EM- & Olympia-Aus Handball-Deutschland am Tiefpunkt

Siebenmeter zu EM-Halbfinale und Olympiaqualifikation vergeben: In der Hauptrunde ließen sich die Schwächen der deutschen Handballer nicht mehr kaschieren. News.de analysiert, weshalb das DHB-Team trotz bester Ausgangslage scheiterte.

DHB-Team (Foto)
Sie hätten sich nach dem Aus am liebsten versteckt: Deutschlands Handballer scheitern trotz bester Ausgangslage. Bild: dapd

Was wohl Heiner Brand getan hätte? 2009 bei der Weltmeisterschaft in Kroatien war der deutsche Handballpapst mit erhobener Faust auf den Schiedsrichter zugetaumelt. In seinem Gesicht war ob des Zorns über die Entscheidungen des Referees und dem damit verbundenen Hauptrundenausscheiden nichts als Wut und Wahnsinn zu sehen. Martin Heuberger ging es am Mittwochabend nach der Niederlage gegen Polen so ähnlich. Nur mit Mühe konnte Brands Nachfolger im Amt des Handball-Bundestrainers an sich halten. Auch er geigte den spanischen Schiedsrichtern direkt nach Abpfiff deutlich seine Meinung, ehe er sich am Spielfeldrand restlos erschöpft auf die Knie stützte. Noch Minuten nach der Partie sah Heuberger aus, als stehe er kurz vor dem Kollaps.

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Doch auch wenn die Schiedsrichter sicher nicht ihren besten Tag hatten, die Ursache für das Scheitern des deutschen Teams in der Hauprunde sowie - und das wiegt schwerer - das endgültig besiegelte Aus für die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London liegen beim DHB-Team selbst:

1. Die Führungsspieler

Offiziell war Pascal Hens als Kapitän der Anführer des DHB-Teams. Doch «Pommes» - sonst der obercoole Gute-Laune-Punk des deutschen Teams - saß nur kränkelnd und enttäuscht auf der Ersatzbank. Wo genau die Ursachen für seine desaströse Form liegen, ist nicht bekannt. Fest steht hingegen: Das DHB-Team sucht auch künftig nach einem Führungsspieler, der das Team auf und abseits des Teams anleitet. Der einstige Welthandballer Daniel Stephan, bei der EM Tribünengast, sagte der Leipziger Volkszeitung auf die Frage, was Heubergers Mannschaft fehle: «Die Hierarchie. Pascal Hens hat vor der EM gesagt, er ist der Leader. Doch diese Rolle konnte er nicht ausfüllen, auch wenn er gegen Polen ein paar Glanzpunkte setzte. In dieser Mannschaft fehlt einer, der den jungen Spielern sagt: Hier geht's lang. Man muss nicht alles negativ sehen. Aber wenn man sich Mannschaften wie Kiel oder die Spanier anschaut, dann sieht man, wie wichtig in einer Mannschaftssportart Führungsspieler sind.»

2. Der Spielaufbau

Im entscheidenden Spiel gegen Polen war es auch für Handballlaien überdeutlich: Die deutsche Mannschaft braucht zu viele Chancen, um zum Torerfolg zu kommen. Während die Polen leichtfüßig Konter verwandelten - sogenannte einfache Tore - taten sich die Deutschen im Spielaufbau unheimlich schwer. Wenn einmal Bälle in der Abwehr erobert wurden, dauerte das Umschalten viel zu lange. Und einstudierte Kombinationen wie «Dortmund» oder «Doppelspezial» wirkten umständlich und ohne die nötige Sicherheit vorgetragen. Viel zu viele Anspiele zum Kreis oder auf die Außen landeten in den Händen des Gegners. Zwar absolvierte Michael Haaß für seine Verhältnisse ein starkes Turnier mit unglücklichem Ende (Fraktur im Fußgelenk). Dennoch ist das Team in der Schaltzentrale limitiert.

3. Der Rückraum

Genauso liegen die Dinge bei Lars Kaufmann (23 Tore, Trefferquote: 46 Prozent). Der spielte auf der Königsposition im linken Rückraum zwar ordentlich, doch die Topshooter in der DHB-Sieben genügen eben keinen höchsten internationalen Ansprüchen. Zu wenig treffsicher und durchsetzungsfähig agierten Holger Glandorf und Adrian Pfahl im rechten Rückraum. Von Pascal Hens (3 Tore) ganz zu schweigen. «Spiele werden in Rückraum entschieden», sagte Stephan. «Und da haben wir zu wenig im Angebot.»

Fazit und Konsequenzen:

«Es war nicht so, dass wir abgeschlachtet worden wären», sagt Sport1-Experte Stefan Kretzschmar. «Mit ein bisschen mehr Glück und ein bisschen mehr Handball-Sachverstand vonseiten einiger Spieler hätten wir es schaffen können.» Doch letztlich ist das Ergebnis der Deutschen leistungsgerecht. Erstmals seitdem Handball im Programm ist, werden die Olympischen Spiele nun ohne das deutsche Team stattfinden. Gegen Dänemark und Polen vergaben Heubergers Mannen nach den glücklichen Vorrundenergebnissen in übertragenem Sinne gleich zwei Siebenmeter, um sich doch noch für London zu qualifizieren und ins EM-Halbfinale einzuziehen. Zwar stimmten Kampf- und Einsatzbereitschaft. Die Qualität indes ließ keine bessere Platzierung zu.

«Für den deutschen Handball ist das ein großer Imageschaden», sagt Daniel Stephan bei Sport1. «Olympische Spiele waren immer eine Plattform, wo wir uns hervorragend präsentieren konnten. Das war Gold wert.» Nun werde die Aufmerksamkeit geringer, die Strahlkraft der deutschen Spieler auf den Nachwuchs nimmt weiter ab. «Ich habe Sorge um den deutschen Handball. Das ist ein Tiefpunkt», sagte Chefkritiker Stephan Kretzschmar nachdenklich.

jag/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • marthacharly
  • Kommentar 1
  • 26.01.2012 15:39

Ja wo soll denn der Nachwuchs für den deutschen Handball herkommen? In den Vereinen der deutschen Liga sind die besten Spieler allesamt Ausländer, die bei Europa-, Weltmeisterschaften und Olympia dann gegen uns spielen. Der Trend, fertige Spieler zu kaufen, ist im deutschen Handball weitaus stärker vertreten, als im Fußball. Wer will sich dann noch in der Jugend quälen, um dann irgendwo in der 3. oder 4. Liga zu spielen? Dann lieber Tennis, Skaten, Skifahren u.ä. Eine Quotenregelung könnte da schon langfristig helfen.

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