Thomas Helmer «Dortmund ist keinesfalls der Underdog»

Die Bundesliga fiebert dem Gipfel zwischen Bayern und dem BVB entgegen. Thomas Helmer spielte jahrelang für beide Seiten. In seiner news.de-Kolumne spekuliert er auf ein Torfestival und rät Mario Götze und Marco Reus von einem Wechsel zu den Bayern ab.

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News.de-Kolumnist Thomas Helmer Bild: news.de

Endlich ist es soweit. Der Liga-Gipfel zwischen dem FC Bayern München und Borussia Dortmund am Samstag (18.30 Uhr/Sky und im news.de-Liveticker) ist der bisherige Saisonhöhepunkt. Ich hatte das Glück, lange Zeit für beide Klubs spielen zu dürfen. Darum ist das für mich immer eine besondere Partie. Auch die Fans können sich auf ein echtes Spitzenspiel mit hoffentlich vielen Toren freuen.

Denn was die Taktik angeht, erwarte ich kein langes Abtasten, sondern von beiden Teams eine offensive Ausrichtung. Den Abwehrreihen wird das wahrscheinlich nicht recht sein - ganz im Gegensatz zu Manuel Neuer. Denn der Bayern-Torhüter wird endlich einmal die Chance haben, sich vor heimischem Publikum auszuzeichnen.

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Der Druck lastet auf Dortmund

Nach dem bisherigen Saisonverlauf haben die Bayern für mich einen kleinen Vorteil. Vor allem in der Defensive wirken sie stabiler als die Dortmunder. Hinzu kommt noch ein entscheidender Punkt: Die Münchner spielen zu Hause und sind dort bisher eine Macht. Bis auf die erste Partie gegen Mönchengladbach haben sie ihre Gegner nicht nur dominiert, sondern teilweise vorgeführt. Die bittere 1:3-Niederlage im Februar wird den Rekordmeister sicherlich noch zusätzlich motivieren.

Trotzdem ist Dortmund nicht chancenlos und keinesfalls der Underdog, so wie sie sich jetzt teilweise selbst in den Medien darstellen. Wenn ich es jemandem zutraue, in München etwas zu holen, dann dem BVB. Nach der überragenden Meistersaison hatte die Elf von Trainer Jürgen Klopp zu Saisonbeginn zwar einige Probleme, aber zuletzt hat sie sich wieder gefangen und gezaubert. Darum traue ich dem BVB durchaus ein Unentschieden zu. Aber eine Sache ist auch klar: Der Druck lastet auf den Dortmundern. Sie dürfen nicht verlieren, sonst beträgt der Abstand auf die Bayern bereits acht Punkte.

Warum sollte Götze zu Bayern wechseln?

Im Blickpunkt steht am Samstag sicherlich auch Dortmunds Mario Götze, der von den Bayern ja heiß umworben wird und kürzlich selbst von Abschied gesprochen hat. Dabei kann ich die aktuelle Diskussion überhaupt nicht nachvollziehen. Denn Mario ist 19 Jahre alt, schon jetzt Nationalspieler und hat in Dortmund ein sehr gutes Umfeld.

Warum sollte er jetzt zu den Bayern wechseln? Das käme meiner Meinung nach viel zu früh. Hinzu kommt, dass im Münchner Mittelfeld überhaupt kein Platz für ihn wäre. Wenn Mario so weitermacht, wird der Rest von ganz alleine kommen und er wird seinen Weg machen. Dasselbe gilt im Übrigen für den Gladbacher Marco Reus, an dem der Rekordmeister auch interessiert ist. Ich glaube ohnehin, dass die Münchner - wenn überhaupt - nur einen von beiden Spielern holen werden.

Vor der Saison habe ich eigentlich noch auf einen Dreikampf zwischen Bayern, Dortmund und Leverkusen getippt. Im Moment sieht es eher nach einem Alleingang von Mario Gomez & Co. aus. Von den derzeitigen Verfolgern schätze ich den BVB als einzigen ernsthaften Konkurrenten um den Titel ein.

Bremen, Schalke und Mönchengladbach traue ich es nicht zu, um die Meisterschaft mitzuspielen. Werder gehört zwar dort oben hin, aber die Mannschaft hängt zu sehr von Claudio Pizarro ab. Bei Schalke ist die Personaldecke durch die Verletzungen von Jefferson Farfan und Benedikt Höwedes zu dünn. Und die Serie von Mönchengladbach erinnert mich stark an die von Mainz und Hannover in der Vorsaison. Für ganz oben reicht es am Ende sicher nicht.

Verständnis für Michael Ballack

Sorgen mache ich mir zurzeit vor allem um Bayer Leverkusen. Der achte Platz steht in keiner Relation zur Qualität des Kaders. Aber die Mannschaft schöpft ihr großes Offensivpotenzial bislang überhaupt nicht aus und offenbart in der Abwehr ungekannte Schwachstellen.

Dazu passt, dass Michael Ballack nun angekündigt hat, den Verein zum Saisonende wohl zu verlassen. Ich weiß nicht, was Michael vorhat, aber ich kann ihn in dieser Sache gut verstehen. Denn ihm wurde in Leverkusen und seit der WM 2010 genug um die Ohren gehauen.


Thomas Helmer ist news.de-Kolumnist, Moderator und Sportjournalist. Helmer war 17 Jahre lang als Fußballprofi aktiv - sieben davon beim FC Bayern München und sechs bei Borussia Dortmund. Er wurde Deutscher Meister, DFB-Pokal- und Uefa-Cup-Sieger. Für die deutsche Nationalmannschaft lief Helmer 68 Mal auf und wurde 1996 Europameister.

phs/cvd/news.de

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