DFB-Pokal Wie Fohlen aus der Asche

Vom Tabellenletzten zum Überraschungsteam, von der Schießbude zur Tormaschine: Borussia Mönchengladbach hat im Kalenderjahr 2011 die größte Wandlung aller Profiteams im deutschen Fußball vollzogen. Ein Blick zurück.

Borussia Mönchengladbach (Foto)
Jubel-Borussia: Marco Reus (ganz rechts) & Co. feiern den erfolgreichen Jahresabschluss. Bild: dapd

Viel Hoffnung gab es nicht mehr. Gerade 50 Kiebitze hatten sich an diesem trüben Tag Ende März zum Trainingsgelände verirrt. Borussia Mönchengladbach stand damals auf dem letzten Tabellenplatz und war bereits mit einem Bein in der zweiten Liga. Fünf Punkte Abstand bis zum rettenden Relegationsplatz - und das sieben Spieltage vor Saisonende. Die treuesten Anhänger der Borussia sagten damals Sätze wie diese: «Was wird, wenn wir absteigen? Versinken wir dann im Niemandsland? Ich habe riesengroße Angst davor, dass es uns so geht wie Arminia Bielefeld.» News.de titelte damals: «Die Angst geht um am Niederrhein.»

Neun Monate ist das jetzt her. Borussia Mönchengladbach hat seitdem ein Dreivierteljahr hinter sich, das Fans, Spieler und Verantwortliche schwindelig werden ließ. Mit 13 Punkten aus den letzten sechs Spielen retteten sich die Gladbacher auf den Relegationsrang und sicherten in zwei packenden Spielen gegen den VfL Bochum den Klassenverbleib. 

Bundesliga-Flops: Die Fehleinkäufe der Bundesligisten

In der Saison 2011/12 ist aus dem verängstigten Tabellenschlusslicht die Überraschungsmannschaft im deutschen Oberhaus geworden. Aus der Schießbude der Liga eine Tormaschine. Aus einem Haufen Namenloser eine mit hochveranlagten Talenten gespickte Mannschaft. Und über allem steht Marco Reus, der derzeit überragende Spieler des deutschen Fußballs. Mit zwei Toren schoss der Gladbacher Shootingstar sein Team am Mittwochabend ins Viertelfinale des DFB-Pokals. Der Titelverteidiger FC Schalke um die Stars Raúl und Klaas-Jan Huntelaar war bis auf eine Drangphase Mitte der zweiten Halbzeit ohne eine Chance.

Gladbach kann mehr als kontern

Beinahe skurril mutete angesichts des überragenden Abschlusses dieses wohl aufwühlendsten Kalenderjahres der Gladbacher Vereinsgeschichte die Einschätzung von Trainer Lucien Favre an, dem Vater des Erfolges. Unzufrieden sei er mit der Leistung seines Teams in den zweiten 45 Minuten gewesen, sagte Favre mit frankophilem Singsang und gouvernantenhafter Empörung.

Dabei hatte seine Mannschaft den Großteil des Spiels taktisch und technisch geglänzt - genau wie in der Mehrzahl der Spiele dieser Saison. Seit Favres Amtsantritt im Februar 2011 in schier auswegloser Situation hat er dem Team einen mitreißenden Konterstil verordnet. So zelebrieren die Borussen genau wie Dortmund oder Mainz im Vorjahr den derzeit unwiderstehlichsten Fußball in Deutschlands Eliteliga. Inzwischen, das war Favre noch wichtig, könne seine Mannschaft nicht nur schnell kontern, sondern auch «hoch stehen» und ein Spiel machen.

Relegation: Gladbacher Borussen

Marco Reus - der «Rolls Reus» im Gladbacher Fuhrpark

Bereits im März - sechs Wochen nach seinem Start am Niederrhein - hatte Favre zu news.de gesagt: «Wir haben in den zwei Wochen intensiv gearbeitet und haben insofern von der Länderspielpause profitiert, dass wir ein paar junge Spieler getestet haben.» Bereits in dieser Phase baute der Schweizer das Gerüst der neuen Gladbacher «Fohlen»-Elf auf. Spieler wie Keeper Marc-André ter Stegen, Rechtsverteidiger Tim Jantschke oder Havard Nordtveit. Andere wie Roman Neustädter oder Patrick Herrmann, die auch unter seinem Vorgänger Michael Frontzeck bereits auf dem Feld standen, baute Favre auf.

Und natürlich Marco Reus, der «Rolls Reus» im Gladbacher Fuhrpark. Der gebürtige Dortmunder galt lange als Rohdiamant, Lucien Favre hat ihn veredelt. in dieser Saison macht der 22-Jährige mit seinem handlungsschnellen, torgefährlichen, intelligentem Spiel den Unterschied. Reus, so scheint es, könnte derzeit problemlos mit den besten Spielern der Welt mithalten. Kein Wunder, dass er bereits ins Visier der europäischen Topklubs geraten ist. Wenn sein bisweilen fragil wirkender Körper mitspielt, dürfte an Reus auch im Nationalteam bei der Europameisterschaft 2012 kein Vorbeikommen sein. Bis dahin, das scheint sicher, wird Reus weiter im Trikot von Borussia Mönchengladbach auflaufen.

Es wird spannend zu beobachten, was das junge Team aus den glänzenden Ausgangspositionen in Liga und Pokal macht. Doch egal, wie die Rückrunde verläuft. Die Stimmung bei den Trainingskiebitzen - soviel ist sicher - wird im März 2012 ganz sicher besser sein als vor einem Jahr.

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beu/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Alfred Daessel
  • Kommentar 1
  • 23.12.2011 17:13

An dem Umstand, dass Herbert Laumen und Jupp Heynckes - in verschiedenen Schulen - meine Klassenkameraden waren, läßt sich unschwer auf mein Alter schließen. Jemand, der die Borussia als 6-Jähriger bereits angefeuert hat und verschiedene unveröffentlichte Beiträge zu seinem Leib- und Magenverein parat hat denkt, und das -Dank Favre- ein Aufbruch zu neuen guten Zeiten ist eingeleitet. Kleinere Rückschläge werden wegen gefestigten Selbstvertrauens in Kauf genommen; 2,3 Regentage versauen keinen ansonsten schönen Sommer.

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