Klitschko vs. Haye «Hayes Provokationen sind schäbig»

Klitschko vs. Haye (Foto)
«So etwas gehört sich im Sport einfach nicht, auch nicht im Boxen»: Fritz Sdunek prangert Hayes Provokationen an. Bild: dpa

Ullrich KroemerVon news.de-Redakteur
Wer schickt wen auf die Bretter? Mit dem Duell zwischen Wladimir Klitschko und David Haye steigt einer der größten Schwergewichtskämpfe der Boxhistorie. Mit news.de spricht Boxtrainer Fritz Sdunek über Psychokrieg und die letzten Stunden vor dem Fight.

Herr Sdunek, nach jahrelangem Anlauf findet der Kampf zwischen Wladimir Klitschko und David Haye heute nun endlich statt. Es geht um drei WM-Gürtel, ist das der bisher wichtigste Schwergewichtskampf dieses Jahrtausends?

Fritz Sdunek: In jedem Fall einer der Wichtigsten. Lennox Lewis gegen Vitali Klitschko 2003 war ein ähnliches Kaliber. Allein schon von dem Palaver her, was im Vorfeld um den Kampf gemacht wurde.

Vor allem David Haye provozierte bis aufs Messer, zeigte sich mit T-Shirts auf denen er die abgetrennten Köpfe der Klitschkos präsentierte. Sogar ein von Haye produziertes blutiges Videospiel mit ähnlichem Inhalt gibt es zu kaufen.

Sdunek: Das ist schon unter Gürtellinie, ich finde das schäbig. So etwas gehört sich im Sport einfach nicht, auch nicht im Boxen. Er meint, damit Psychokrieg führen zu können, aber das wird bei Wladimir keinen Erfolg haben.

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Wie reagiert Wladimir auf diese Provokationen?

Sdunek: Er ist ja bei den letzten Pressekonferenzen zum Teil auch aggressiv geworden mit seiner Wortwahl und hat da gut kontra gegeben. Wladimir ist in den vergangenen Jahren mental viel stärker geworden.

2004 hat sich Wladimir von ihnen als Trainer und dem gesamten Team getrennt. Wie hat er sich seither entwickelt?

Sdunek: Boxerisch war er schon damals ein fast kompletter Schwergewichtler. Aber er ist mental stärker geworden. Er trainiert bewusster und ist insgesamt stabiler geworden.

Wie hat er das geschafft?

Sdunek: Das ist seine eigene Stärke. Nach den beiden Niederlagen gegen Corrie Sanders und Lamon Brewster hat er sich selbst aus seinem Tief herausgezogen. Oder als er 2005 gegen Samuel Peter dreimal angezählt wurde und dann noch gewonnen hat. Das waren Kämpfe, die ihn richtig wachgerüttelt haben. Nach seiner Niederlage gegen Corrie Sanders 2003 ist er ein anderer Wladimir Klitschko geworden, der bewusster arbeitet und sich auf seine Stärken besonnen hat.

Haye bestreitet nach seinem Wechsel vom Cruisergewicht erst seinen fünften Schwergewichtskampf. Was erwarten Sie von ihm?

Sdunek: Er ist sehr schnell, da muss Wladimir aufpassen in den ersten Runden. Aber ich denke, er ist noch nicht richtig angekommen im Schwergewicht. Vielleicht sehen wir in den ersten Runden einen flüchtenden Haye, der dann immer wieder reinspringen will. Wladimir muss ihn da hochkonzentriert mit seiner FührungshandDie Hand, die dem Gegner näher ist. unter Druck setzen und dann wird er ihn schon zermürben.

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Diese defensive Taktik kennt man aus Hayes letzten Kämpfen.

Sdunek: Ich denke, dass er das wieder so machen wird. Dann wird er wieder rumspinnen, die AuslageUnter der Auslage versteht man beim Boxen die für einen Kämpfer zweckmäßige und vorteilhafte Richtung zum Gegner. Die Kämpfer stehen dabei einander nicht frontal, sondern versetzt gegenüber, wobei diejenige Hand, die dem Gegner näher ist, als Führhand bezeichnet wird, die hinten liegende Hand entsprechend Schlaghand. Man unterscheidet zwischen Links- oder Normalauslage, bei der das linke bein und die linke Hand näher zum gegner stehen, und Rechtsauslage. wechseln und provozieren, so wie er es beim Pressetraining gemacht hat. Aber damit kann er niemanden beeindrucken.

Haye hat allerdings angekündigt, ganz anders zu boxen, als es das Klitschko-Lager erwartet.

Sdunek: Das ist alles nur Psychokrieg, er muss ja die Leute unter Spannung halten.

Von der Reichweite, Größe und Gewicht hat Wladimir Vorteile. Wie viel sagt das tatsächlich aus?

Sdunek: Wladimir hat klare Vorteile, er muss sie nur nutzen. Im Schwergewicht hat Wladimir weltweit mit die beste Führungshand, die muss schnell kommen. Wenn das gelingt, kann er Haye unter Druck setzen.

Gibt es etwas, das Wladimir anfällig macht?

Sdunek: Gar nichts.

Er hat keine einzige Schwäche?

Sdunek: Schwächen hat jeder, aber darüber spricht man nicht. (lacht)

Wie genau sieht Wladimirs Tagesablauf wenige Stunden vor dem Kampf aus?

Sdunek: Ich kann nicht genau sagen, wie er sich jetzt vorbereitet. Aber ich denke, sie werden das nicht geändert haben. Er wird morgens einen Spaziergang machen, bei dem nochmal die Taktik durchgesprochen wird. Nach dem Mittagessen legt er sich kurz hin und lenkt sich dann beim Fernsehngucken ein bisschen ab.

Wie intensiv ist Ihr Kontakt zu Wladimir nach der Trennung eigentlich?

Sdunek: Wir haben uns direkt vor dem Kampf in Hamburg jetzt schon dreimal gesehen.

Geben Sie ihm bei diesen Gelegenheiten Tipps?

Sdunek: Nö, nö, da mische ich mich nicht mehr ein. Ich habe ihn nur dafür gelobt, wie er vor dem Kampf gearbeitet hat.

Angenommen, Sie wären noch Wladimirs Trainer, was würden Sie ihm wenige Stunden vor dem Kampf mit auf den Weg geben?

Sdunek: Einfach so weiterzumachen wie bisher. Er hat ein selbstbewusstets Pressetraining absolviert, hatte optimale Sparringspartner, die sehr schnell auf den Beinen waren. Er kann beruhigt sein, es ist in der Vorbereitung alles optimal gelaufen.

 

Fritz Sdunek (64) ist hierzulande einer der bekanntesten Boxtrainer. Der gebürtige Mecklenburger trainierte unter anderem «Tiger» Dariusz Michalczewski oder Ralf Rocchigiani. Auch Wladimir Klitschko gehörte bis 2004 zu seinen Schützlingen. Nach langen Jahren beim Hamburger Universum-Boxstall beendet Sdunek im vergangenen Jahr seine Tätigkeit für Promoter Klaus-Peter Kohl und betreut derzeit ausschließlich Vitali Klitschko sowie Mittelgewichtler Felix Sturm.

hem/news.de

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