Von news.de-Redakteur Ullrich Kroemer
Steuerhinterziehung, Krieg mit Manfred Amerell und hanebüchene Fehler: Die DFB-Schiedsrichter stehen am Pranger. Ex-Fifa-Referee Bernd Heynemann legt bei news.de den Finger in die Wunden und fordert stärkere Typen an der Pfeife.
Herr Heynemann, Sie waren einst Deutschlands bester Schiedsrichter, heute sind Sie Politiker. Was glauben Sie, welcher Berufsstand aktuell beliebter bei den Menschen ist?
Bernd Heynemann: Fragen Sie mal die Griechen, da gibt es sowohl in der Politik als auch in der Schiedsrichterszene große Probleme. In Deutschland denke ich, dass das Vertrauen in unsere Regierung und insbesondere in die Bundeskanzlerin groß ist. Was sie in den vergangenen Tagen geleistet hat, muss man anerkennen. Insofern hat die Politik derzeit ein paar Pluspunkte. Die Schiedsrichter haben dagegen mit weniger guten Leistungen und mit der Steueraffäre Gesprächsstoff geliefert, der gar nicht sein müsste.
Dazu kommt ja noch der Streit um den Fall Amerell, der jüngst DFB-Boss Zwanziger und Vizepräsident Rainer Koch entzweite.
Heynemann: Das spielt auch noch mit rein. Nur mithilfe eines Mediators, dem ehemaligen EKD-Präsidenten Professor Wolfgang Huber, konnten sich Zwanziger und Koch auf eine weitere Zusammenarbeit einigen. Das nimmt ja nun schon Formen an, da denkt man ja, man sei auf Zypern zwischen griechischem und zypriotischem Teil. Wenn ein solcher Mann als Mediator vermitteln muss, da wundert man sich doch.
Der im Vorjahr der sexuellen Belästigung bezichtigte einstige Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell hat nun auch die Affäre um die Steuerhinterziehung ins Rollen gebracht.
Heynemann: Dass er die Affäre um Steuerhinterziehung ausgelöst hat, heißt erstens, dass Amerell schon länger Kenntnis von dieser möglicherweise systematischen Steuerhinterziehung hatte. Wenn es zweitens stimmt, dass einige Schiedsrichter Konten im Ausland haben, ist die Steuerhinterziehung bewusst geschehen. Das ist kein Steuersparmodell, sondern ein Steuerhinterziehungsmodell.
Es sind über 70 Schiedsrichter unter Verdacht. Wie sollte der DFB reagieren?
Heynemann: Da antworte ich mit den Worten des DFB: Als der in die Steueraffäre und die Affäre Amerell verwickelte Schiedsrichter Michael Kempter 2009 wegen Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, hat der DFB gesagt, dass Kempter kein internationaler Schiedsrichter geworden wäre, wenn man Kenntnis von der Straftat gehabt hätte. Das heißt im Umkehrschluss, dass die internationalen Schiedsrichter, gegen die aktuell ermittelt wird, international nicht mehr pfeifen dürften. Das ist keine lapidare Sache. Wenn jetzt gerade gegen 70 Schiedsrichter ermittelt wird, geht es um richtige Summen. Da sind nicht nur aktuelle, sondern auch Schiedsrichter dabei, die in den vergangenen fünf bis acht Jahren noch gepfiffen haben. Vielleicht ist auch noch ein bekannter Name dabei?
Wie war das denn zu Ihrer aktiven Zeit?
Heynemann: Mindestens einmal im Jahr ist auf einem Schiedsrichterlehrgang gesagt worden: Leute, ihr bekommt jetzt einen Haufen Geld. Denkt daran, ihr müsst das versteuern. Ich habe das auch immer korrekt angegeben. 2001/02 hatte ich dennoch eine Betriebs-Steuerprüfung, weil unter anderem nicht klar war, wer das internationale Geld versteuert. Das ging bis vor das Bundesfinanzministerium.
Und was kam dabei heraus?
Heynemann: Ich musste alles voll versteuern, ich hatte das ja auch angegeben. Es war nur die Frage, wie hoch das Geld, das ich bei WM oder EM bekommen habe, noch versteuert werden muss. Für die WM 1998 habe ich 25.000 Dollar bekommen. Keiner wusste, ob das schon versteuert war, oder es zu niedrig besteuert war.
Aber Sie müssen nichts befürchten?
Heynemann: Ich wüsste nicht einmal, wie man ein Konto in der Schweiz anlegt.
Ist die Steueraffäre ein Fehler im System oder pure Hinterlist und Gier der Schiedsrichter?
Heynemann: Nach dem Bestechungsskandal um Robert Hoyzer hat der DFB den Schiedsrichtern höhere Summen gezahlt, um den Anreiz für Bestechungsversuche zu schmälern. Damit stieg bei manchem auch der Reiz, das Geld, was man einmal auf dem Konto hatte, dem Staat nicht wieder zur Hälfte abgeben zu müssen. Wenn dann ein Schiedsrichter ein angebliches Steuersparmodell aufgetan hat, geht das schnell reihum, wenn einer den Anfang macht. Das ist kein reines Schiedsrichterproblem, das ist ein Problem des Steuersystems.
Aber Schiedsrichter haben als Moralinstanzen eine besondere Verantwortung.
Heynemann: Na klar! Ich kann als Richter auch keinen Autofahrer verurteilen, der betrunken gefahren ist, und hänge dann nach der Verhandlung selbst an der Flasche. Regelhüter sollten moralische Vorbilder sein. Schiedsrichter dürfen nicht nur für 90 Minuten auf dem Platz Vorbild sein, sondern auch außerhalb, im privaten, beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld. Nur gut zu pfeifen, reicht da nicht. Als staatlich anerkannter Steuerhinterzieher kann man nicht zu einer Weltmeisterschaft fahren. Da passt irgendetwas nicht.
Wurden Fehler bei der Auswahl der Schiedsrichter gemacht?
Heynemann: Es wird schon darauf geachtet. Aber in welchen Menschen kann man schon hineinschauen?