Jürgen Klopp «Zum Glück bin ich nicht völlig verblödet»

Jürgen Klopp lässt die Profis von Borussia Dortmund derzeit richtig schwitzen. Von einer Titelverteidigung redet er nicht, dafür spricht der Meistertrainer im Interview über seinen Geisteszustand, Magaths Medizinbälle und die Champions League.

Dortmund-Coach Klopp (Foto)
Dortmund-Coach Klopp: Das Vereinsgelb leuchtet heller denn je. Bild: dpa

Herr Klopp, vor wenigen Wochen haben Sie Ihre erste deutsche Meisterschaft gefeiert. Hat Sie dieser Erfolg verändert?

Klopp: Gar nicht. Es gab zwei, drei zusätzliche überragende Festivitäten in meinem Leben, die ich ohne diesen Erfolg nicht erlebt hätte. Ansonsten habe ich keine Veränderungen an mir festgestellt.

Eigentlich müssten Sie sich doch geadelt fühlen. Viele Trainerkollegen haben Ihre Arbeit als richtungsweisend bezeichnet...

Klopp: Für Erfolg gibt es kein Patentrezept. Als Felix Magath als Trainer Meister wurde, haben viele den Medizinball wieder für ein adäquates Trainingsgerät gehalten. Dass wir ihn nicht einsetzen, hat uns nicht daran gehindert, Meister zu werden. Wir sind ganz sicher nicht die einzigen, die wissen wie es geht.

Trainingsauftakt: So schwitzen die Bundesligastars

Es heißt, die größten Fehler werden im Erfolg gemacht. Dafür gab es viele Beispiele - auch vor Jahren in Dortmund. Ist der BVB gefährdet?

Klopp: Möglicherweise verliert man in solchen Fällen den Blick für die Realität. Uns ist das nicht passiert. Wir haben wichtige Entscheidungen getroffen, die wir im Übrigen auch getroffen hätten, wenn wir Vierter geworden wären.

Welche?

Klopp: Wir hatten nicht das Gefühl, wir müssten in einem anderen Regal und teurer einkaufen.

Aber der Meistertitel eröffnet neue finanzielle Spielräume. Verleitet das nicht dazu, über teurere Transfers nachzudenken?

Klopp: Es gab irgendwo auf der Welt einen hochinteressanten 18, 19 Jahren alten Jungen, der sollte 15 Millionen Euro kosten. Über den haben wir lange nachgedacht. Aber wir sind bisher unseren Weg gern gegangen. Wenn Geschäftsführer Watzke sagt, soviel dürfen wir ausgeben, frage ich nicht, ob es vielleicht nicht doch ein bisschen mehr sein darf. Ich bin nicht derjenige, der vorgibt, wie viel der Verein investieren muss. Ich bin der, der mit dem umgehen muss, was der Verein bereit ist zu investieren.

Für welche BVB-Spieler würden Sie sich interessieren, wenn Sie Trainer eines anderen Vereins wären?

Klopp: Ich würde alle Jungs haben wollen. Ich würde weinen, weil sie nicht in meinem Regal stehen. Die Gewähr bei den Jungs ist sehr groß, weil sie keinen Vogel haben, den man ab und zu mit einkauft. Ich meine das bunte Teil im Kopf, das die Jungs auf Abwege führt.

Der BVB hat seinen Kader mit Gündogan, Löwe, Perisic und Leitner ergänzt. Erfüllen die Neuzugänge bisher Ihre Erwartungen?

Klopp: Wir wollten genau diese Jungs haben, weil wir von Ihnen überzeugt sind. Jetzt müssen sie sich an uns gewöhnen, dann werden sie uns verstärken. Die Trainingseindrücke sind gut. Allerdings geht man in der Vorbereitung durch ein tiefes Tal. Und der ein oder andere braucht dafür ein bisschen länger.

Bundesliga: So hat sich Ihr Klub verstärkt

Bisher ging es unter Ihrer Regie beim BVB stetig nach oben. Vom sechsten auf den fünften und nun sogar auf den ersten Platz. Mehr geht nicht. Wird die vierte Saison beim BVB deshalb Ihre schwerste?

Klopp: Ich bin glücklicherweise nicht völlig verblödet und weiß, dass es bei Platz eins schwieriger wird. Es ist verdammt schwer, so eine Saison zu toppen. 75 Punkte holt man nicht jedes Jahr - egal wer. Aber es gibt im Fußball zwei Größen, die du immer verbessern willst: die Qualität jedes einzelnen Spielers und die Qualität des Mannschaftsspiels. Und was die Spieler anbetrifft, haben wir bei vielen noch massenhaft Spielraum.

Kann ein Team, das in so überzeugender Manier Meister wird, wirklich noch besser spielen?

Klopp: Wenn man so eine junge Mannschaft hat, ist es fast schon eine Bürgerpflicht, sich weiter zu entwickeln. Es wäre ja Wahnsinn, wenn die Jungs irgendwann auf ihre Karriere herabblicken und sagen, meine beste Zeit hatte ich mit 21 Jahren.

Zum ersten Mal in Ihrer Amtszeit beim BVB wurde von Geschäftsführer Watzke ein Saisonziel ausgegeben. Haben Sie ihm dazu geraten?

Klopp: Das haben wir natürlich miteinander abgesprochen. Als deutscher Meister sollte man sich einen internationalen Platz als Ziel setzen. Wir würden uns am Ende der Saison darüber wirklich total freuen.

Das klingt bescheiden ...

Klopp: Unsere Definition für uns selbst wird sich nicht verändern. Wir werden der erste Meister in der Geschichte des Fußballs, der in die nächste Saison wirklich als Herausforderer und nicht als Titelverteidiger geht.

Wen wollen Sie denn herausfordern? Wer ist Titelfavorit?

Klopp: Das ist Bayern München. Es wäre Wahnsinn, wenn es nicht so wäre, mit dem, was die Münchner einsetzen. Einmal nicht Meister zu werden, kann passieren. Aber bei zweimal in Folge wäre vieles passiert. Auch der Kader der Leverkusener hat außergewöhnliche Qualität. Die sind brutal stark und ebenfalls ein großer Herausforderer.

Wie wollen Sie es schaffen, Ihren jungen Spielern den Respekt vor der großen Stars in der Champions League zu nehmen?

Klopp: Wieso? Unsere Spieler haben deutlich mehr mit den Spielern aus der Champions League zu tun, als mit denen von Bayern München. Die kennen die Schwächen und Stärken eines jeden internationalen Stars - aus der Play-Station. Davon abgesehen: Respekt hat nichts damit zu tun, trotzdem frech zu sein. Aber dass wir das Gefühl kriegen könnten, durch die Champions League zu reiten und sie möglicherweise auch zu gewinnen, wäre Quatsch.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass die Zusatzbelastung in der Champions League Substanz für die Bundesliga kostet?

Klopp: Mir konnte noch niemand schlüssig erklären, warum die Champions League mehr Kraft kosten soll als die Europa League. Dort haben wir in der vorigen Saison gespielt. Aber auf gewisse Erfahrungen hätten wir dabei gern verzichtet. Wenn der Ball bei unserem 0:1 im Heimspiel gegen Sevilla im Seitenaus war, hat es zwölf Minuten gedauert, bis er wieder im Spiel war. Da musste man an unsere Spieler Jacken austeilen, damit sie nicht frieren.

hem/news.de/dpa

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