Jens Voigt «Ich will nicht wie ein Opa klingen»

Radprofi Voigt (Foto)
Jens Voigt fährt bei der Tour de France. Bild: dpa

Jens Voigt startet am Samstag in seine 14. Tour de France. Im Interview erklärt der Altmeister, warum ihm dieser Rekord nichts bedeutet, warum an Rente noch lange nicht zu denken ist und warum sein Horrorsturz 2009 sich nicht verdrängen lässt.

Herr Voigt, am Samstag beginnt Ihre 14. Tour de France. Herrscht bei Ihnen überhaupt noch Vorfreude?

Jens Voigt: Natürlich. Die Vorfreude ist groß. Es ist das größte, schwerste und schönste Rennen und es ist immer eine Auszeichnung, wenn man für würdig befunden wird, in den Kader zu kommen.

Im vergangenen Jahr haben Sie gesagt, dass es ein Armutszeugnis für die jungen Fahrer wäre, wenn sie es noch einmal in den Tour-Kader schafften.

Voigt: Ich will jetzt nicht wie ein alter Opa klingen, aber zu meinen Zeiten ist kein fast 40-Jähriger mehr die Tour gefahren. Der Sport entwickelt sich so, dass man als Fahrer länger durchhält. Ich habe immer auf meinen Körper geachtet und den Sport seriös betrieben. Vor dem Jahr dachte ich mir, automatisch bist du nicht dabei. Ich musste mich selber strecken, denn ein Geschenk ist die Nominierung sicher nicht.

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Mit Ihrer 14. Tour-Teilnahme ziehen Sie mit Erik Zabel gleich und werden deutscher Rekordteilnehmer. Was bedeutet Ihnen das?

Voigt: Nichts ist unbedeutender als ein Rekord der meisten Teilnahmen. Das ist genau wie diese imaginäre Wertung «bester Deutscher». Wenn man Bester von allen ist, dann ist es was. Aber zum Beispiel 85. und bester Deutscher zu sein, das wäre doch armselig.

Aber hätten sie vor 14 Jahren gedacht, dass Sie das Rennen einmal so oft bestreiten werden?

Voigt: Es ist nichts, worauf ich geachtet habe. Aber seit ich 1998 bei den großen Teams fahre, habe ich mich jedes Jahr für die Tour qualifiziert. Darauf bin ich schon ein bisschen stolz.

Wie lange hält der Motor noch?

Voigt: Ich habe sechs Kinder zu ernähren. Vielleicht bis 55? (lacht) Keine Ahnung, ich nehme es, wie es kommt. Im Augenblick sage ich, ein Jahr geht noch.

Und dann bleiben Sie dem Radsport erhalten?

Voigt: Es wäre die logische Konsequenz. In Sachen Sport bin ich nach 30 Jahren schon eine Art Fachmann mit Blut, Schweiß und Tränen erkauften Erfahrungen. Woanders wäre es schwierig, den Einstieg zu finden. Von daher denke ich, dass ich dem Sport erhalten bleibe.

Lesen Sie auf Seite 2, warum er immer wieder an seinen Horrorsturz denken muss

Drängelt Ihre Familie nicht, dass Sie endlich vom Rad steigen sollen?

Voigt: Meine Frau weiß, dass es nicht gut wäre, wenn sie mich drängelt. Sie erkennt, dass es eine Sache ist, die ich mit mir selber ausmachen muss. Die kleinen Kinder wollen natürlich, dass Papa mehr zu Hause ist. Aber die größeren sind schon so realistisch, dass sie sagen, meine Playstation muss ja jemand bezahlen. Sie merken, dass ich glücklich im Job bin. Das tut auch der Familie gut.

Im Mai verstarb Ihr Teamkollege Wouter Weylandt, Sie brachen sich im Mai bei einem Crash das Kahnbein. Fährt da nicht langsam die Angst mit?

Voigt: Vor zwei Jahren hatte ich bei der Tour ja meinen eigenen üblen Sturz, ähnlich wie der von Wouter. Ich hatte großes Glück, dass ich ohne großen Schaden davongekommen bin. Das ist in der hinteren Schublade meines Erinnerungsvermögens versteckt, aber das bricht schon immer wieder hervor.

Würden Sie wegen Ihrer Kinder aufhören?

Voigt: Ich denke ja. Ich bin ihnen gegenüber sehr nachgiebig, sie haben Mitspracherecht. Wenn man merkt, dass es ihnen wirklich wichtig ist, eine Herzensangelegenheit, dann würde ich es in Erwägung ziehen.

Wie ist Ihre Form so kurz vor Tour-Beginn?

Voigt: Die ist gut. Ich werde wohl keine Etappe gewinnen, aber es geht ja darum, dass wir den stärksten Fahrer nach Paris bringen.

Das wäre dann aus Ihrer Sicht einer der beiden Schleck-Brüder. Ist Alberto Contador zu schlagen nach seinem furiosen Giro-Sieg?

Voigt: Der Giro ist nicht die Tour, da würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Beim Giro gibt es drei, die gewinnen können, bei der Tour sind es zehn. Hier ist mein Podium: Einer der Schleck-Brüder gewinnt, Zweiter Robert Gesink, Dritter Cadel Evans. Gesink halte ich für den härtesten Konkurrenten. Vielleicht bin ich ein Prophet, vielleicht ein Blindfuchs.

Contador steht trotz eines positiven Tests am Start. Wie sehen Sie die Angelegenheit?

Voigt: Für mich ist völlig unverständlich, dass es elf Monate dauert, bis da eine Lösung gefunden wird. Warum sind sie nicht gleich zum Cas? Das war doch jedem klar, dass es dort enden wird. Alles was wir wollen, ist schwarz auf weiß: Er ist schuldig oder er ist unschuldig. Die jetzige Situation ist für jeden unerträglich. Egal was passiert, Contador wird immer die Schlagzeile haben.

Wird es Buhrufe der französischen Fans auf den Etappen geben?

Voigt: Das wird ganz sicher passieren. Es wird nicht immer einfach. Die Franzosen haben auch Lance und seine Truppen ausgebuht. Ich kann mir vorstellen, dass es Buhrufe für Alberto gibt.

Abgesehen von dem unendlichen Fall Contador: Hat sich der Radsport in Sachen Doping gebessert?

Voigt: Auf jeden Fall. Ich habe letztes Jahr mit 38 sogar noch ein Rennen gewonnen. Jetzt mit 39 fahre ich immer noch gut mit. Wenn ich Tempo mache, tut es den anderen immer noch weh. Das wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen.

hem/phs/news.de/dapd

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