Fifa Frauen-WM 2011 Die unerträgliche Schwere des Seins

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Bunt und brav: Fans der Frauen-Nationalelf. Bild: imago

Von news.de-Redakteur Michael Heinrich, Berlin
Frauenfußball hat es nicht leicht. Nicht nur weil er im Schatten des Männerfußballs steht und weil sich die WM - trotz aller Beteuerungen - mit dem Sommermärchen 2006 messen lassen muss. Die Frauen-WM trägt auch schweren ideologischen Ballast.

Fifa Frauen-WM 2011

Vor dem Berliner Olympiastadion drängen sich die Menschen in stiller Begeisterung zu den Eingängen. Kein lautes Grölen wie vor fünf Jahren zur Weltmeisterschaft der Männer - aber genauso bunt und vor allem jedoch: viel weiblicher. Der angestrebte Imagewandel und der erhoffte Aufschwung des Frauenfußballs scheinen hier zu funktionieren. Viele Mädchen sind darunter, viele auch, die durch Aufdrucke auf Trainingsanzügen selbst als Spielerinnen zu erkennen sind.

Was denn hier los sei, fragt ein junger Mann, der im angrenzenden Park mit Kind und Kegel spazieren geht. Die Farben, mit denen sich die Menschen als Fans der Nationalelf zu erkennen geben, irritieren ihn. «Wer spielt denn?» Offensichtlich hat der Mann keinen Fernseher. Denn der Info, dass am Sonntag das WM-Auftaktspiel der deutschen Frauen-Nationalelf gegen Kanada stattfindet, konnte man eigentlich nicht entgehen.

Sprüche über Frauenfußball
«Nicht Tisch decken, Mann decken!»
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Omnipräsent durch Auftritte für Elektro-Händler, Sportartikel-Hersteller und die Post waren die Kickerinnen in den letzten Wochen. Unter allen Umständen galt es Desinteresse in der Bevölkerung vorzubeugen. Die Marketingmaschine lief Wochen im Vorfeld schon auf Hochtouren. Fußball sei weiblich, wurde da propagiert und mindestens genauso attraktiv wie der, der von den Männern gespielt wird.

Erwünschte Gleichberechtigung

Im Stadion hält unterdessen Bundespräsident Christian Wulff seine Eröffnungsrede. Kanzlerin Angelika Merkel, Fifa-Boss Sepp Blatter und eine Reihe B-Politker sind auch da. Es ist schließlich für einen guten Zweck: Im Sinne der Political Correctness muss Frauenfußball allgemein anerkannt werden. Der Fußball muss dabei als Abbild der Gesellschaft herhalten.

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«Besser als Männerfußball»
Video: phs/news.de/dapd

In unserer Zeit in einem Land, in dem Frauen nicht nur im Fußball noch immer weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, ist es nur löblich, dass sich die Oberen ins Zeug legen, diesen Zustand nicht als naturgegeben hinzunehmen. Aber muss denn der Fußball dafür die Bühne bieten?

Sport ist ein einfacher Türöffner. Schon Nelson Mandela nutzte Rugby, um seinen Traum von der Regenbogennation Südafrika zu verwirklichen. Trockene Debatten sind längst nicht so einprägsam wie auf einfache, einprägsame  Weise zur Schau gestellte und mit Emotion verbundene Ideale. Frauenfußball ist zweckdienlich. Populär und bitte schön sexy soll er dafür sein! Das schwache Geschlecht hat es auch jenseits der Macho-Anfeindungen schwer.

Verlängerter Christopher-Street-Day

Dass das Olympiastadion beim Match Deutschland gegen Kanada ausverkauft ist, ist schon einmal wunderbares Zeichen - weil sich damit ein Rekord verkünden lässt: Mehr Zuschauer sahen in Europa noch nie ein Frauen-Länderspiel. Auf den Rängen turteln auffallend viele lesbische Paare. Am Samstag war in Berlin Christopher-Street-Day mit rund 400.000 Teilnehmern. Einige Besucher sind anscheinend gleich noch einen Tag länger geblieben. Ein Schelm, der an clevere Planung denkt!

Dabei wollten die Schönzeichner der Realität eigentlich weg vom Image der Mannweiber, die sich rund um den Frauenfußball tummeln. Doch auch auf der Fanmeile am Hauptbahnhof dominieren Kurzhaarfrisuren. Es ist halt wie es ist. 

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Die deutsche Frauen-Nationalelf gewinnt 2:1. Die Spielerinnen geben tatsächlich das propagierte Bild der sexy Kickerinnen ab. Sportlich war es ein solider Auftritt, der Lust auf mehr machen würde, wenn der Frauenfußball nicht diesen ewigen Gender-Ballast mit sich rumtragen würde. Wenn der Zuschauer vorurteils- und vor allem vorgabenfrei schauen könnte. Aber dann wäre es wohl Männerfußball.

Frauen-WM
Schönsein auf dem Rasen
Video: news.de
Christopher Street Day
Schwule und Lesben fordern feiernd mehr Toleranz
Video: dapd

beu/news.de

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