EM in Serbien «Kretzsche» macht den Handball-Teamcheck

Stefan Kretzschmar (Foto)
Stefan Kretzschmar: Ex-Nationalspieler und Lichtfigur des Handballs: «Man muss sich Sorgen machen.» Bild: imago

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur , Leipzig
Team, Trainer, Taktik: Handballidol Stefan Kretzschmar legt bei news.de vor der Handball-Europameisterschaft in Serbien den Finger in die Wunden des angeschlagenen DHB-Teams. Seine Prognosen sind nicht sehr optimistisch.

Die Stärken der deutschen Handballer:

«Wir haben zwei gute Torhüter. Das ist traditionell eine Position, auf die wir uns verlassen können. Das ist mit Carsten Lichtlein und Silvio Heinevetter auch in diesem Jahr der Fall. Dazu haben wir eine gute Flügelzange, vielleicht gemeinsam mit den Franzosen die beste weltweit. Und eigentlich sind unsere Rückraumshooter Pascal Hens, Holger Glandorf, Adrian Pfahl, Sven-Sören Christophersen und Lars Kaufmann auch nicht schlecht, wenn man sieht, was die in der Bundesliga bringen. Die werfen in der Liga regelmäßig fünf, sechs Tore.»

Die Schwächen:

«Doch wir haben ein massives Problem in Deutschland. Wir haben zwar einen talentierten Spielmacher, aber Talent allein reicht eben nicht. Und wir haben im Vergleich zum Weltmaßstab auch keinen starken Kreisläufer. Diese Achse Mittelmann-Kreisläufer ist immens wichtig und lebensnotwendig, um weltweit mitzuhalten und Titel zu gewinnen. Ich mag Michael Haaß (aktuell Spielmacher im DHB-Team, Anm.d.Red.). Das ist ein Typ, der hat eine sehr gute Einstellung zum Sport. Aber er ist eben limitiert.

Heiner Brand
Die Erfolge des Riesenschnauzers

Man fragt sich häufig, weshalb spielen viele in der Nationalmannschaft ganz anders als im Verein? In den Klubs haben Hens oder Christophersen eben Mittelleute neben sich, die ihre Sache anders und teilweise besser machen. Das ist des Rätsels Lösung, weshalb in der Nationalmannschaft so viele ihre Leistung nicht abrufen können, weil eben die Unterstützung von anderen Positionen fehlt. Das betrifft auch die Kreisläuferposition.

Und auch die Abwehr ist eine Problemzone. Wir haben momentan keine Abstimmung im Innenblock. Das ist ein wahnsinniges Handicap. Oliver Roggisch ist zwar ein sehr rigoroser Abwehrspieler, doch der braucht eigentlich einen neben ihm, der Ruhe reinbringt. Patrick Wiencek kann das noch nicht leisten, der muss selber geführt werden. Die Absprache zwischen beiden funktioniert auch noch nicht richtig. Da muss man sich schon Sorgen machen.»

Positive Überraschungen:

«Wenn man die vorherigen drei, vier Turniere heranzieht, können alle nur überraschen. Es gibt keinen, der zuletzt in der Nationalmannschaft überzeugt hat. Deswegen wartet man bei den meisten darauf, dass der Knoten international endlich platzt. Von der Qualität her haben es diese Spieler drauf. Es gibt keinen, den man noch gar nicht auf der Rechnung hat. Die Jungs, die da sind, kennt man alle. Ich hoffe, dass die es hinkriegen.»

Die Form der Leistungsträger:

«Von Linksaußen Dominik Klein bin ich dieses Jahr überrascht. Es ist außergewöhnlich, was er mit dem THW Kiel in der Bundesliga spielt. Über die weiteren Außenspieler Uwe Gensheimer, Christian Sprenger und Patrick Groetzki müssen wir nicht reden - die sind super. Und im Rückraum scheint sich Pascal Hens gefangen zu haben. Er war in den letzten beiden Testspielen vor der EM gegen Ungarn der beste Rückraumspieler. Holger Glandorf hat in Flensburg überragend zu alter Stärke zurückgefunden. Im Nationalteam konnte er jedoch wieder nicht zeigen, was er kann.»

Ist Martin Heuberger der richtige Mann, um den deutschen Handball zu sanieren?

«Das bleibt nur zu hoffen. Wir haben ja keine Wahl, die Entscheidung, wer Heiner Brand nachfolgt, ist getroffen. Jetzt müssen wir Heuberger vertrauen und ihn uneingeschränkt unterstützen. Ich glaube, dass Heuberger ein Handball-Fachmann ist, der weiß, worauf es ankommt. Und ich hoffe, dass er die Persönlichkeit entwickelt und das Profil mitbringt, diese Mannschaft zu führen. Einige Leute - auch ich - haben da ihre Bedenken. Es liegt jetzt an ihm, das zu widerlegen.»

Weshalb haben Leistungsträger wie Bitter oder Zeitz keine Lust?

«Die Tendenz, dass immer weniger Nationalspieler Lust haben, ist allgemein bedrohlich. ‹Jogi› Bitter hat gesagt, dass er sich mehr seiner Familie widmen möchte. Das muss man so akzeptieren, aber ich persönlich kann das nicht verstehen. Für mich war es immer etwas Besonderes, in der Nationalmannschaft zu spielen. Es ist einfach die größte Auszeichnung. Auch wenn man Nationalspieler ist, kann man sich noch genügend um die Familie kümmern. Mir tut es leid, dass ‹Jogi› nicht dabei ist. Er wäre sicher eine Bereicherung gewesen. Christian Zeitz hat für sich die Maxime gefunden, die spielfreie Zeit in der Bundesliga zu nutzen, um seine Wehwehchen und Blessuren auszukurieren und hat sein Hauptaugenmerk auf den Verein gelegt. Es ist schade, dass Heuberger da nicht noch das ein oder andere Gespräch mehr gesucht hat. ‹Zeitzi› hätte die Mannschaft verstärkt.»

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