Tour de France
Der «traurige Clown» lacht endlich

Der «Clown mit dem traurigen Gesicht» lacht wieder. Mit seinem Tour-de-France-Sieg 2011 hat Cadel Evans nicht nur das vom Fachblatt L'├ëquipe gepr├Ągte Bild ausradiert, sondern auch andere, weit weniger schmeichelhafte Spitznamen.

Cadel Evans holt sich das begehrteste Gelb des Radsports. Bild: dpa

Pechvogel, Zauderer und Ewiger Zweiter wurde der Australier genannt, ehe er im Gelben Trikot auf den Pariser Champs ├ëlys├ęes einfuhr und sich endg├╝ltig in die Riege der besten Radprofis der Welt einreihte. «Ich bin ein freier Mann» - nie traf sein Credo mehr zu als nach der Triumph-Tour.

Evans ist ein Sonderling im Peloton, der sich als «Individualist» in relativ schwachen Mannschaften gegen Gegner mit viel st├Ąrkeren Teams stets ein bisschen mehr ins Zeug legen musste. An Niederlagen hatte sich der am Luganersee wohnende Radstar gew├Âhnt: Unter den vielen zweiten Pl├Ątzen ragen die Jahre 2007 und 2008 hervor, als er bei der Tour - 2008 gegen den Spanier Carlos Sastre sogar als gro├čer Favorit - in den entscheidenden Zeitfahren gescheitert war.

FOTOS: Radsport Gute Gr├╝nde, die Tour zu schauen

«Ich habe viel Kritik kassiert in den vergangenen Jahren», sagte Evans, der wegen seiner zur├╝ckhaltenden und zu vorsichtigen Art schon als «Hinterradlutscher» verspottet worden war. Bei seinem Coup von Grenoble attackierte er die Br├╝der Schleck und bewahrte - wie in den Alpen - zugleich die Nerven. «Diese Situation war ja nicht neu f├╝r mich», erkl├Ąrte er. Bei der zweiten Tour mit dem US-Team BMC blieb er auf der Stra├če cool - im Gegensatz zur offiziellen Pressekonferenz nach seinem eindrucksvollen Auftritt beim Einzelzeitfahren.

Sch├╝chterner Sonderling

Wie ein aufgeregtes Kind sa├č der 34-J├Ąhrige vor einer Heerschar von Journalisten auf dem Podium und versuchte - zumeist erfolglos - souver├Ąn zu wirken. Auf relativ kurze Fragen antwortete er in epischer L├Ąnge, andere Analysen beschr├Ąnkten sich auf wenige W├Ârter. Zuweilen fielen Evans englische W├Ârter nicht mehr ein, und er behalf sich mit italienischen oder franz├Âsischen Ausdr├╝cken.

Auf die Frage, ob er den Tour-Erfolg jemandem widme, versagte ihm seine Piepsstimme. Unter Tr├Ąnen erinnerte Evans an seinen im Dezember 2010 verstorbenen Trainer Aldo Sassi, den er einmal als «zweite Familie» bezeichnet hatte. 2002 hatte er sich unter Sassis Fittiche begeben. «Er hat mir immer gesagt, dass ich die Tour gewinnen kann», erinnerte Evans. «Heute f├╝r ihn hier zu sein...» - dann weinte er.

Sassi hatte aus Evans einen Stra├čenradprofi geformt, nachdem der sch├╝chterne Australier Erfolge im Mountainbike gefeierte hatte. Den Sport hatte Evans im zarten Alter von zwei Jahren in Nord-Australien entdeckt, wo er in dem Aborigines-St├Ądtchen Katherine aufwuchs. «Wir hatten keinen Fernseher, also dauerte es bis 1991, bis ich zum ersten Mal Bilder der Tour de France gesehen habe», erz├Ąhlte Evans.

Talentierter Bruchpilot

Dass er 20 Jahre sp├Ąter selbst Hauptdarsteller in Frankreich sein wird und als ├Ąltester Tour-Sieger der Nachkriegszeit in die Historie eingeht, hatte lange niemand f├╝r m├Âglich gehalten. Obwohl talentiert und flei├čig, galt er als Bruchpilot. 2004 strich sein Team Telekom ihn aus dem Tour-Kader, weil er nach Ansicht der Mannschaftsleitung wegen seines Fahrstils eine Gefahr f├╝r die Teamkollegen sei. Im Jahr zuvor hatte er sich bei St├╝rzen dreimal das Schl├╝sselbein gebrochen.

Heute wirkt Evans selbstbewusster. Ausgerechnet eine Frage nach Doping und ob er Galionsfigur eines sauberen Sports sei, wiegelte er dann aber entschieden und zur ├ťberraschung der Reporter ab. «Ich bin der falsche, dar├╝ber zu reden», meinte Evans, der bei Dopingtests noch nie aufgefallen war. Stutzig macht lediglich seine Entourage: Teammanager Jim Ochowicz war enger Vertrauter von Lance Armstrong, Rennstallchef John Lelangue und Geldgeber Andy Rihs f├╝hrten 2006 Regie im Phonak-Team von Floyd Landis - dem einzigen Radprofi, dem bislang der Tour-Sieg wegen Dopings aberkannt wurde.

hem/cvd/news.de/dpa

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