Wolfgang Niersbach Der Strippenzieher übernimmt die Macht

Wolfgang Niersbach (Foto)
Tritt aus Theo Zwanzigers Schatten: Wolfgang Niersbach. Bild: dpa

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Vom Sportjournalisten zum DFB-Boss: Wolfgang Niersbach wollte nie der mächtigste Mann des deutschen Fußballs werden. Nun wurde er in das Amt gebeten und mutiert vom einflussreichen Diplomaten zum Frontmann. Der designierte Präsident im Porträt.

Ob Wolfgang Niersbach bereits einmal irgendwo Präsident gewesen sei, wollte eine Fragestellerin ganz zum Schluss der Pressekonferenz in der Frankfurter Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wissen. Wolfgang Niersbach musste das schmunzelnd verneinen. «Aber ich bin Ehrenmitglied im Prinzenklub der Landeshauptstadt Düsseldorf», erklärte der designierte DFB-Boss bei seiner Inthronisierung am Mittwoch. «Ich habe auch so eine Mütze zu Hause in der obersten Schublade.»

Im kommenden Oktober wird Niersbach sein Debüt als Präsident geben - als Chef des größten Sportverbandes der Welt. Als Nachfolger von Theo Zwanziger wird Niersbach - so er beim außerordentlichen Bundestag im Frühjahr gewählt wird - eines der begehrtesten Ämter in Deutschland übernehmen und zu einem der mächtigsten Männer des Weltsports aufsteigen.

Designierter DFB-Boss
Der steile Aufstieg des Wolfgang Niersbach

Glücklich sah Niersbach bei seiner Inthronisierung zunächst nicht aus. Mit ernster Miene folgte er Zwanzigers einführenden Worten. Als ihn sein bisheriger Boss direkt ansprach, wendete sich Niersbach leicht ab und kratzte sich umständlich hinter dem rechten Ohr. Dass er vom Strippenzieher im Hintergrund zum Frontmann aufsteigt, daran muss er sich wohl selbst erst gewöhnen. Denn anders als Zwanziger, der 2004 in das Amt des Präsidenten drängte, wurde Niersbach mehr in die einflussreiche und honorige Position gebeten. «Es war nie meine Lebensplanung, es war nie mein Ziel, DFB-Präsident zu werden», sagte Niersbach. «Aber ich traue mir die Aufgabe zu, weil ich die breite Rückendeckung spüre. Ich habe gewaltigen Respekt vor dem Amt, aber auch Selbstvertrauen.»

«Niersbach ist der geborene Funktionär»

Für den Verband, dessen Präsident er künftig sein wird, arbeitet Niersbach seit 1987. Der einstige DFB-Boss Hermann Neuberger warb den damals 37 Jahre alten Niersbach vom Sport-Informationsdienst (sid) ab. Niersbach war zunächst Pressechef des Organisationskomitees für die Europameisterschaft 1988 und übernahm dieses Amt nach der EM auch beim DFB.

«Das war damals ein herber Schlag für den sid», erinnert sich Niersbachs früherer sid-Kollege Joachim Neußer. «Aber er ist dazu geboren, um Funktionär zu sein.» Bereits bei seinem Wechsel zum DFB prophezeiten ihm Kollegen und Wegbegleiter eine große Karriere beim DFB. Als Journalist wie als Pressechef und später als Funktionär sei Niersbach stets «sehr clever in der Formulierung» gewesen, ein guter Analytiker. «Er hat sich nie zu weit aus dem Fenster gelehnt, aber dennoch immer den Kern getroffen», sagt Niersbachs Wegbegleiter Neußer.

Niersbachs einflussreicher Freund und Protegé: Franz Beckenbauer

Niersbachs Kandidatur rief am Mittwoch öffentlich ausschließlich positive Reaktionen hervor. Jeder, der gefragt wurde, äußerte sich nur lobend über den Mann, der drei Präsidenten und bislang sechs Bundestrainern diente. Er sei ein Mann mit national und international ausgezeichneten Kontakten, auf dem fußball-diplomatischen Parkett beschlagen, loyal und meinungsstark, rühmten Vertreter von Klubs und Verbänden. Der in jungen Jahren beschlagene Techniker auf dem Fußballplatz habe Ahnung vom Fußball, sagt Niersbachs journalistischer Ex-Kollge Neußer: «Er weiß, ob die Torkamera oder Profischiedsrichter richtig sind.»

Einflussreichster Protegé des neuen starken Mannes im deutschen Fußball ist Franz Beckenbauer. Seit der EM 1988 beziehungsweise der Weltmeisterschaft 1990 sind der «Kaiser» und Niersbach befreundet. Bei der Heim-WM 2006 war Niersbach als Vizepräsident des Organisationskomitees der große Netzwerker im Hintergrund, Beckenbauer der strahlende Repräsentant. Zuvor war er mit ihm bei der Welcome Tour um die Welt gezogen. Als Zwanziger seinen Rücktritt in der vergangenen Woche öffentlich machte, war Beckenbauer der Erste, der Niersbach ernsthaft als Nachfolger ins Gespräch brachte. Niersbach dankte es seinem Intimus, indem er ihn bei seiner Vorstellung am Mittwoch als «mein Vorbild» pries.

Hat Niersbach Format als Frontmann?

Um Schäden vom Verband und seinem Chef abzuwenden, waren Niersbach in der Vergangenheit auch fragwürdige und kompromisslose Methoden recht. Als Zwanziger 2008 gegen den Sportjournalisten Jens Weinreich prozessierte, verschickte Niersbach ein verleumderisches und tendenziöses Anschreiben an über 100 einflussreiche Größen des Sports, samt fehlerhafter und tendenziöser Pressemitteilung von Mediendirektor Harald Stenger, um Weinreich öffentlich anzuprangern. Journalistenverbände rügten den DFB dafür, der deutsche PR-Rat beriet über das Thema - einer der seltenen Fehltritte, bei denen Niersbach öffentlich Schelte bezog. Sonst standen stehts andere im Fokus der Kritik.

Niersbachs Verhältnis zu Theo Zwanziger soll zuletzt angespannt gewesen sein. Wie gewohnt hatte Niersbach ein feines Gespür dafür, dass sich Zwanziger in vielen Problemfeldern verrannt hatte. Nun tritt der Hinterzimmerfunktionär Niersbach selbst in die Öffentlichkeit. Als Zögling des DFB und der Nationalmannschaft hat er anders als Zwanziger vor allem das Aushängeschild des deutschen Fußballs im Blick.

Es wird spannend zu sehen, welche Stellung der 61-Jährige zu den gesellschaftlichen und sozialen Themen des Fußballs bezieht; welcher Stellenwert den Befindlichkeiten des Amateurfußballs künftig zukommt; wie Niersbach mit heiklen Themen wie Fangewalt oder Schiedsrichterführung umgeht. Verbandspolitik, Diplomatie und Außendarstellung beherrscht Niersbach nach 24 Jahren beim DFB perfekt. Nun muss er beweisen, dass er auch das Format als Frontmann hat.

jag/news.de/dpa

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