes Fell, aber nichts an sich heran zu lassen, und keine Ratschläge anzunehmen, ist sicher auch nicht gut.

Inwiefern hat Sie die vorige Saison mitgenommen?

Allofs: Ach, ich bin ja damit aufgewachsen. Mit 18 habe ich meine erste Profisaison gespielt. Ich lebe mein ganzes Leben damit, ständig bewertet zu werden. Als wir Champions League gespielt haben, hat das Spuren hinterlassen, und das letzte Jahr hat auch Spuren hinterlassen. Man macht so oder so Erfahrungen.

kru/news.de/dpa

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