Freizeitfußball Der Sturmlauf der Hobbykicker

Der Sturmlauf der Hobbykicker (Foto)
Konter im Park: Am Müngersdorfer Stadion in Köln treffen sich jedes Wochenende Hunderte Freizeitkicker. Bild: dapd

Von Martin Einsiedler
6,8 Millionen Fußballer sind im Deutschen Fußball-Bund organisiert, schätzungsweise etwa doppelt so viele kicken unorganisiert. Viele Fußballer ziehen unorganisierte Bolzplatztreffs den festen Strukturen beim Vereinssport vor. Eine Gefahr für die DFB-Klubs?

«Kruzifix», zischt es laut auf einem schäbigen Berliner Kunstrasenplatz irgendwo in Spandau. Dann, «Schiri, Schiri». Der gebürtige Münchner Simon von Dynamo Blutgrätsche ist sauer auf den Unparteiischen. Das ist in der Fußball-Freizeitliga der Technischen Universität nichts Neues. Schiedsrichter Landry, sonst für Cameroon-Power am Ball, telefoniert während des Spiels, das mit Verspätung angepfiffen werden musste. Auf beiden Seiten waren die teils verkaterten Spieler zu spät eingetrudelt. Und Landry ist auch erst 20 Minuten später da gewesen. Mit dem Handy am Ohr.

So oder so ähnlich sieht er aus, der Alltag in einer von Berlins größten Freizeitligen. Vier Ligen mit fast 60 Mannschaften und etwa 1000 Spielern sind darin «organisiert». Dabei sorgt gerade das Unorganisierte für den großen Zulauf. Kein Trainer, der einen scheucht, kein schlechtes Gewissen, wenn die Nacht zu lang geworden ist, kein staubiges Vereinsheim, in das man sich nach dem Spiel setzen muss, kein gar nichts. Dafür aber ein schäbiger Kunstrasenplatz und Landry mit dem Handy am Ohr.

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Geschätzte 13 Millionen kicken unorganisiert

Doch so widrig die Bedingungen auch sein mögen - der Freizeitfußball außerhalb der Sportverbände boomt wie noch nie. Mehr als 6,8 Millionen Mitglieder sind beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gemeldet, groben Schätzungen zufolge spielen doppelt so viele außerhalb der klassischen Verbandsstrukturen regelmäßig Fußball. «Der Freizeitsport jenseits der Sportvereine und Sportverbände ist außerordentlich gewachsen. In einer Stadt wie Berlin treiben die meisten Menschen informell Sport», erklärt der Sportsoziologe Sebastian Braun, Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. So ist es nur folgerichtig, dass es mit der Republik Fussball seit wenigen Wochen eine Initiative gibt, die die Freizeitfußballer deutschlandweit zusammenbringen will. Nach dem Modus des DFB-Pokals soll ein Titelträger der Freizeitkicker ausgespielt werden.

«Unser Ziel ist es, eine neue Heimat für Freizeit- und Hobbyfußballer zu schaffen. Dabei verfolgen wir einen bundesweiten Ansatz. Mit der Republik Fussball sollen die Freizeitfußballer von Husum bis Landshut zusammenfinden», sagt der Sprecher der Initiative, Jörn Kreuzer. Und die ersten Wochen lassen sich gut an. Am 17. Mai findet am Hamburger Millerntor die Deutsche Meisterschaft statt. Als Konkurrenz zum Vereinsfußball sehe man sich aber nicht, sagt Kreuzer. Beim DFB dürfte man anders darüber denken, wie Braun erläutert: «Die Vereine werden die Entwicklungen im Freizeitsport außerhalb ihrer Organisation nicht mit großer Begeisterung aufnehmen.»

«Die Vereine müssen sich neu orientieren»

Denn der Vereinsfußball hat ohnehin schon mit Problemen zu kämpfen. «Der Anteil des freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements im Sportbereich sinkt beträchtlich. In den Jahren 2004 bis 2009 hat der Sportbereich hochgerechnet rund 650.000 ehrenamtliche Helfer verloren», sagt Braun. Aber nicht nur die ehrenamtlichen Helfer gehen den Vereinen aus. Die Zahl der Mitglieder nimmt leicht ab - und was für den DFB besonders alarmierend ist: Immer weniger Jugendliche sind in den Vereinen aktiv. Im Vergleich zu 2010 verzeichnete der DFB im Jahr 2011 in der Altersklasse bis 18 Jahre einen Rückgang von fast 60.000 Mitgliedern. Dies ist zwar vor allem durch den demografischen Wandel zu erklären. Dennoch war der DFB in den vergangenen Jahrzehnten für seinen dynamischen Mitgliederzuwachs bekannt. Diese Zeiten sind vorbei.

«Die Vereine müssen sich neu orientieren, um mit den gesellschaftlichen Individualisierungstendenzen Schritt zu halten», sagt Braun. Auch beim DFB ist man der Ansicht, dass sich etwas verändern muss. «Wir müssen schnell im organisierten Sport Ideen entwickeln, wie man freie Kicker binden kann», fordert Bernd Schultz, Präsident des Berliner Fußball-Verbandes und Mitglied des DFB-Ausschusses für Freizeit- und Breitensport. Dass eine wirkliche Gefahr von den freien Ligen auf die Verbände ausgehen könnte, glaubt Schultz indes nicht.

Höhlen die Hobbykicker den DFB aus?

Tatsächlich dürfte es für die Freizeitfußballer schwierig werden, den Vereinsfußball auszuhöhlen. So verfügen die Vereine über die entscheidende Ressource: die Sportanlagen, welche entweder den Vereinen direkt gehören oder - wie häufig in Berlin der Fall - indirekt, indem sie durch ehrenamtliche Mitarbeiter der Vereine verwaltet werden. Was zur Folge hat, dass kleine, nicht im DFB organisierte Gruppen kaum Nutzungszeiten bekommen. Laut Braun wird daher die boomende Bewegung der frei organisierten Fußballer die «Monopolstellung der deutschen Sportverbände nur bedingt in Bedrängnis bringen».

Trotzdem wird man beim DFB diese Entwicklungen genau beobachten und seine Angebotspalette erweitern, damit viele der zurzeit noch frei organisierten Fußballer möglichst bald die Vorzüge eines ordentlichen Platzes und eines aufmerksamen Schiedsrichters erfahren sollen. Ob die das wollen, ist eine andere Frage. Denn Hobbykicker wie die von Dynamo Blutgrätsche schätzen ja gerade das Unorgansierte des Hobbyfußballs.

kru/eia/news.de/dapd

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