Birgit Fischer «Ein Gefühl wie ein Orgasmus»

Birgit Fischer (Foto)
Bei ihrem Comeback in Athen 2004 zeigte sie es allen und holte Gold und Silber. Bild: dapd

Von Julian Vetten
Sie sitzt wieder im Boot: Kanutin Birgit Fischer will mit 50 Jahren noch einmal zu Olympia. Die erfolgreichste Olympionikin der Sportgeschichte über den Moment, als sie wieder im Rennkajak saß, die Gründe für ihr Comeback und Training ohne Plan.

Frau Fischer, sechs Jahre sind seit Ihrem letzten Wettkampf vergangen, was haben Sie in der Zwischenzeit getrieben?

Birgit Fischer: Da gibt es so einiges. Als Erstes wäre da natürlich mein Unternehmen Kanufisch zu nennen, ich biete so ziemlich alles von Kanu-Kursen über geführte Kanutouren an. Daneben engagiere ich mich intensiv für den Naturschutz und baue an meinem Haus. Ich war also alles andere als tatenlos.

Aber Kanutouristen durch die Brandenburger Natur zu begleiten ist wohl doch etwas anderes als in einem Rennkajak zu sitzen. Verlernt man während so einer langen Pause irgendwelche Techniken?

Fischer: Nein, das ist wie Fahrradfahren. Dazu kommt, dass ich nie eine Technik wirklich bewusst gelernt habe. Sowas muss man fühlen, und bestimmte Fähigkeiten lernt man nur als Kind. Wassergefühl hat man oder eben nicht.

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Gefühl scheint bei Ihnen eine wichtige Rolle zu spielen. Ihr letztes Comeback 2004 haben Sie in Angriff genommen, nachdem Sie sich für ein Fernsehteam ins Rennkajak gesetzt haben. Wie war es diesmal?

Fischer: So ähnlich. Vor einigen Wochen waren ziemlich ambitionierte Paddler in meinem Kurs, und um sie zu begleiten, musste ich mich in den Rennkajak setzen. Da war das Gefühl sofort wieder da.

Können Sie das näher beschreiben?

Fischer: Es ist ein bisschen wie ein Höhepunkt, vielleicht kann man es am besten mit einem Orgasmus vergleichen. Oder wie wenn man vom Tourenrad aufs Rennrad umsteigt. Die Geschwindigkeit gibt den Kick.

Fühlen Sie sich nur in der Bewegung lebendig?

Fischer: Ja! Aber ich denke mal, wenn nicht zwei oder drei Worte reichen, um das zu erklären, dann wird das mein Gegenüber auch nicht verstehen.

Was passiert, wenn sich Ihr Körper nicht mehr bewegt?

Fischer: Dann ist er doch tot, oder? Bewegung und viel Abwechslung dabei macht mir Spaß, egal ob ich über die Wiesen laufe und fotografiere oder mit meinen Gruppen auf dem Wasser unterwegs bin.

Wie reagieren die Leute auf Ihr Comeback?

Fischer: Das ist sehr konträr. Nicht wenige meinen, ich sei verrückt.

Warum sagen das die Leute nach drei Comebacks und acht Olympischen Goldmedaillen immer noch?

Fischer: Ich weiß nur eines ganz sicher - es sind die gleichen Reaktionen wie bei meinen letzten drei Comebacks (lacht). Bestimmt trauen mir die meisten wegen meines Alters nichts mehr zu. Aber ich bin genauso gespannt auf das Ergebnis wie die. Komischerweise fühlt sich im Moment alles viel leichter als beim letzten Mal an.

Liegt das an Ihrem Trainingsplan?

Fischer: Sowas habe ich nicht auf dem Papier, sondern im Kopf und im Bauch, immer schon. Und ja, es ist das für mich richtige Training, was mich erfolgreich gemacht hat. In der DDR wollte man mir einen Plan aufzwingen, aber auch da hab ich mich nicht dran gehalten. 1989, als es dann erlaubt war, habe ich darüber auch meine Diplomarbeit geschrieben.

Dass man auch ohne Trainingsplan erfolgreich sein kann?

Fischer: Nein, dass auch im Sport viele Wege zu Olympia führen. Der Erfolg hat mir immer Recht gegeben. Die Sportwissenschaft sollte sich auch mit älteren Sportlern mehr auseinandersetzen. Und manche Trainer und Funktionäre sollten mündige Sportler nicht als störend empfinden, sondern als Gewinn für ein Team sehen.

Aber trainieren müssen Sie doch trotzdem regelmäßig?

Fischer: Sicher, und das werde ich auch.

Was machen Sie denn, wenn Ihnen der See im Winter zufriert?

Fischer: Irgendeine Rinne bleibt immer frei, notfalls zieh ich auf die Havel um. Im Februar habe ich eine neue Sportart erfunden, aus der Not heraus. Ich habe mir einfach die Nordic-Walking-Stöcke geschnappt und bin mit meinem Rodeo-Kajak über den zugefrorenen See geschliddert (lacht). So kann man sich natürlich nicht auf große Wettkämpfe vorbereiten. Sollte hier in Deutschland wegen Eises nichts mehr gehen, flieg ich zu Freunden nach Australien oder Südafrika und zieh da mein Programm durch.

Mal angenommen, von Verbandsseite geht alles klar und sie sind nächstes Jahr in London dabei...

Fischer: Für den Deutschen Kanu-Verband zählt nur die Leistung. Und wenn die passt, will ich nicht nur dabei sein, sondern mehr.

Sie haben mal gesagt, es geht nicht ums dabei sein, sondern ums Gewinnen.

Fischer: So ist es ja auch. Für einen Sportler der sich gut auf Olympia vorbereitet hat, kann die Ansage nur lauten: «Ich will gewinnen». Der Sieg muss das Ziel sein. Wenn es dann nicht klappt, lag es nicht an der Einstellung - dann waren andere besser.

Glauben Sie, der Bann wäre gebrochen, wenn sie einmal nicht Gold holen würden?

Fischer: Genau darum geht es ja. Wenn ich nicht mehr mit den Besten im Kajak mithalten kann, habe ich meine sportlichen Leistungsgrenzen erreicht. Dann komme ich bestimmt zur Ruhe und kann ohne offene Fragen und völlig gelassen auf eine sehr, sehr lange und erfolgreiche Zeit zurückschauen. Den Mut gehabt zu haben, noch mal ins Training zu gehen - das ist mein erster Sieg.

Birgit Fischer (49) ist die erfolgreichste deutsche Sportlerin und die erfolgreichste Olympionikin überhaupt. 27 WM-Titel und acht Olympische Goldmedaillen hat die Ausnahmeathletin in ihrer Laufbahn gewonnen. Von 1980 bis 2004 war sie bei allen Olympischen Spielen am Start und gewann mindestens eine Goldmedaille. Sieben Jahre nach ihrem Rücktritt will Fischer im kommenden Jahr in London noch einmal angreifen.

kru/beu/news.de/dapd

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